Energie & Verbrauch

Der teure Klimawandel in den eigenen vier Wänden

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 01.12.2021 20:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Tanja Höllger und Hund: Die 41-Jährige hat sich eine Doppelhaushälfte aus den 1960er-Jahren in Port Arthur/Transvaal gekauft und bringt die Immobilie schrittweise energetisch auf einen modernen Stand. Foto: Päschel
Tanja Höllger und Hund: Die 41-Jährige hat sich eine Doppelhaushälfte aus den 1960er-Jahren in Port Arthur/Transvaal gekauft und bringt die Immobilie schrittweise energetisch auf einen modernen Stand. Foto: Päschel
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Emden will spätestens 2050 klimaneutral sein. Zentrale Stellschraube: Die energetische Sanierung alter Häuser. Aber wie kann die Stadt private Immobilienbesitzer für Investitionen begeistern?

Emden - Das Ziel ist gesteckt: Emden hat vor vier Jahren festgelegt, bis spätestens 2050 klimaneutral zu werden. Das klingt nach einer moderaten Frist, aber die Aufgabe ist anspruchsvoll. Damit der radikale Kurswechsel gelingt, muss alleine der Energieverbrauch gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 um mindestens die Hälfte sinken. So weit, so abstrakt. Greifbarer und konkret wird es beim Blick in die eigenen vier Wände. Wer nicht gerade nach neuesten Standards frisch gebaut oder modernisiert hat, steht mit einer eigenen (älteren) Bestandsimmobilie vor einer großen Herausforderung. Denn die energetische Sanierung ist zum Erreichen des Klimaziels zwingend notwendig – und sie ist teuer. Wie kann es also gelingen?

Was und warum

Darum geht es: den Klimawandel, der auch in den eigenen vier Wänden gelingen muss, wenn das große Ziel erreicht werden will

Vor allem interessant für: Eigentümerinnen und Eigentümer von älteren Immobilien, die in Sachen Energieeffizienz Nachholbedarf haben

Deshalb berichten wir: In Emden wurde in dieser Woche beschlossen, mehr Tempo bei der energetischen Sanierung von Bestandsimmobilien zu machen.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Die Stadt Emden greift Eigentümerinnen und Eigentümern unter die Arme und nimmt dafür jetzt auch die Immobilien in der Innenstadt in den Blick. Am Montag wurde im nicht-öffentlich tagenden Verwaltungsausschuss des Rates ein Projekt mit dem sperrigen Titel „Integriertes energetisches Quartierskonzept Innenstadt“ (IEQK) beschlossen. Im Kern geht es der Kommune darum, Wege und vor allem Mittel zu finden, um die Sanierung im Bestand voranzubringen. Die Stadt kann dafür ihre eigenen Gebäude auf Vordermann bringen. Aber weil das alleine nicht reicht, will und muss sie andere ebenfalls fürs Investieren begeistern.

Die Zeichnung des Ökowerks Emden zeigt, mit welchen Maßnahmen Hausbesitzer die Energiebilanz verbessern können. Grafik: Ökowerk Emden
Die Zeichnung des Ökowerks Emden zeigt, mit welchen Maßnahmen Hausbesitzer die Energiebilanz verbessern können. Grafik: Ökowerk Emden

Der Berater und die Fördermillionen

Der Mann, der das machen soll, heißt Detlef Dunker. Er ist der Förderberater der Stadt für private Modernisierungen. Sein Büro befindet sich nicht zufällig in einem typischen Reihenhaus an der Torumer Straße in Port Arthur/Transvaal. Dunker befindet sich mit dieser Lage buchstäblich mitten im Thema. Das Arbeiterviertel und ein Teil der Reihenhäuser entstand um das Jahr 1900. Rund 90 Prozent des gesamten Gebäudebestands im Stadtteil wurden vor 1977 errichtet. Der (energetische) Sanierungsbedarf ist enorm. „Die Leute haben das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss. Aber es scheitert oft an den Finanzen, das ist das größte Hindernis“, sagt Dunker.

