Wolfsriss

Vermutlich ein Wolf hat in Neudorf drei Schafe gerissen

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 01.12.2021 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Aktuell sind in Niedersachsen 39 Wolfsrudel nachgewiesen. Keines davon lebt in Ostfriesland. Foto: Archiv
Aktuell sind in Niedersachsen 39 Wolfsrudel nachgewiesen. Keines davon lebt in Ostfriesland. Foto: Archiv
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Die Kehlen durchgebissen, die Bäuche aufgerissen: Vermutlich war es ein Wolf, der in Poghausen Schafe von Hilmar und Carola Wolters gerissen hat. Die beiden sorgen sich nun nicht nur um ihre Tiere.

Uplengen - Die letzten Tage waren für Carola und Hilmar Wolters aus Neudorf sehr anstrengend und aufreibend. Immer wieder mussten sie erzählen, was sich auf einer ihrer Weiden in Poghausen abgespielt hat. Dort waren am Donnerstag- vormittag drei ihrer Schafe gerissen worden. „Die Kehlen waren durchgebissen, bei zwei Tieren waren die Bäuche aufgerissen und die Herzen gefressen worden“, sagt Hilmar Wolters. So etwas wolle er nicht noch einmal erleben müssen. Die anderen 14 Schafe dieser Gruppe hätten apathisch auf der Weide gestanden.

Was und warum

Darum geht es: Der Wolf breitet sich in Niedersachsen aus. Auch in Ostfriesland hinterlässt er immer mehr Spuren.

Vor allem interessant für: Tierhalter und Menschen, die dafür oder dagegen sind, dass der Wolf hierzulande wieder heimisch wird

Deshalb berichten wir: In Neudorf wurden drei Schafe gerissen. Hilmar und Carola Wolters sind in großer Sorge um ihre anderen Tiere, mehr noch aber um ihre Kinder.

Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de

Er vermutet, dass ein Wolf die Schafe gerissen hat. Die Spurenlage sei für ihn eindeutig gewesen. „Das Raubtier breitet sich immer mehr aus. Dass es in Ostfriesland heimisch wird und hier und da Schaden in Nutztierherden anrichtet, darüber werde in der Zeitung ja immer mal wieder berichtet“, so Wolters. Dass der Wolf vermutlich nun auch bei ihnen in Uplengen angekommen sei, bereite ihm große Sorgen. Nicht nur wegen der Tiere.

Landwirt Hilmar Wolters, hier mit Töchterchen Santje, kontrolliert jetzt noch öfters als ohnehin schon seine Schafe. Foto: Schneider-Berents
Landwirt Hilmar Wolters, hier mit Töchterchen Santje, kontrolliert jetzt noch öfters als ohnehin schon seine Schafe. Foto: Schneider-Berents

Angst um die Kinder

„Unsere Mädchen sind drei, vier und fünf Jahre alt. Ich habe ein ungutes Gefühl, sie draußen spielen zu lassen. Was ist, wenn ein Wolf plötzlich beim Haus auftaucht“, fragt Carola Wolters. Bei dem Gedanken daran bekomme sie eine Gänsehaut. Die Weide, auf der die Schafe getötet worden seien, befinde sich zwischen der Spolser und Poghausener Brücke nahe der viel befahrenen Wiesmoorer Straße zwischen Remels und Wiesmoor.

Von dem Verkehrslärm habe sich das Raubtier, wenn es denn eines war, nicht abschrecken lassen, so Carola Wolters. Außerdem sei es – anders als das von Experten behauptet werde – nicht nachts auf Beutefang gewesen, sondern tagsüber. „Wir haben die Kadaver gegen 14 Uhr bei einem unserer regelmäßigen Kontrollgänge entdeckt. Als die Wolfsberaterin gegen 16.30 Uhr eintraf, um bei den toten Tieren Gewebeproben für eine Untersuchung zu entnehmen, waren diese noch warm“, erzählt Hilmar Wolters.

Nachweis von Wolfsrissen

Zur Dokumentation des Vorfalls wurde Irene Pröbsting aus Detern hinzugezogen. Die Jägerin ist eine von fünf Wolfsberaterinnen und -beratern, die in Ostfriesland und in Friesland von den Bürgerinnen und Bürgern zu Rate gezogen werden, wenn ein Tier gerissen oder ein Wolf gesichtet worden ist. Sie sind ehrenamtlich im Auftrag des Landes Niedersachsen im Einsatz und nehmen alle Spuren auf, um Klarheit über Wolfsvorkommen und Schadensfälle zu erhalten.

