Corona in Ostfriesland
Abgewiesene beschimpfen in Leer Beschäftigte von Testzentrum
Vor dem Testzentrum in der Leeraner Innenstadt ist es am Mittwochabend zu Ausschreitungen gekommen. Der Betreiber erklärt sich das mit der Angst ungeimpfter Arbeitnehmer vor Konsequenzen im Job.
Leer - Am Mittwochabend ist es am Testzentrum in der Leeraner Innenstadt zu unschönen Szenen gekommen: Die Mitarbeitenden der Station sind von Menschen in der Schlange massiv beleidigt und bedroht worden. „Was sie sich alles anhören mussten, möchte ich gar nicht wiederholen“, sagt Jörn Flentje, der Betreiber des Testzentrums. Weil zum eigentlichen Ende der Öffnungszeiten noch sehr viele Menschen angestanden hätten, habe man länger Tests durchgeführt. Um etwa 19.30 Uhr seien die Beschäftigten allerdings so erschöpft gewesen, dass die Teststelle habe endgültig geschlossen werden müssen. „Dort standen dann aber immer noch rund 50 Leute an“, sagt Flentje. Als diese weggeschickt wurden, habe der Ärger begonnen.
„Die Menschen haben Panik bekommen, weil sie ohne Test am Morgen nicht zur Arbeit können“, sagt der Betreiber. Allerdings könne aus Rücksicht auf den Arbeitsschutz nicht „die ganze Nacht durchgetestet“ werden. Er könne angesichts der 3G-Regelung die Verzweiflung und Angst vor Abmahnungen sogar verstehen, wenn allerdings deswegen Mitarbeitende attackiert würden, sei Schluss mit dem Verständnis. Er selbst sei am Abend in die Innenstadt gekommen, um die verbal aggressive Meute aufzulösen. „Ich habe den Container dann abgeschlossen“, sagt er. Gerüchte, dass sich dort Beschäftigte eingeschlossen hätten und den Container nur mit Hilfe der Polizei hätten verlassen können, stimmen laut Flentje nicht. „Wir haben die Polizei nicht gerufen.“
Zur Not solle die Bundeswehr helfen
Stattdessen habe man Kontakt mit Landkreis und Stadt Leer aufgenommen. „Wir brauchen hier Hilfe, sonst brechen mir die Leute zusammen“, sagt er. Er habe nicht das Personal und die Kapazitäten, um alle Tests in Leer zu übernehmen. Tatsächlich betreibt er momentan das einzige Zentrum in der Stadt, nur das MVZ des Klinikums ist nach Angaben des Landkreises nach telefonischer Terminvereinbarung zusätzlich für Tests geöffnet. „Das reicht jetzt nicht und wird erst recht nicht reichen, wenn noch die 2G-plus-Regel kommt“, sagt Flentje. Deshalb bitte er die Behörden um Unterstützung – zur Not sollten diese Personal bei der Bundeswehr oder bei Sanitätsdiensten anfragen. „Anders geht es nicht mehr.“
Als erste Maßnahme hat Flentje sich entschieden, jeden ohne Termin rigoros wegzuschicken. Am Dienstagabend, kurz vor der Einführung von 3G am Arbeitsplatz, hätten sich rund 50 Prozent der Kunden nicht vorab angemeldet. „Das führt zu viel zu langen Wartezeiten“, sagt der Betreiber – selbst, wenn es zwei unterschiedliche Schlangen für Menschen mit und ohne Termin gebe. Deshalb gelte jetzt: kein Termin, kein Test. Eine gute Nachricht gibt es vom Emder Schützenplatz: Ein Mitarbeiter des dortigen Testzentrums sagt, dass man in den Startlöchern stehe, um ein neues Testzentrum in Leer zu eröffnen. Am Sonnabend oder Montag könne man an den Start gehen – je nachdem, wann das Okay von den Behörden komme. Beim Testzentrum am Schützenplatz habe es bislang glücklicherweise keine Ausschreitungen geben.
Gesundheitsamt „ebenfalls an Belastungsgrenze“
Die Stadt Leer teilt auf Nachfrage mit, dass für Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ausschließlich der Landkreis Leer zuständig sei. Die Stadt habe dort keine Handlungsmöglichkeiten, schreibt Pressesprecherin Sabine Dannen. Laut Annika Smit vom Landkreis läuft das Gesundheitsamt personell „ebenfalls an einer absoluten Belastungsgrenze“. Eine Unterstützung für kommerzielle Testzentren könne deshalb nicht geleistet werden.
Gleichwohl sei der Kreis an alle vorherigen Betreiber herangetreten, um über eine Reaktivierung zu sprechen. Smit: „Fünf Testzentren, darunter das ehemalige Testzentrum bei Multi Süd oder die Teststation in Rhauderfehn werden kurzfristig wieder eröffnen.“ Ein Großteil der Zentren, inklusive dem neuen des Betreibers vom Emder Schützenplatz, ist dann laut Smit im Stadtgebiet angesiedelt. „Wir hoffen, dass sich dann die angespannte Situation für die einzelnen Testzentren entlastet“, so die Pressesprecherin.
Gesundheitsministerium beantwortet Anfrage nicht
Ebenfalls angefragt haben wir bei den Behörden die Lage in den anderen Kreisen und in der Stadt Emden. Rainer Müller-Gummels vom Landkreis Aurich teilt dazu mit: „Bei uns sind keine derartigen Vorfälle bekannt.“ Auch habe es keine Hilfsgesuche von Testzentrumsbetreibern gegeben. Laut Sprecher Ralf Klöker sind auch dem Kreis Wittmund keine derartigen Fälle bekannt.
Bereits am Mittwochmorgen hatten wir außerdem dem Bundesgesundheitsministerium Fragen zukommen lassen, bislang ohne Antwort. Aus Berlin wollen wir wissen, warum ausschließlich auf private Testmöglichkeiten gesetzt wird – in dem Wissen, dass die Dichte zu gering ist, um der Anfrage standzuhalten? Auch haben wir gefragt, wie der Bund ein flächendeckendes Angebot sicherstellen wolle. Dr. Dirk Obes, Leiter des Emder Gesundheitsamts, hatte am Mittwoch gegenüber der Redaktion die Vermutung geäußert, dass die aktuelle Entwicklung in den Testzentren „vom Gesetzgeber“ durchaus beabsichtigt sei, um den Impf-Druck zu erhöhen.
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3G-Regelung im Job führt zu Ansturm auf ostfriesische Testzentren
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