Natur

Moorpläne: „Viel Aktionismus und Symbolpolitik“

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 07.12.2021 17:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Hochmoorgrünlandweide in Ostfriesland: Landwirte fragen sich, welche Flächen überhaupt für eine Vernässung in Frage kommen. Foto: Cordsen
Eine Hochmoorgrünlandweide in Ostfriesland: Landwirte fragen sich, welche Flächen überhaupt für eine Vernässung in Frage kommen. Foto: Cordsen
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Der Koalitionsvertrag ist frisch unterzeichnet – und demnach will die neue Bundesregierung Moorböden vernässen und das Klima schützen. Daran gibt es Kritik und Zweifel von Bauern und Naturschützern.

Ostfriesland - Der von den neuen Regierungsparteien in Berlin gemeinsam gebilligte Koalitionsvertrag könnte auch Wirkung für von Bauern und Torfwirtschaft genutzte Flächen in Ostfriesland entfalten, unter anderem rund um Wiesmoor. Um Klimaziele zu erreichen und den Ausstoß schädlicher Gase zu verringern, hat die Politik nun Moorflächen als Hebel entdeckt. Bis 2030 soll das Ausgasen jährlich um fünf Millionen Tonnen verringert werden, indem Flächen wiedervernässt werden. Zuletzt hatten Bund und Länder schon eine entsprechende Zielvereinbarung unterzeichnet. Denn so viel Kohlendioxid lebende Torfmoose aus der Atmosphäre gebunden haben: Wenn Moore trockengelegt werden, setzen die Böden in Kontakt mit der Luft das Klimagas wieder frei. Schätzungen des Landes aus dem Jahr 2016 nach stammen elf Prozent des CO2-Ausstoßes in Niedersachsen aus trocken gelegten Moorflächen, ein Bruchteil davon stammt aus aktivem Torfabbau.

Eine Torfabbaufläche aus der Luft. Diese Form des Raubbaus, bei dem in schneller Zeit große Mengen an gebundenem CO2 freigesetzt werden, will die Politik zeitnah verbieten. Foto: privat
Eine Torfabbaufläche aus der Luft. Diese Form des Raubbaus, bei dem in schneller Zeit große Mengen an gebundenem CO2 freigesetzt werden, will die Politik zeitnah verbieten. Foto: privat

Im Koaltionsvertrag heißt es auf Seite 38: „Wir entwickeln ein Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, mit dem wir Synergien zwischen Natur und Klimaschutz schaffen und stärken mit Renaturierungsmaßnahmen die Resilienz unserer Ökosysteme, insbesondere Moore, Wälder, Auen, Grünland sowie marine und Küstenökosysteme, gegen die Klimakrise.“ Man stelle dafür eine ausreichende Finanzierung aus dem Energie- und Klimafonds bereit. Zusätzlich wolle man einen Bundesnaturschutzfonds einrichten. Ferner heißt es: „Moorschutz liegt im öffentlichen Interesse. Wir werden eine Nationale Moorschutzstrategie verabschieden und zügig umsetzen. Wir werden die Umsetzung von Moorschutzmaßnahmen durch einen partizipativen Prozess zur Erarbeitung nachhaltiger Entwicklungskonzepte begleiten,“ Dabei wolle man „Perspektiven für die Regionen entwickeln und alternative Bewirtschaftungsformen stärken“. Zudem will der Bund „Alternativen zur Torfnutzung entwickeln und einen Ausstiegsplan für Torfabbau und -verwendung“ beschließen.

Große Skepsis bei den Landwirten

Der Präsident des ostfriesischen Landvolkes, Manfred Tannen, hatte zuletzt mehrfach beklagt, dass große Verunsicherung in der Landwirtschaft herrsche, weil Pläne im Raum stehen, aber völlig unklar bleibt, über welche möglichen Flächen man überhaupt spricht und wie Landwirte da entschädigt werden könnten. Auch Ottmar Ilchmann (Klostermoor), Landeschef der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und Vorstand im Verein „Moor- und Naturschutz Aktiv“ sieht das Vorhaben kritisch. „Man kann nicht abstreiten, dass die Entwässerung der Moore dazu geführt hat, dass in einem erheblichen Maß Kohlendixid aus trockengelegten Flächen in die Atmosphäre entweicht. Aber man macht es sich da sehr leicht. Für mich ist das billiges Ausweichen, um den Flugverkehr nicht einschränken zu müssen oder auf ein Tempolimit auf der Autobahn verzichten zu können.“

Schon die praktische Umsetzbarkeit sei schwierig. „Will man dann, je nach Landwirt, Spundwände in den Boden wummern und dann Wasser pumpen, damit nur diese und jene Fläche vernässt wird? Es ist allein ja fraglich, welche Flächen überhaupt infrage kommen, schon weil früher – staatlich gefördert – viele Moorflächen ja tiefgepflügt worden sind. Da bringt auch alles Wiedervernässen nichts mehr. Hochmoorflächen fallen ganz raus, wenn man nicht ganze Landstriche und Ortschaften unter Wasser setzen will. Und wo soll gerade mit Blick auf die Dürren der vergangenen Jahre das ganze Wasser überhaupt herkommen?“ Die Politik wisse, „dass vieles gar nicht umsetzbar ist – ich sehe da viel Aktionismus und Symbolpolitik, so sehr ich schon auch für den Schutz der Moore bin“, sagt Ilchmann.