Detlef Dunker berät in seinem Büro an der Torumer Straße Immobilienbesitzer bei Fragen zur energetischen Sanierung. Foto: Päschel
Detlef Dunker berät in seinem Büro an der Torumer Straße Immobilienbesitzer bei Fragen zur energetischen Sanierung. Foto: Päschel

Dank der Aufnahme Port Arthur/Transvaals in das Förderprogramm „Soziale Stadt“ geht es etwas leichter voran. Es ermöglicht Beratungsstellen wie die von Dunker und lässt Geld fürs Sanieren einfacher fließen. In den vergangenen drei, vier Jahren hatte Dunker dennoch dicke Bretter zu bohren. In Zahlen ausgedrückt liest sich die Bilanz seiner Überzeugungsarbeit bei privaten Immobilienbesitzern so: 210 Beratungen haben zu etwa 55 Sanierungen geführt. Ausgelöst wurden Investitionen mit einem Gesamtvolumen von gut fünf Millionen Euro. Fast eine Million Euro davon zahlte die Stadt über ein eigenes Förderprogramm.

Die Hausbesitzerin und die Kosten

Eine, die in ihre eigenen vier Wände investiert hat, ist Tanja Höllger. Die 41-Jährige hatte im vergangenen Jahr eine Doppelhaushälfte in Port Arthur/Transvaal gekauft. Die Immobilie ist ein klassischer Sanierungsfall in Sachen Klimawandel. Als Höllger in das gut 65 Jahre alte Haus einzog, sei „bis auf wenige Fenster“ alles alt gewesen, berichtet sie. Die Heizung lief mit Öl und weil die Haustür nicht vernünftig abdichtete, zog es kalt hinein. Energetisch gab es reichlich zu tun. Über einen Dachdecker habe sie von Fördermöglichkeiten gehört, so Höllger. Das brachte sie zu Dunker und seiner Beratungsstelle.

Sie ließ das Dach komplett erneuern und dämmen, kaufte Fenster, eine Haustür und eine neue Heizung inklusive Heizkörper. Alles in allem habe es sie 38.000 Euro gekostet, so die 41-Jährige, knapp 11.000 Euro seien bezuschusst und später zurückgezahlt worden. Sie hätte gerne noch mehr gemacht. Aber das muss warten. „Schritt für Schritt“, sagt sie. „Das Geld war erstmal auf.“

Die Programme und die Möglichkeiten

Wer sein Haus, so wie Höllger, modernisieren und energetisch zukunftsfit machen möchte, kann sich schnell in einem unübersichtlichen Förderdschungel wiederfinden. „Es ist kompliziert“, stöhnt Jann Gerdes, Klimaschutzmanager der Stadt Emden. Bund, Land, Banken und andere Kreditinstitute machen sanierungswilligen Immobilienbesitzern mit ihren Vorgaben das Leben schwer. Auch deswegen setzt sie auf das IEQK-Projekt. Zwar steht dabei im nächsten halben Jahr als erstes die Bestandsaufnahme der Gebäude innerhalb des Wallrings im Mittelpunkt. Ein externes Büro wird die Substanz aller Häuser, Hotels, Wohnblocks und Einzelhandelsgeschäfte überprüfen.

Parallel dazu möchte die Stadt aber auch ihr Beratungsangebot ausbauen. Die Rede ist von einem zweiten Büro und einer weiteren Stelle neben der von Detlef Dunker. Das Ziel sei, so der Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung und Umwelt, Rainer Kinzel, bessere Strukturen in Emden aufzubauen. Die Kommune wolle nicht nur in Förder- und Sanierungsgebieten wie Port Arthur und Borssum Immobilienbesitzer erreichen, sondern auch in anderen Stadtteilen. Er wirbt dafür, dass sich alle an die Beratungsstelle und Detlef Dunker wenden und Fördermittelanträge stellen können.

Sowohl er als auch Jann Gerdes gehen davon aus, dass mit der neuen Regierung vom Bund das Sanierungstempo erhöht wird. „Es gibt einen Paradigmenwechsel. Es wird mehr Geld fließen“, so Gerdes. Damit der CO2-Ausstieg gelingt, sind nicht nur die Immobilienbesitzer wie Tanja Höllger, sondern ist auch die Stadt Emden auf Berlin angewiesen.

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