Einsatz
Selbstlose Helferin geht den nächsten Schritt
Seit vier Jahren hilft Herma Schoon Bedürftigen bis an den Rand ihrer eigenen Erschöpfung. Nun soll aus ihrem kleinen Hilfswerk „Hermas Spendenbox“ ein eingetragener Verein werden.
Marcardsmoor - Bitterkalte Böen bissen und nasse Kälte kroch in alle Glieder, als die Wiesmoorerin Herma Schoon mitten auf der Reeperbahn ihre Herzensaufgabe erkannte. Es war im Oktober vor vier Jahren, sie war übers Wochenende nach Hamburg gereist, spazierte zur Tagesschauzeit über den Kiez. „Und dann saß da ein Obdachloser direkt an der Fahrbahn mit seinem Hund. Zusammengekauert. Er starrte ins Leere und fror sich auf gut Deutsch gesagt den Arsch ab. Ich habe erst gezögert, dann aber meinen Mut gefasst, ihn angesprochen und gefragt, was ich für ihn tun kann“, sagt sie. „Und er sagte, ein warmer Kaffee und etwas warmes Essen wären schön.“ Die Wiesmoorerin lief los, kaufte dem Obdachlosen Currywurst mit Pommes, einen warmen Kaffee, entdeckte in einem Geschäft während ihrer Besorgungen auch noch eine warme Decke, die sie kaufte und ihm schenkte.
Sie setzte sich zu dem Obdachlosen und fragte ihn, ob er seine Geschichte erzählen möge. „Er sagte, dass er ein gutbürgerliches erfolgreiches Leben geführt hat, selbst Chef einer erfolgreichen Firma war, die in die Pleite gerutscht war. Infolge der Insolvenz fehlte auch privat das Geld – war kein Platz mehr für Luxus, den seine Frau liebte, und sie verließ ihn und beide Töchter gleich mit. Nur weil kein Geld mehr da war, verlassen zu werden hat ihm das Herz gebrochen – und er ist nach diesem Schicksalsschlag bewusst auf die Straße gegangen, auf Distanz zum alten Leben.“ Dies habe ihr gezeigt, „wie schnell es passieren kann, dass jemand obdachlos wird – und dass es jeden treffen kann“, und sie habe den Beschluss gefasst, auch zurück in der Heimat Bedürftigen zu helfen.
Immer mehr Helfer schlossen sich an
Sie setzte sich erst in Kontakt mit der Obdachlosenhilfe in Wilhelmshaven, half, wo sie konnte. „Doch mit der Zeit habe ich immer mehr Hinweise auf Bedürftige und Obdachlose in und um Wiesmoor und im Kreis Aurich bekommen, um die ich mich dann gekümmert habe.“ Weitere Helfer schlossen sich an und es entstand die kleine private Hilfsorganisation „Hermas Spendenbox“.
Und so sehr in all den Jahren seither das Helfen ganz im Vordergrund stand, soll „die Box“ jetzt auch formell den nächsten Schritt machen: Seit Februar gehört das kleine Hilfswerk zur international agierenden Lazarus-Union. An diesem Donnerstag war Herma Schoon beim Notar, um alsbald einen Verein für ihr Hilfsprojekt zu gründen und danach bei Gericht die Gemeinnützigkeit zu beantragen. Bislang ist „die Box“ formell eine Gemeindegruppe der Kirchengemeinde Marcardsmoor.