„Brauchen ehrliche Bestandsaufahme“

Wie Tannen fordert auch Ilchmann eine „ehrliche Bestandsaufnahme und auch eine ehrliche Berechnung, welchen Klimaschutznutzen man zu welchen volkswirtschaftlichen Kosten und welchem Steuergeld-Aufwand hier erzielt“. Bislang stehen vom Bund rund 350 Millionen Euro bereit, heißt es aus Berlin. „Aber das reicht doch vorne und hinten nicht, um die Bewirtschaftungsnachteile und Ertragsausfälle aufzuwiegen, die bei solch einer möglichen kalten Enteignung entstehen würden“, sagt Ilchmann. Denn man entziehe so den Landwirten und insbesondere vielen Kollegen in Ostfriesland wichtige Flächen zum Bewirtschaften. Etwa ein Viertel der ostfriesischen Agrarflächen sind Moorstandorte. „Das betrifft tausende Betriebe, da geht es um Jahrzehnte, da müsste es auch um viele Milliarden gehen. Was bislang bereit steht, ist ein Tropfen auf den heißen Stein und ob die ungleich höhere Summe sinnvoll eingesetzt wäre, wage ich zu bezweifeln.“ Da stelle sich deutlichst die Frage nach Kosten und Nutzen. „Ich glaube, dass etwa ein Tempolimit viel zielführender und fürs Klima schonender und für den Steuerzahler viel günstiger wäre als die Wiedervernässung landwirtschaftlich genutzter Moorflächen.“ Und die Paludikultur, das meint den Anbau und das Ernten von Pflanzen wie Rohrkolben oder lebenden Torfmoosen auf wiedervernässten Flächen, hält Ilchmann für einen „schlechten Witz“.

Dass die im Emsland ansässige Torfabbau-Firma Klasmann-Deilmann für rund zehn Millionen Euro im Papenburger Hafen zudem eine Substratfabrik samt Erden-Terminal, über das im Baltikum abgebauter Torf per Schiff importiert werden kann, errichtet, „konterkariert die hiesigen Bemühungen ja zudem, denn das Problem wird auf diese Weise nur verlagert“, so Ilchmann.

Naturschützer ist skeptisch

Auch Helmut Hanssen vom Nabu Wiesmoor-Großefehn ist skeptisch. „Die Idee ist aus Naturschutzsicht zwar richtig, aber praktisch doch kaum umsetzbar und zu kurz gesprungen. Wir sind uns doch darüber im Klaren, dass wir nur einen Bruchteil der Flächen überhaupt wieder so nass kriegen könnten, dass sie das gebundene CO2 weiter speichern.“ In Einzelfällen mache das Sinn, in großem Stil sei das gar nicht praktikabel. „Der Trend kann aber schon dahin gehen, dass Landwirte mehr zu Landschaftspflegern werden. Das kann Sinn ergeben. Dafür müsste man sie aber fair bezahlen. Nur sagen, wir wollen wiedervernässen, ist Theorie, ist Illusion.“ Zudem könne der Klimaschutz durch Dürren dafür sorgen, dass die Idee in sich zusammenfällt, indem vernässte Flächen austrocknen. „Dann wäre es rausgeworfenes Geld.“

„Es kann nur im engen Dialog gehen“

Johann Saathoff (Pewsum), SPD-Abgeordneter für den Wahlkreis Aurich-Emden und designierter Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, sagt: „Es ist die Aufgabe der Wahlkreis-Abgeordneten, dafür zu sorgen, dass niemand in ihrem Gebiet über den Tisch gezogen wird, und dafür werde auch ich kämpfen. Es kann nicht um kalte Enteignung gehen. Wenn, wird es nur etwas geben im Einvernehmen und im engen Dialog mit den Landwirten, und das muss und wird dann finanziell auch entsprechend über den Energie- und Klimafonds unterfüttert sein.“

Julian Pahlke (Grüne, Leer) teilt auf Nachfrage mit: „Das Moormanagement der Landesregierung ist völlig ungenügend, zudem brauchen wir die bundesweite Moorstrategie, die vor der Bundestagswahl an einem Streit zwischen Landwirtschafts- und Umweltministerium gescheitert ist. Ich bin hoffnungsvoll, dass diese Strategie nun endlich mit beiden Ministerien auf den Weg gebracht wird. Dies wird aber nur gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten funktionieren.“

Er sehe Potenzial für diejenigen, die sich für eine freiwillige Wiedervernässung entscheiden: „Sie sollte gefördert werden, genau wie die Ansiedlung von Vieh, dass mit der Nässe zurechtkommt, oder die Anschaffung spezieller Maschinen. Auch die Nachfrage nach Produkten von renaturierten Flächen muss belebt werden, etwa nach Schilf für Reetdächer oder Verpackungsmaterial aus dort erzeugtem Zellstoff“, so Pahlke.

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