Politik

Im Wahlkampf verheimlichte sie ihre Schwangerschaft

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 05.12.2021 12:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sarah Buss wünscht sich, dass die Ratsarbeit familienfreundlicher wird. Foto: Ortgies
Sarah Buss wünscht sich, dass die Ratsarbeit familienfreundlicher wird. Foto: Ortgies
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Auch Mütter von kleinen Kindern wollen in der Politik mitmischen. Sarah Buss aus Aurich hätte es beinahe in den Bundestag geschafft. Im Wahlkampf wurde sie gefragt, wieso sie ihr Kind verlassen wolle.

Aurich - Sarah Buss ist frisch in den Auricher Rat und den Kreistag gewählt worden. Und sie ist im fünften Monat schwanger. Mit Zwillingen. Geht das zusammen? Die FDP-Politikerin will beweisen, dass es geht. Beinahe hätte sie im September sogar aus dem Stand den Sprung in den Bundestag geschafft.

Im Nachhinein ärgert sich Buss, dass sie im Wahlkampf ihre Schwangerschaft verheimlicht hat. Sie habe auf den Rat von Parteifreunden und Bekannten gehört. „Dann hätte ich eben ein paar Stimmen weniger bekommen“, sagt die 39-Jährige rückblickend. „Es wäre wichtig gewesen, der Welt zu zeigen: Es geht.“ Die Heimlichtuerei passe auch nicht zu ihr. „Ich gehe offen mit allem um. Ich trage das Herz auf der Zunge.“

Unverständnis vor allem von Frauen

Obwohl ihre Schwangerschaft im Wahlkampf noch nicht sichtbar war, musste sich die Kandidatin einiges anhören. Sie hat eine kleine Tochter. Helene ist viereinhalb Jahre alt. Allein diese Tatsache habe bei manchen Menschen, vor allem bei Frauen, Unverständnis ausgelöst. „Frauen sind da deutlich kritischer als Männer.“ Was denn bei ihr zu Hause nicht stimme, sei sie gefragt worden, warum sie ihr Kind verlassen wolle. „Das hat mich wirklich schockiert und kurzfristig sprachlos gemacht, auch traurig.“ So werde politisches Engagement abgewürgt. Da dürfe man sich nicht wundern, dass in den Parlamenten Mütter und junge Menschen im Allgemeinen unterrepräsentiert seien. „Ich mache das ja nicht, um von meinem Kind wegzugehen, sondern um für mein Kind die Zukunft zu gestalten.“

Selbstverständlich hatte sich Buss Gedanken gemacht, wie das mit ihrer kleinen Tochter funktionieren soll, wenn sie in den Bundestag gewählt wird. „Dieses Gespräch haben wir als Familie geführt, bevor ich um einen Listenplatz gebeten habe.“ Ihr Mann, ihre Eltern und ihre Schwiegereltern stünden hinter ihr. Auch ihrer Tochter habe sie die Situation erklärt. „Mama soll gewinnen“, habe Helene gesagt.

„Es gibt keine Elternzeit in der Politik“

Buss ist nun jedoch nicht traurig, dass es mit dem Bundestagsmandat nicht geklappt hat. „Ich weiß nicht, wie es mir gegangen wäre, wenn meine Mutter in Berlin angerufen hätte und gesagt hätte: ,Dein Kind hat Fieber‘.“ Mit zwei Säuglingen wäre es auch nicht unbedingt leicht. Nun konzentriert sich die 39-Jährige, die von Beruf Richterin am Amtsgericht Aurich ist, auf die Kommunalpolitik. Dort stößt sie dann auf die nächste Hürde: „Es gibt keine Elternzeit in der Politik.“ Wenn ihre Kinder im Frühjahr auf die Welt kommen, wird sie eine Weile ausfallen – im Stadtrat, im Ortsrat, im Kreistag. Dann hat ihre Fraktion jeweils eine Stimme weniger. Oder sie gibt ihr Mandat zurück, dann ist es jedoch endgültig weg. Eine Vertretungsregelung sieht das Gesetz nicht vor. „Dafür rechtlich eine Lösung zu finden, damit beschäftige ich mich mit der FDP Niedersachsen“, sagt Buss, die dem Landesvorstand ihrer Partei angehört. Ihr Stadtratsmandat will sie auf keinen Fall zurückgeben. „Mal gucken, wie sie reagieren, wenn ich die Säuglinge mit in die Sitzung bringe.“

Buss wünscht sich mehr Möglichkeiten, Sitzungen per Videokonferenz abzuhalten oder als Hybrid-Sitzungen, bei denen ein Teil der Abgeordneten anwesend ist, ein Teil per Videotelefonie zugeschaltet. So könnten Eltern von zu Hause aus teilnehmen, während die Kinder schlafen.

„Da sind noch dicke Bretter zu bohren“

Das Thema Hybrid-Sitzungen ist durch die Corona-Pandemie aktuell geworden, nicht jedoch in Aurich. „Wir haben in der Stadthalle genug Platz, um Abstand zu halten“, sagt Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos). Er habe grundsätzlich nichts gegen Hybrid-Sitzungen, aber: „Der Teufel steckt im Detail.“ So müsse bei nicht öffentlichen Sitzungen sichergestellt sein, dass niemand mithört. Ein Problem seien auch die teils instabilen Datenleitungen. Nur wer die komplette Debatte verfolge, könne mit abstimmen. Birgit Ehring-Timm ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aurich. Die Ratsarbeit sei alles andere als familienfreundlich, sagt sie. „Da sind noch dicke Bretter zu bohren.“

Auch der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund befasst sich mit dem Thema. „In der Gesetzgebung ist einiges in Bewegung“, sagt Geschäftsführer Oliver Kamlage. Das Land wolle auch außerhalb von Pandemiezeiten Hybrid-Sitzungen ermöglichen. Momentan seien die nicht vorgesehen. „Das Kommunalverfassungsgesetz geht vom Modell der Präsenzsitzung aus.“ Doch es sei „überhaupt keine Frage“, so Kamlage, dass für Menschen mit Beruf und Familie flexiblere Lösungen gefunden werden müssten. „Das betrifft nicht nur kommunale Abgeordnete.“

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