39 Rudel in Niedersachsen

Aktuell gibt es in Niedersachsen 39 Wolfsrudel, ein Wolfspaar und 2 residente Einzelwölfe. Das sogenannte Wolfsmonitoring für das Land Niedersachsen macht die Landesjägerschaft Niedersachsen im Auftrag des Niedersächsischen Umweltministeriums und in enger Zusammenarbeit mit dem NLWKN als zuständiger Fachbehörde und den über 140 ehrenamtlichen Wolfsberaterinnen und Wolfsberatern. Mehr Informationen finden Sie hier: https://www.wolfsmonitoring.com/

„In Poghausen habe ich bei den toten Schafen Gewebeproben entnommen. Ich habe Fotos von den Kadavern gemacht, den Vorfall schriftlich festgehalten und alles an das Wolfsbüro beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Hannover geschickt“, erklärt Pröbsting ihre Arbeit. Wann dort das Ergebnis der Gewebeprobe vorliege, anhand der man feststellen könne, ob der Riss von einem Wolf verursacht worden sei, könne sie nicht sagen. Das könne bis zu acht Wochen und länger dauern.

Ein Wolf wurde in Hollen gesehen

Mit dem Vorfall in Poghausen seien im Moment im Landkreis Leer insgesamt drei aktuelle Vorgänge nicht abschließend geklärt. „Am 8. November wurde in Hasselt in der Samtgemeinde Hesel ein totes Kalb gefunden, am 17. November war es in Großoldendorf ein gerissenes Reh“, berichtet Irene Pröbsting. „Außerdem hat jemand am 10. November früh morgens gegen 5.30 Uhr auf einem abgeernteten Maisacker an der Hollener Straße in Hollen einen Wolf gesehen“, sagt Frauke Bruhns, Sprecherin der Polizeiinspektion Leer-Emden.

Landwirt Hilmar Wolters kontrolliert hier die Torgriffe seines Elektrozaunes. Weil der Zaun fünf Stromlitzen hat, wird er auch mit fünf Torgriffen geschlossen. Foto: Schneider-Berents
Landwirt Hilmar Wolters kontrolliert hier die Torgriffe seines Elektrozaunes. Weil der Zaun fünf Stromlitzen hat, wird er auch mit fünf Torgriffen geschlossen. Foto: Schneider-Berents
Diese Informationen helfen Hilmar und Carola Wolters nicht weiter. Sie haben Angst um ihre Kinder, und sie sorgen sich um ihre Tiere. Das Ehepaar hat einen Milchviehbetrieb und züchtet Zwartbles-Schafe. Dabei handelt es sich um eine niederländische Rasse, die wegen ihrer Robustheit fast das ganze Jahr über draußen gehalten werden kann. „Wir haben 80 Muttertiere und deren Nachzucht, insgesamt 140 Schafe. Die laufen im Moment in unterschiedlich großen Gruppen auf Weiden in Poghausen“, so Hilmar Wolters. Alle Flächen seien mit einem sogenannten wolfssicheren Elektrozaun eingefasst. „Der besteht aus fünf Stromlitzen. Die erste befindet sich in 20 Zentimeter Höhe vom Boden weg, die nächsten in 40, 60, 90 und in 120 Zentimeter Höhe. Da sind 9000 Volt drauf. Es heißt, da springt kein Wolf drüber. Was sollen wir denn noch machen?“, fragt der 31-Jährige. Er sei ratlos.

Rund 1,20 Meter hohe Elektrozäune gelten als wolfssicher. Das Land Niedersachsen unterstützt Landwirte finanziell, wenn diese eine solche Anschaffung tätigen wollen. Foto: Schneider-Berents
Rund 1,20 Meter hohe Elektrozäune gelten als wolfssicher. Das Land Niedersachsen unterstützt Landwirte finanziell, wenn diese eine solche Anschaffung tätigen wollen. Foto: Schneider-Berents
Deshalb fordert der geschädigte Landwirt von der niedersächsischen Landesregierung, dass die Wolfsbestände nicht nur kontrolliert, sondern reguliert werden. „Wir brauchen in Niedersachsen wolfsfreie Zonen. Es kann nicht sein, dass sich das Raubtier ungebremst in Regionen ausbreiten kann, die dicht besiedelt sind, in denen die Tiere im Sommer draußen gehalten werden, die – wie Ostfriesland – das Ziel von Urlaubern sind“, so Wolters. Außerdem sei der Hochwasserschutz gefährdet. Was sei denn, wenn niemand mehr seine Schafe auf den Deichen halten wolle?
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