Frankfurt
Bayern München: Wenn der Trainer zum Außenminister mutiert
Es hat schon deutlich ruhigere Tage beim FC Bayern München gegeben. Trainer Julian Nagelsmann scheint die Krisen als einziger jedoch schadlos zu überstehen. Doch darauf sollte sich der Fußballclub nicht ausruhen, meint Kolumnist Udo Muras.
Als Fan des FC Bayern München hat man schon bessere Tage erlebt. Dabei ist sportlich vieles, wenn auch nicht alles, in Ordnung. An Arbeitssiegen gegen Underdogs herumzumäkeln und an zu vielen Gegentoren trotz Tabellenführungen in sämtlichen Wettbewerben, in denen es Tabellen gibt, ist eben typisch deutsch.
Das Problem lautet „Außendarstellung“
Nein, die obligatorische Leistungsdelle im Herbst, gerade nach großen Turnieren, hat der Rekordmeister einigermaßen unbeschadet überstanden, er fährt schließlich in der Poleposition zum Gipfeltreffen nach Dortmund. Etwas anderes liegt den Fans im Magen, was sich unter dem Oberbegriff Außendarstellung zusammenfassen lässt. Dafür ist die Vereinsführung zuständig und so mancher fragt sich spätestens nach der Jahreshauptversammlung, ob die neue Führung, die schon nach Uli Hoeneß’ Rückzug als Präsident bestellt wurde, noch in irgendeinem DHL-Schließfach liegt.
Formal ist sie natürlich angekommen, aber die Annahme, sprich Akzeptanz, wird von der Basis hartnäckig verweigert. Es häufte sich in der Übergangszeit von Fußball-AG-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge zu Oliver Kahn das Merkelhafte. Abwarten, aussitzen, kommen lassen, auch mal weghören. Da war die monatelange Alaba-Debatte, da war das unsägliche Theater um Erfolgstrainer Hansi Flick, da war die überaus heikle Impf-Problematik und da ist schon lange, aber nun akuter denn je, das fatale Verhältnis zu Katar.
Hainer wird niemals an Hoeneß herankommen
Zu all diesen Themen hatten die Fans und Mitglieder, zu einigen auch die ganze Gesellschaft, Fragen und erhielten keine befriedigenden Antworten. Das mag am Machtvakuum gelegen haben, das Hoeneß und Rummenigge hinterlassen haben. Oder doch an denjenigen, die jetzt die Macht haben? Ein Herbert Hainer kann machen, was er will, er wird nie an die Strahlkraft eines Uli Hoeneß herankommen, er war ja nie Weltmeister, und es hilft ihm wenig, dass die Deutschen den Titel 1974 in Adidas-Schuhen holten. Und Lehrling Oliver Kahn ist noch lange kein Rummenigge, was nicht per se schlecht sein muss.
Es fehlt der neuen Führung jedoch am Mut zur Positionierung, am Klartext à la Hoeneß. Kahn redete minutenlang über Katar auf der JHV, nannte das Land, für dessen Fluglinie der Club ausdauernd wirbt, aber nie. Die Fans haben auch genug von den Fremdschäm-Interviews eines Hasan Salihamidzic, dessen Schonfrist längst abgelaufen ist. In Kiew wirkte der Sportvorstand jüngst wie eine Sprechpuppe und wiederholte seine wachsweiche Aussage zu den „Werten des FC Bayern“ dreimal, um nicht sagen zu müssen dass sich Kimmich & Co endlich impfen lassen sollten. Da war sie besonders groß, die Sehnsucht nach Uli.
Nagelsmann gefällt sich in seiner neuen Position
Interessanterweise füllt nun ausgerechnet der erst 34-jährige Trainer Julian Nagelsmann die Lücke, die die schweigenden Bosse aufgerissen haben. Nagelsmann ist Bayerns neuer Außenminister und gefällt sich darin. Offen beantwortet er alle Fragen zum Impfen, sosehr es ihn nervt (wen nicht?), dass Corona alles überlagert, und auch zur missglückten Jahreshauptversammlung. Für die Öffentlichkeit ist das eine gute Entwicklung, für den FC Bayern nicht. Wenn die Bosse noch länger dabei zuschauen, wie ihr charismatischer Trainer die Vereinspolitik nach außen vertritt, machen sie sich selbst immer überflüssiger.
Neben erfolglosen Trainern fürchten Vereine zu populäre am meisten. Aus diesem Grund feuerte Schalke vor 30 Jahren Peter Neururer auf Platz zwei und traute sich Nürnbergs Präsident Michael A. Roth 2003 nicht, Klaus Augenthaler zu feuern. Nach einem Fan-Aufstand gab er klein bei - wenn auch nur für ein paar Wochen. Einen Jürgen Klopp, nie war ein Trainer mehr Gesicht eines Vereins als er einst in Mainz und dann in Dortmund, hat bis heute keiner rausgeworfen. Auch nicht nach Abstiegen oder verkorksten Spielzeiten. Weil er stets das ganze Umfeld elektrisierte und für sich einnahm, vor allem am Fernsehmikrofon.
Was, wenn auch Nagelsmann mal kritisiert?
Nagelsmann hat ebenfalls das Zeug dazu, und er nutzt jede Sendeminute, die ihm die Medien geben. Noch sagt Hainer: „Ihre ganze Art tut uns gut, die Zusammenarbeit mit ihnen ist eine Schau.“ Was aber, wenn sich der Schnellsprecher mal vergaloppiert? Wenn er wie einst Flick eines Tages feststellt, dass „Brazzo“ ihm immer nur Spieler für die Bank kauft, und das mal etwas weniger diskret andeutet? Werden die Bayern dann noch mal einen beliebten Trainer für den Sportdirektor opfern? Die Bosse sollten anfangen, selbst Pluspunkte zu sammeln, dann kommen in puncto Nagelsmann nur sportliche Fragen auf. Die beantwortet er ohnehin am liebsten.