Johannesburg

Supervariante Omikron: Die wichtigsten Fragen und Antworten

| 26.11.2021 13:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
In Südafrika ist eine neue Variante des Coronavirus entdeckt worden – Wissenschaftler sind besorgt. Foto: imago images/Sascha Steinach
In Südafrika ist eine neue Variante des Coronavirus entdeckt worden – Wissenschaftler sind besorgt. Foto: imago images/Sascha Steinach
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In Südafrika ist die Omikron-Variante des Coronavirus entdeckt worden. Eine Wissenschaftlerin bezeichnet sie als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“. Was über B.1.1.529 bekannt ist – und was nicht.

In Südafrika ist eine neue Corona-Mutante entdeckt worden. Forscher warnen, vor der Supervariante, die in Südafrika für die rasant steigenden Infektionszahlen verantwortlich sein könnte. Die Omikron benannte Variante B.1.1.529. könnte wegen ungewöhnlich vieler Mutationen hoch ansteckend sein und zudem den Schutzschild der Impfstoffe leichter durchdringen. Wir klären die wichtigsten Fragen:

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Die Zahl der täglich gemeldeten Infektionen in Südafrika stieg am Mittwoch auf mehr als 1200. Anfang des Monats waren es noch rund 100 Neuansteckungen. Bislang hat sich die neue Variante laut Experten vor allem unter jungen Menschen ausgebreitet.

Südafrika ist mit rund 2,95 Millionen Corona-Fällen und mehr als 89.600 Toten das am schwersten betroffene Land in Afrika. Die Impfkampagne ist dort nur schleppend angelaufen, 41 Prozent der Bürger haben bislang eine Dosis erhalten, 35 Prozent sind vollständig geimpft.

Gibt es schon Fälle in Deutschland?

Ja, am Samstagabend wurden zwei Omikron-Infektionen in München bestätigt. Die beiden Reisenden sind laut Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) am 24. November mit einem Flug aus Südafrika eingetroffen.

Hessens Gesundheitsminister Kai Klose meldete am Samstagmorgen auf Twitter, dass die Mutante „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ bei einem Reisenden in Frankfurt nachzuweisen ist. „Bei einem Reiserückkehrer aus Südafrika wurden gestern Nacht mehrere für Omicron typische Mutationen gefunden“, schreibt Klose in seinem Thread. „Es besteht also ein hochgradiger Verdacht, die Person wurde häuslich isoliert.“ Die vollständige Sequenzierung stehe allerdings noch aus, sodass die Befürchtung noch unter Vorbehalt steht. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, teilte die Nachricht mit dem Kommentar: „Leider schlechte Nachrichten am frühen Morgen.“

Am Freitag waren Omikron-Fälle bereits in folgenden Ländern entdeckt:

Was ist über die neue Variante bekannt?

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte am Freitagmorgen bei einer Pressekonferenz: „Wir sind tatsächlich in sehr großer Sorge“. Es müsse noch untersucht werden, ob die steigenden Fallzahlen in Südafrika wirklich mit diesem Virustyp zusammenhängen. „Das kann man einfach natürlich so schnell noch nicht beantworten“, sagte Wieler.

Wieler erklärte, weshalb die bisherigen Erkenntnisse so beunruhigend seien: „Das ist eine Variante, die sehr viele Mutationen trägt, insbesondere in diesem Spike-Protein.“ Das Spike-Protein ist der Teil des Virus, mit dem es an menschliche Zellen andockt. Deshalb sind auch viele Impfstoffe gegen ebendieses Spike-Protein gerichtet. Laut Wieler gibt es einige Mutationen an Stellen, an die neutralisierende und therapeutische Antikörper binden.

Zudem habe B.1.1.529 Mutationen in der Nähe der sogenannte Furin Cleavage Site, die eine Rolle bei der Aufnahme des Virus in menschliche Zellen spielt. „Das spricht dafür, dass es eine erhöhte Transmission sein könnte.“ Bei weiteren Mutationen sei noch nicht klar, was sie biologisch bedeuten.

Wieso sind Wissenschaftler jetzt so besorgt?

Laut internationalen Wissenschaftlern weist die neue Variante mindestens zehn Mutationen auf - bei der Delta-Variante sind es zum Vergleich nur zwei, bei Beta drei. „Was uns Sorgen bereitet, ist, dass diese Variante nicht nur eine erhöhte Übertragbarkeit haben könnte, sich also effizienter ausbreitet, sondern auch in der Lage sein könnte, Teile des Immunsystems und den Schutz, den wir in unserem Immunsystem haben, zu umgehen“, sagte der Experte Richard Lessells.

Ein britischer Experte warnte am Freitag, dass die Corona-Impfstoffe weniger effektiv gegen die neue Variante sein dürfte. Es sei „fast sicher“, dass die derzeit verfügbaren Vakzine eine geringere Wirksamkeit bei B.1.1.529 hätten, sagte James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, in der Radiosendung BBC 4 Today.

