Krankenhaus-Versorgung

Ostfrieslands einzige Herzinfarkt-Intensivstation am Limit

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 29.11.2021 22:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Klinikum Leer. Bild: Archiv
Das Klinikum Leer. Bild: Archiv
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Corona-Patienten aus anderen Bundesländern sind noch nicht in Ostfriesland. Die Krankenhäuser in der Region haben schon jetzt zu wenig Kapazität. Das kann auch Leute mit Herzinfarkt betreffen.

Ostfriesland - Die Krankenhaus-Versorgung in Ostfriesland ist nur bedingt gewährleistet. Das dokumentieren die roten Balken im Ivena-Portal. Mit Rot wird den Rettungsdiensten signalisiert, dass im jeweiligen Klinik-Fachbereich keine Patienten aufgenommen werden können.

In Ostfriesland gibt es laut Ivena-Portal nur eine „kardiologische Intensivstation“, also eine offenbar auf Herzinfarkt-Patienten spezialisierte Intensivstation: am Klinikum Leer. Und die war am Montag rot markiert. Das heißt, sie konnte keine Patienten aufnehmen. Screenshot: OZ
In Ostfriesland gibt es laut Ivena-Portal nur eine „kardiologische Intensivstation“, also eine offenbar auf Herzinfarkt-Patienten spezialisierte Intensivstation: am Klinikum Leer. Und die war am Montag rot markiert. Das heißt, sie konnte keine Patienten aufnehmen. Screenshot: OZ

Das Klinikum Leer hatte auf die erste Anfrage unserer Zeitung zu den Kapazitätsengpässen erklärt: Zu Abmeldungen im Ivena-Portal komme es in der Regel, wenn eine Station voll belegt sei oder Personal krankheitsbedingt ausfalle. Aber: Zur Versorgung von Herzinfarkt-Patienten gelte eine jederzeitige Aufnahmebereitschaft, da es in der Region keine Alternativen gebe, so das Klinikum.

Kardiologische Intensivstation am Klinikum Leer abgemeldet

Eine Nachschau im Ivena-Portal ergab jedoch am frühen Montagmorgen, am Montagnachmittag und am Montagabend, dass die kardiologische Intensivstation am Klinikum abgemeldet ist – also die Intensivstation für Herzinfarkt-Patienten. Auf die Frage nach der Ursache gab das Klinikum keine Antwort.

Unsere Zeitung wollte zudem wissen, wie viele Intensivbetten im Klinikum derzeit betriebsbereit sind. Denn die Intensivbetten-Zahlen im Landkreis Leer gehen ausweislich des Divi-Intensivregisters zurück: 32 waren es vor einem Jahr, 26 waren es am 22. November und am Montag waren es nur noch 24. Allerdings geht aus dem Intensivregister nicht hervor, wie viele Betten das Klinikum Leer und wie viele das Borromäus-Hospital stellt.

Klinikum Leer nennt keine Zahl der Intensivbetten

Das Klinikum hat die Zahl der Intensivbetten nicht herausgerückt. Nur soviel: „Die betriebsbereiten Intensivbetten werden täglich aktuell gemeldet.“ Daraufhin hat unsere Zeitung am Montagabend auch eine Anfrage ans Borromäus-Hospital geschickt.

Wie aussagekräftig ist die tägliche Meldung betriebsbereiter Betten an das Intensivregister? Diese Frage stellt sich mit Blick auf den Landkreis Aurich. Dort kam es in den vergangenen Wochen wiederholt zu der Situation, dass es laut Intensivregister freie Intensivbetten gab, aber die Intensivstationen der Kliniken Aurich und Norden im Ivena-Portal abgemeldet waren. Wie kommt es zu derart widersprüchlichen Kapazitätsangaben? Antwort des Klinikverbundes Aurich-Emden-Norden: „Die Meldung an das Intensivregister (Divi) erfolgt einmal täglich am frühen Morgen. Im Laufe des Tages herrscht aber eine erhebliche Dynamik im Hinblick auf die Bettenbelegung im Intensivbereich. Die Angaben im Ivena-Portal bilden dies zeitnah ab. Die Meldung an Ivena erfolgt mehrmals täglich, weil sie unmittelbare Konsequenzen für die Notfallversorgung hat.“

Keine freien Intensivkapazitäten im Kreis Aurich

Am Sonntag waren für den Landkreis Aurich 28 betriebsbereite Betten im Intensivregister registriert. Davon waren sechs Betten als frei vermerkt. Im Ivena-Portal waren die internistischen Intensivstationen in Aurich und Norden aber von kurz nach 15 Uhr bis kurz nach 5 Uhr am Montagmorgen durchgehend abgemeldet – im kompletten Zeitraum, den unsere Redaktion bei stichprobenartigen Aufrufen des Portals eingesehen hat. Denn öffentlich einsehbar ist immer nur das aktuelle Zeitfenster, das sich über rund sieben Stunden erstreckt.

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Am Montag wies das Intensivregister noch zwei freie Betten im Kreis Aurich auf. Von mindestens 10.20 bis 23 Uhr waren die Intensivstationen Aurich und Norden im Ivena-Portal aber wieder abgemeldet. Soweit bei Stichproben feststellbar, signalisierte den Rettungsdiensten nur die Norder Klinik kurzzeitig Aufnahmebereitschaft – von 9.30 bis 10.20 Uhr.

In Ostfriesland werden noch keine Operationen verschoben

Wie groß das klinische Kapazitätsdefizit in Ostfriesland ist, ließe sich mit einer Analyse der Ivena-Daten feststellen. Doch das Klinikum Leer, das Borromäus-Hospital und die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden verweigern eine Freigabe von Daten aus den vergangenen drei Monaten.

Die ostfriesischen Krankenhäuser haben mitgeteilt, dass sie bisher keine Corona-Patienten aus anderen Bundesländern aufgenommen haben. Der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden, das Krankenhaus Wittmund und das Borromäus-Hospital informierten, dass sie aufgrund der vierten Corona-Welle noch keine planbaren Operationen verschoben hätten. Das Klinikum Leer antwortete in dieser Frage mit dem Hinweis, dass „sogenannte elektive Eingriffe nicht zeitlich unbegrenzt aufgeschoben werden sollten“, da „bereits in der Vergangenheit planbare Eingriffe verschoben worden sind“.