Osnabrück

Corona ist auch eine Pandemie der falschen Versprechen

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 24.11.2021 13:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine leere Litfaßsäule ist mit dem durchgestrichenen Schriftzug „Impfpflicht jetzt!“ beschmiert. Die Debatte um eine generelle Impfpflicht in Deutschland spaltet aktuell das Land. Foto: dpa/Robert Michael
Eine leere Litfaßsäule ist mit dem durchgestrichenen Schriftzug „Impfpflicht jetzt!“ beschmiert. Die Debatte um eine generelle Impfpflicht in Deutschland spaltet aktuell das Land. Foto: dpa/Robert Michael
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Ich hätte da mal einige Fragen zum Thema Corona. Punkt eins: die Impfpflicht. Reihenweise stimmen Politiker das Land darauf ein, dass sie ihr Wort brechen werden. Ich finde das allein aus diesem Grund nicht in Ordnung. Außerdem halte ich das Vorhaben für einigermaßen ambitioniert. Der Staat will kurzfristig alle erreichen, die sich verweigern? Derzeit scheitert er daran, eine Booster-Kampagne für die aufzusetzen, die sich nach einer dritten Spritze sehnen.

Ohnehin wird es Monate dauern, bis derjenige einen relevanten Schutz erreicht, der noch ungeimpft ist. Weiß das jeder, der nach dem Zwang dazu ruft? Für die aktuelle Lage macht eine Pflicht keinen Unterschied. Warum also das plötzliche Drängen darauf? Die Zahl der belegten Betten kann der Grund nicht sein. Geht es hier also um Demütigung?

 „Wenn die Impfung gut wirkt, wird sie auch freiwillig gemacht. Dann ist keine Impfpflicht nötig. Wenn sie viele Nebenwirkungen hat oder nicht so gut wirkt, verbietet sich eine Impfpflicht. Daher ist sie nie sinnvoll“: Dieser Aussage stammt von Karl Lauterbach. Natürlich kann man seine Meinung ändern, durch Argumente oder neue Entwicklungen. Das hat der SPD-Politiker hier aber ausgeschlossen, sondern Allgemeingültigkeit reklamiert. Er spricht von „verbieten“ und „nie“. Er hat übertrieben, wie so häufig und wie so viele andere auch.

Deutschland erlebt daher auch eine Pandemie der falschen Versprechen. Wenn Menschen das Vertrauen in die Politik und in den Impfstoff fehlt, sind ihnen, so viel Ehrlichkeit muss sein, reihenweise Gründe dafür geliefert worden. Ähnlich verhält es sich mit dem Boostern. Über Wochen und Monate wurde so getan, als sei für die Geimpften mit zwei Spritzen die Sache vorüber. Viele ließen sich vielleicht nur deshalb auf die Impfung ein; letztlich wurden sie getäuscht.

Als sich in Israel abzeichnete, dass der Schutz nicht lange hält, wurde überheblich die Nase gerümpft und getönt, das herbstliche Aufflammen gravierender Infektionen auch von Geimpften liege nur daran, dass die beiden Impfungen dort zu schnell hintereinander gesetzt worden seien. Hierzulande, im Musterland der Corona-Bekämpfung, habe man diesen Fehler vermieden. Tja. Das war wohl nichts. Eine „Pandemie der Ungeimpften“ war nur ein Slogan, um nicht zu sagen Propaganda. Jeder einzelne trägt seinen Teil zur Krise bei.

Auch an Christian Drosten muss ich immer wieder denken, den Säulenheiligen des deutschen Wegs in dieser Krise. So gut und wirksam und wichtig die Corona-Impfung sei, erklärte er erst im September, sei es nicht das Ziel, wieder und wieder geimpft zu werden. Vielmehr würde er es vorziehen, nach zwei oder mehr Impfungen eine natürliche Infektion zu erleben. Wegen ihrer Wirkung im Bereich der Schleimhäute immunisiere eine überstandene Ansteckung nachhaltiger als eine weitere Spritze.

Manch anderem würde eine solche Aussage als Querdenkerei ausgelegt.

2G und 3G sind auch so eine Sache. Jemand, der nachweislich gesund ist, soll nicht auf jemanden treffen, der geimpft ist. Medizinisch war das von Beginn an begrenzt sinnvoll. Es sollte vielmehr Ungeimpften das Leben erschwert werden. In der Folge trafen sich beide Gruppen ohne Tests und besondere Vorsicht - mit tödlichen Folgen auch für manchen Geimpften, dem der Staat seine Sicherheit suggeriert hatte.

Diese Gedanken sollen keine Anklage sein. Wohl aber ein Aufruf dazu, maßvoll zu bleiben. Statt einander zu beschimpfen, hätte ich drei konkrete Vorschläge.

Erstens: Durchaus eine Impfpflicht, wenn es der Sache denn dient - aber mit Widerspruchsrecht, ähnlich wie es bei der Organspende diskutiert wird. Dann müsste jeder offensiv erklären, wenn er zum Beispiel aus weltanschaulichen Gründen nicht dabei sein will. Vielen wird das die Mühe nicht wert sein. Andere aber dürfen sich verweigern, ohne sich zur Auswanderung genötigt zu fühlen. Ich hielte das schon deshalb für richtig, weil es nicht um eine einmalige Spritze geht, sondern augenscheinlich um eine Impfung alle paar Monate.

Zweitens: Der traditionell hergestellte Totimpfstoff ist anderswo längst zugelassen. Wer hat sich in der EU dahintergeklemmt? Ich habe nicht den Eindruck, dass dies sonderlich vorangetrieben wird, obgleich eine beträchtliche Zahl von Menschen dann zur Impfung bereit wäre. Auch dies wäre ein Weg, die Lage ohne Drangsalierung und Diskriminierung zu verbessern.

Drittens: Die Hersteller sind von der Haftung für Impfschäden in der EU nach wie vor freigestellt. Wenn und weil die Impfung doch so wichtig ist und von allen offiziellen Stellen für in Relation sicher erklärt wird - wäre es nicht ein vertrauensbildendes Signal, dies zu ändern? Könnte das nicht mancher Impfgegner für sich zum Grund nehmen, von seiner Haltung gesichtswahrend Abstand zu nehmen?

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Politik nach Kräften bemüht, das Land durch diese schwierige Zeit zu bringen. Aber die Gewissheit, dass sie sich nicht treiben lässt von Populismus und Angst, die hätte ich gerne - und dass sie es sein lässt, immer und immer wieder den Anschein zu erwecken, den einzig wahren Weg zu kennen, wenn das doch nachweislich immer und immer wieder nicht so ganz stimmt.

Die grassierende Selbstgerechtigkeit besorgt mich auch deshalb, weil Corona - sehen Sie es mir nach - im Vergleich zu anderen denkbaren und historischen Heimsuchungen einer Gesellschaft eine verhältnismäßig harmlose Angelegenheit ist. Wenn aber schon eine für die meisten Menschen kaum merkbar verlaufende Erkrankung das Land und das Leben dermaßen aus der Bahn wirft - was passiert wohl, wenn die Lage einmal ungleich ernster ist? Ich mag mir das nicht vorstellen.

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