Die Wissenschaftlerin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnete die neue Variante als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“. Die in Südafrika bislang festgestellte Übertragungsrate (R-Wert) liege bei 2. Das ähnele den Werten zu Beginn der Pandemie, so Hopkins im BBC-Radio. Noch seien mehr Daten notwendig, um zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Besteht die Gefahr, dass meine Impfung nicht mehr wirkt?

Diese Frage wird noch untersucht. Biontech prüft, ob eine Anpassung des Impfstoffs erforderlich werde, wenn sich die neue Variante verbreite. Man rechne spätestens in zwei Wochen mit Erkenntnissen.

Experten schätzen die Lage unterschiedlich ein. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vermutet auf Twitter, „die Impfungen werden Schutz vor schwerer Krankheit auch bei #Omicron bieten. Booster schützt wahrscheinlich voll“. 

Der Epidemiologe Eric Feigl-Ding dagegen verweist auf zwei Omikron-Infizierten in Hongkong, die offenbar eine sehr schnell ansteigende Viruslast aufweisen - einen sogenannten Ct-Wert von 18 und 19. „Das ist wahnsinnig hoch, insbesondere wenn man bedenkt, dass die zwei bei den letzten PCR-Tests noch negativ waren“, schreibt Feigl-Ding. Es sehe so aus, als ob die Variante dem Impfschutz tatsächlich entgehen könnte, so Feigl-Ding weiter.

Auch die Münchner Virologin Ulrike Protzer ist besorgt. Die Corona-Mutante B.1.1.529 könne dazu führen, dass sich das Virus schneller vermehre oder auch infektiöser werde, sagte sie im Deutschlandfunk. Zur Frage des Impfschutzes sagte Protzer: Möglich sei, dass Antikörper das Virus nicht mehr so effizient neutralisieren können. Frisch nach einer Impfung gebe es viele Antikörper - das reiche dann aus, um auch Varianteviren „wegzuneutralisieren“. Wenn die Impfung eine Weile her sei, könnten aber Auffrischungsimpfungen das Immunsystem „hochpushen“. 

Diese Grafik zeigt den Anteil der verschiedenen Mutationen an den Neuinfektionen seit Januar 2021. Breitete sich Anfang des Jahres zunächst die Alpha-Variante (B.1.1.7) rasant in Deutschland aus, ist spätestens seit Ende Mai 2021 die Delta-Variante (B.1.617.2) auf dem Vormarsch:

Gibt es schon größere Ausbrüche?

In den Niederlanden sind 61 Flugpassagiere aus Südafrika positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Tests seien bei der Ankunft am Flughafen Schiphol in Amsterdam vorgenommen worden, teilte die niederländische Gesundheitsbehörde GGD am Samstag mit. Ob es sich um Infektionen mit der Omikron-Variante handelt, ist aber noch unklar und zurzeit Gegenstand von Untersuchungen. Die Passagiere kamen mit zwei Flügen aus Südafrika an. Neben den 61 positiven Ergebnissen habe es 531 negative Coronatests gegeben. 

RKI-Chef Lothar Wieler wies am Freitag außerdem auf „sehr stark steigende Fallzahlen in einigen Provinzen Südafrikas“, wo die Omikron-Variante erstmals beschrieben wurde. Noch sei allerdings unklar, ob die steigenden Infektionszahlen in Südafrika mit dem neuen Virustyp zusammenhängen.  

Ist Südafrika wirklich Ursprungsort der Variante?

Das ist unbekannt. Mit Südafrika wird Omikron in Verbindung gebracht, weil die Variante hier zuerst bei Sequenzierungen aufgefallen ist. Am Donnerstag hatte das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD mitgeteilt, es seien in Südafrika 22 Fälle der neuen Variante B.1.1.529 nachgewiesen worden. 

Eine Infizierte, die in Belgien diagnostiziert wurde, war auf ihren Reisen allerdings nicht weiter als bis nach Ägypten gekommen. Das geht aus einem Bericht des „National Reference Laboratory“ im belgischen Löwen hervor. Die Symptome traten auf, als ihre Reise bereits elf Tage zurücklag. Epidemiologe Eric Feigl-Ding schloss daraus, dass das Virus schon jetzt grenzüberschreitend verbreitet ist: „Ich fürchte, Omikron ist schon global“, schrieb er auf Twitter und äußerte „große Sorge“.

Was sagt der deutsche Gesundheitsminister?

Auch der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte sich am Freitag zur neuen Virus-Variante. Spahn sagte, die Variante habe eine hohe Zahl von Mutationen, die zumindest erstmal auch Anlass zur Sorge sind“, teilte Spahn mit. Wie ansteckend sie ist, wie gut der Impfschutz gegen sie wirkt und ob sie abweichende Krankheitsverläufe nach sich zieht - all dies sei Gegenstand laufender Untersuchungen: „Die entsprechenden Tests finden statt.“

„Unser Ziel muss sein, den Eintrag dieser Variante so weit es geht zu vermeiden. Das ist das Letzte, was wir jetzt in unserer momentanen Lage brauchen können“, sagte Spahn

mit dpa/afp

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