Hunderte Bedürftige versorgt
Inzwischen sind es 16 Ehrenamtliche, die sich einsetzen für die gute Sache, sie holen Lebensmittel ab, die das Mindesthaltbarkeitsdatum hauchdünn überschritten haben, und die sechs Supermärkte im Umkreis spenden. Sie bringen sie in einen Lagerraum, den ihnen die Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt hat. Von dort aus schwärmen sie aus, um diejenigen zu bedenken, die selbst nicht mobil sind, um sich Spenden im Gemeindehaus abzuholen. Und dort geht es freitagnachmittags zu wie im Taubenschlag, wenn Bedürftige sich anstellen und dankbar Lebensmittel entgegennehmen, die die Helfer eingesammelt haben und nun kostenlos verteilen. „Wir gucken alles nach beim Einpacken, damit wir nichts Beschädigtes weitergeben.“
Autos brausen heran – und wenig später mit Spenden beladen fort. „Es sind oft Nachbarn oder Bekannte von Bedürftigen, oft auch Altersarmen, die sich bei uns melden und darauf hinweisen, dass da jemand in Not ist. Dann fahren wir hin und sprechen mit denen, und dann führen wir sie langsam an unsere Hilfe heran“, sagt Herma Schoon. Zwischen 100 und 200 Bedürftigen versorgt die „Spendenbox“ inzwischen. „Einmal in der Woche bringen wir auch Lebensmittel zum Tagesaufenthalt der Obdachlosen in Aurich.“ Damit möglichst nichts weggeschmissen wird, bekommen diese keine vorgepackten Tüten, sondern dürfen sich nach ihren Bedürfnissen Dinge aus der mitgebrachten Auswahl aussuchen. „Nach Wilhelmshaven schaffe ich es nichtmal mehr, ich habe hier vor Ort so viel zu tun, das wird oft eine Sieben-Tage-Woche“, sagt die Wiesmoorerin.
„Bewundernswertes Engagement“
Martin Kaminski, der Herma Schoons Einsatz als Pastor in Marcardsmoor über Jahre begleitet hat, sagt, „ihr Engagement bis an den Rand der Erschöpfung ist wirklich bewundernswert“. Schön sei, dass auf diese Weise auch das Gemeindehaus noch einmal stärker innig genutzt werde für Nächstenliebe. „Und auch die Nachhaltigkeit des Projekts ist toll, indem Dinge ein weiteres Leben erhalten, die nicht mehr benötigt wurden. Das hat anfangs für unglaublich viele Probleme gesorgt, wenn Leute da mit ihrem verschimmelten Keller ankamen und Sperrmüll entsorgen wollten und die Helfer die Annahme nicht ablehnen mochten – um das Ganze dann selbst wieder fuhrenweise zur Mülldeponie zu karren. Aber das hat sich toll entwickelt und funktioniert inzwischen wunderbar.“
Menschen in Wohnung gebracht
Nun ist dies nur ein Teil dessen, was Herma Schoon und ihre Mitstreiter leisten. Kürzlich wandte sich ein junges Paar an sie, das plötzlich in Wiesmoor obdachlos geworden war und in der Herbstkälte vorübergehend in einem Zelt schlafen musste. Herma half – und besorgte mit Unterstützung der Stadt eine Sozialwohnung für das Paar. Wie es zum Rauswurf und zur Obdachlosigkeit kam? „Mich gehen die genauen Umstände nichts an. In einem so reichen Land wie Deutschland geht es mir darum, dass niemand, der sich nicht bewusst dafür entschieden hat, obdachlos sein muss. Und da helfe ich.“ Sie beobachte aber, dass das Problem der Obdachlosigkeit auch im beschaulichen Ostfriesland wachse. „Das ist nach meiner Beobachtung gerade in den vergangenen zwei Jahren mehr geworden.“
Im Sommer sammelten und packten Herma und Helfer Spenden und Pakete für Bedürftige in Alten- und Pflegeheimen in Polen, wo der Standard deutlich niedriger als in hiesigen Einrichtungen ist. Zusätzlich zur Hilfe vor Ort haben die Ehrenamtlichen der „Box“ auch für Hochwasseropfer im Ahrtal diverse Hilfstransporte organisiert und Lebensnotwendiges gesammelt. Das tun sie auch weiterhin für die Menschen vor Ort. „Wenn konkrete Wünsche der Bedürftigen an uns herangetragen werden, veröffentlichen wir die bei Facebook und versuchen zu ermöglichen, was geht.“ Die Ehrenamtlichen von Hermas Spendenbox haben auch Weihnachtswünsche von Bedürftigen gesammelt, die nun an Wunschbäumen in Supermärkten im Umkreis hängen – in der Hoffnung, dass Passanten sich ihrer annehmen und sie erfüllen. „Meine Kinder sagen immer wieder, Du musst Dir auch mal selbst was Gutes tun und Dich nicht nur aufopfern“, sagt Herma Schoon und fügt an: „Indem ich helfe, tue ich doch mit und anderen gleichzeitig Gutes. Dafür verzichte ich woanders gern. Und es ist mein Herzenswunsch, das zu machen“ – demnächst womöglich auch in einem offiziellen Verein.