Hilfe
Mit Hornhäuten im Reisegepäck nach Ruanda
Klaus Renken vom Verein Cornea Help aus Wiesmoor hat neue Netzwerke geknüpft, um vom Erblinden bedrohten Menschen in Afrika zu helfen. Diesmal brachte er selbst wertvolle Fracht persönlich dorthin.
Wiesmoor/Kigali - So oft Klaus Renken auch in Flieger gestiegen ist, um in afrikanischen Ländern zu helfen: Dieses Mal war die Verantwortung eine spürbar größere. Denn der Wiesmoorer hatte höchst selbst einen Schatz zu bewachen, hatte zum allerersten Mal selbst eine kleine Kiste dabei, in der Hornhäute sorgsam verschlossen lagerten, die in der ruandischen Hauptstadt Kigali drei Patienten eingesetzt werden sollten, um ihnen das Augenlicht zurückzugeben. „Hornhäute hatte ich selbst noch nie zuvor in meinem Leben selbst im Gepäck. Und das war schon eine Herausforderung, denn es lag an mir persönlich, dass diese Hornhäute unbeschadet ihr Ziel erreichen“, sagt er.
Was und warum
Darum geht es: Ein Wiesmoorer hat selbst Hornhäute nach Ruanda transportiert, die dort fast blinden Menschen eingesetzt wurden.
Vor allem interessant für: Unterstützer des Vereins Cornea Help und Menschen mit Herz für humanitäre Hilfe
Deshalb berichten wir: Der Vereinsvorsitzende Klaus Renken hat sich an die Redaktion gewandt, wir haben ihn kontaktiert und nach seinen Erlebnissen gefragt. Die Autorin erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Seit 2009 setzt sich der Verein Cornea Help, den Renken gegründet hat, dafür ein, Menschen in afrikanischen Ländern Hornhauttransplantationen zu ermöglichen, die sich so etwas niemals selbst leisten könnten. Seit August arbeitet der Verein offiziell mit der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) zusammen. „Die ist auf uns zugekommen. Und von dort konnten wir nun Hornhäute aus Deutschland bekommen, die von verstorbenen Menschen in Deutschland gespendet worden waren und die die DGFG uns gespendet hat“, sagt Renken. Bislang habe man für alle 115 Operationen zuvor Hornhäute bei Augenbanken in den USA für Patienten in Ruanda oder Kenia bestellt und bezahlt, die von dort aus gekühlt an die jeweiligen Ziele in Afrika geliefert wurden. So war es auch bei zehn weiteren Operationen in diesem Jahr, für die in Afrika Hornhäute benötigt wurden und für die Cornea Help die Kosten von jeweils etwa 2000 US-Dollar pro Stück übernommen hat.
Hornhäute flogen im Passagierraum mit
„Dieses Mal war es anders. Und dieses Mal mussten wir auch sicherstellen, dass die Hornhäute warmgehalten werden, sie mussten also im Passagierraum mitfliegen“, sagt er. Per Kurier waren sie von Hannover nach Wiesmoor gelangt, von dort nahm Renken die wertvolle Fracht mit zum Flughafen nach Bremen. Die DGFG habe dafür im Vorfeld die Bundespolizei am Flughafen in Bremen informiert, die Fluggesellschaft KLM eingebunden und auch für entsprechende Genehmigungen am Transitflughafen Schiphol in Amsterdam gesorgt. Auf dem Zubringerflug nach Amsterdam durfte die Box auf einen Passagiersitz geschnallt mitreisen, von dort aus bis nach Kigali verbrachte sie den Flug in der Crew-Garderobe im Cockpit des Fliegers.
Am Ziel angekommen gab es dann aber doch kurz zarte Sorgen, denn ruandisches Sicherheitspersonal wollte genauer wissen, was sich denn in der Box befindet und einen Blick hineinwerfen. „Ich habe ihnen das entsprechende Sicherheitszertifikat gezeigt, und es gab da schon die Sorge, dass die hoch empfindlichen Hornhäute durch das geforderte Öffnen am Ende noch kaputt gehen und die ganze Reise für die Katz war“, sagt der Wiesmoorer. Er habe daraufhin sofort den operierenden Arzt Dr. John Nkurikiye vom Dr. Agarwals Eye Hospital in Kigali angerufen, auf dass dieser vermitteln konnte. „Und kurze Zeit später hieß es ,Go! Go!‘ und alles war gut. Ich wäre da im Notfall auch so lange geblieben, bis jemand Offizielles gekommen wäre. Ich hätte nicht zugelassen, dass jemand die Kiste öffnet“, sagt Renken. Nach anderthalb Tagen, die die Hornhäute dann noch in seinem Hotelzimmer in Kigali zubrachten, wurden sie dann von Nkurikiye drei nahezu erblindeten jungen Menschen eingesetzt.
Nach zwölf Jahren Familie wiedergesehen
„Die OPs sind super gelaufen. Und er hat gesagt, so gute Hornhäute hat er noch nie einsetzen können.“ Unglaublich bewegend sei gewesen, wie etwa einer der Patienten, „zum ersten Mal nach zwölf Jahren seine Frau, seine Kinder und seine Farm wieder sehen konnte, nachdem er fast erblindet war, da sind unglaublich viele Freudentränen geflossen“, sagt Renken.
Die seien auch in zahlreichen weiteren Treffen Wangen hinuntergekullert. „Es war ja das erste Mal, dass ich nach zwei Jahren überhaupt wieder dorthin reisen konnte – nachdem wir im vergangenen Jahr pandemiebedingt gar nicht helfen konnten“, sagt Renken. Wegen Corona habe man sich indes nicht so wie sonst um den Hals fallen können. „Wir haben penibel auf Abstand geachtet, andauernd PCR-Tests gemacht. Ich selbst habe mich diesmal auch kaum in der Stadt und im Land bewegt, um keine Gefahr einzugehen – zumal ich ja auch negative PCR-Tests brauchte, um wieder ausreisen zu können.“
Neue Projekte geplant
Seit Dienstag ist er zurück in Wiesmoor, plant aber schon eine weitere Reise – wiederum mit Hornhaut-Spenden der DGFG – nach Kenia, die er wieder selbst dorthin bringen möchte. Eine weitere Gewebebank aus Rostock hat sich am Donnerstag nun zusätzlich bei ihm gemeldet und Cornea Help ebenfalls Spenden angeboten. Zugleich plant Renken fürs kommende Jahr einen gemeinsamen Besuch in Afrika, „bei dem wichtige Ansprechpartner aus Politik und Medizin zusammenkommen, um die Grundsteine für die Etablierung eines nachhaltigen Spendeprogrammes, unterstützt von den örtlichen Behörden, zu legen“. In einem weiteren Schritt sollen der Aufbau von Gewebebanken und letztlich die medizinische Ausbildung im Land gefördert werden. „Es kann keine Dauerlösung sein, wenn Hornhäute nur aus Deutschland oder den USA importiert werden. Nur, wenn es den Ländern Afrikas selbst gelingt, eigenständig Gewebespenden einzuwerben, kann auch langfristig eine bessere und sichere Patientenversorgung mit Hornhauttransplantaten gewährleistet werden“, sagt Renken.
Deswegen will er im kommenden Jahr mit Vertretern der DGFG gemeinsam nach Ruanda, Kenia sowie nach Südafrika reisen und für die gute Sache werben. „In Afrika gibt es glaubensbedingt noch sehr große Bedenken gegen Organ- und Gewebespenden. Aber wir haben diejenigen, denen wir schon helfen konnten, als überglückliche Unterstützer“, so Renken. Auch DGFG-Geschäftsführer Martin Börgel teilt auf Anfrage mit: „Genau das ist das Ziel unserer Initiative: Hilfe zur Selbsthilfe.“ Die gemeinsame Initiative von Cornea Help und DGFG „hat viel Erfolgspotenzial“, so Börgel. Cornea Help habe zwölf Jahre Erfahrung darin, Hornhaut-Transplantationen in vielen Ländern Afrikas zu unterstützen und zu verwirklichen, die DGFG habe in fast 15 Jahren erfolgreich ein Gewebespende-Programm etabliert und ein bundesweit agierendes Netzwerk aus Gewebebanken und transplantierenden Einrichtungen aufgebaut.