Interview
Kunst könnte Emder Schaufenster attraktiver machen
Der Architekt Frank Buken äußert sich zur Gestaltung, Nutzung und Bedeutung der Emder Neutor-Arkaden. Er hat auch Ideen für die zugeklebten Schaufenster des Drogeriemarktes Müller an der Straße Agterum.
Emden - Der Architekt der Neutor-Arkaden in der Emder Innenstadt, Frank Buken, hat eine attraktivere Gestaltung der langen Schaufenster-Front des Drogeriemarktes Müllers entlang der Straße Agterum angeregt. Denkbar seien historische Fotos der Stadt, eine Art von Street-Art-Galerie, also Straßenkunst, oder auch abstrahierte Kunst als Werbung für die Kunsthalle, sagte Buken dieser Zeitung. Er äußerte sich auch zur Nutzung des Gebäudekomplexes, den Wandel der Innenstädte und zu der „Sky Bar“, die ursprünglich auf dem Dach der Neutor-Arkaden geplant war, aber nicht verwirklicht wurde. Buken ist Geschäftsführer des Hamburger Architektenbüros pbp - Prasch Buken Partner.
Was und warum
Darum geht es: Mit den neuen Neutor-Arkaden sind viele Hoffnungen auf eine Belebung der Emder Innenstadt verknüpft. Erstmals äußert sich auch der Architekt dieses Gebäudekomplexes dazu.
Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, alle Akteure in der Emder Innenstadt und diejenigen, die sich für die Entwicklung von Stadtzentren interessieren
Deshalb berichten wir: Die Entwicklung der Innenstadt ist gegenwärtig ein großes Thema. Wir wollten wissen, wie sozusagen von außen darauf der Blick ist. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Frage: Sind Sie eigentlich zufrieden mit dem, was auf dem ehemaligen Kaufhaus-Gelände in der Emder Innenstadt entstanden ist?
Frank Buken: Ja. Zunächst sollte das Hertie-Gebäude erhalten bleiben, aber nach einigen Versuchen und auch Kalkulationen wurde festgestellt, dass das Gebäude abgerissen werden muss. Trotz allem hat es dem Eingang zur Neutorstraße gut getan, die Kubatur zu belassen. Die Straße Agterum ist nun auch mit einer städtischen Fassade versehen worden, die der Stadt in der Materialität und auch Maßstäblichkeit wieder entgegenkommt. Fassaden von Kaufhäusern aus damaligen Zeiten sind nicht mehr zeitgemäß, prägen aber weiterhin viele Innenstädte wie zum Beispiel die in Oldenburg und Bremen.
Frage: Welche Überlegungen und Gedanken waren maßgebend für die Architektur der Neutor-Arkaden?
Buken: Wir haben versucht, die Materialität und die Maßstäblichkeit der Stadt aufzunehmen. So war der Rotklinker sofort gesetzt und auch die Idee, den langen Straßenzug Agterum durch mehrere Gebäude aufzulockern. Variierende Fassaden in drei Abschnitten sollen den Eindruck eines gewachsenen Straßenzuges vermitteln, damit der Kaufhauscharakter als Fremdkörper in der kleinteiligen und gewachsenen Stadt verschwindet. Wir haben heute als Architekt die Aufgabe, Stadtreparatur zu betreiben. Nicht nur die Nachkriegszeit, sondern auch die Bedürfnisse und die Architektur der 1960er und 1970er Jahre haben Spuren in vielen Städten hinterlassen, die wir heute in sich verändernden Zeiten behutsam rückgängig machen dürfen.
Frage: Von der Architektur zur Nutzung: Viele Emder haben sich wohl mehr vorgestellt als „nur“ein Hotel, einen Supermarkt und einen Drogeriemarkt. Diese Bürger wünschten sich ein klassisches Einkaufscenter mit einem größeren Mix aus Handel, Gastronomie und anderen Dienstleistungen. Ist aus Ihrer Sicht das Maximale erreicht worden?
Buken: Die Lage eines Gebäudes ist immer entscheidend für die Nutzung. Als Eingang zur Innenstadt ist lediglich die Ecke Agterum/Neutorstraße für den Einzelhandel sichtbar. Passagen mit kleineren Geschäften werden deutschlandweit zurückgebaut, weil sich das Bild des Einzelhandels durch Online-Handel und auch Corona in den letzten Jahren komplett verändert hat. Kaufhauskonzepte über mehrere Etagen sind schon länger nicht mehr rentabel. Die Sichtbarkeit aus Fußgängersicht an frequentierten Punkten sind die einzig übriggebliebenen Stellen, an die sich Einzelhandel traut. Zudem sind die Produkte des täglichen Bedarfs die einzigen Produkte, die nicht so stark vom Online-Handel beeinflusst wurden. Aus diesem Grund sind das die verbliebenen und auch weiter expandierenden Geschäftsformen. Ähnlich sieht es bei Hotels aus. Hier ist die Entwicklung, dass zunächst familiengeführte Hotels in Schwierigkeiten geraten sind, weil größere Hotelketten ein besseres und auch günstigeres Angebot liefern können. Vier-Sterne-Hotels werden von den Reisenden kaum noch gebucht. Der Trend geht hier zu Hotels mit zwei bis drei Sternen die eine komfortable Übernachtungsmöglichkeit bieten können. Reisende haben den Anspruch, die Stadt mit Gastronomie und Leben zu entdecken und im Hotel lediglich zu schlafen. Dieser Trend könnte den Innenstädten gut tun, weil die Gastronomie und die kulturellen Angebote verstärkt genutzt werden. Der Wunsch der Emderinnen und Emder ist verständlich, doch die Entwicklung der Märkte ist zur Zeit zu stark im Umbruch, so dass die Umsetzung dieses Projektes als Mischimmobilie das Maximum ist, was der Investor machen konnte.
Frage: Also ist auch die Zeit der großen Einkaufscenter vorbei.
Buken: Größere Einkaufszentren und -passagen werden nach Kaufhäusern die nächsten Opfer des Online-Handels sein. Wenn der größte Entwickler von Einkaufszentren bereits auf die Entwicklung von Wohnungs- und Bürogebäude umschwenkt, ist dies ein unverkennbares Zeichen. Meiner Meinung nach kann man allerdings dem momentanen Wandel auch etwas Positives abgewinnen. Gegenwärtig ist man froh, draußen zu sein, um andere Menschen zu treffen und in individuelle und originelle Geschäfte zu gehen. Das könnte eine Renaissance der Innenstädte bedeuten. Dunkle Passagen und Einkaufszentren mit Filialisten wirken wenig individuell und haben auch nichts Persönliches mehr. Wir können nur hoffen, dass die Menschen wieder lernen, die Innenstädte zu schätzen.
Frage: Ursprünglich war auf dem Dach der Neutor-Arkaden eine sogenannte Sky- Lounge als gastronomischer Betrieb geplant. Das wäre sicherlich eine zusätzliche Attraktion gewesen. Lässt sich so etwas noch im Nachhinein entwickeln?
Buken: Gerne hätten wir die Skybar erhalten, aber leider gab es auch wirtschaftliche Zwänge und auch das fehlende Interesse und die Risikobereitschaft eines Nutzers, um die Skybar zu ermöglichen. Ob sich die Skybar nachträglich realisieren lässt, kann ich leider nicht beurteilen.
Frage: Sie kennen und beobachten die Entwicklung in vielen Innenstädten. Auch in Emden ist der Umbau der City zu einer autoarmen „Erlebnisstadt“ ein großes Thema. Wie beurteilen Sie speziell die Situation der Emder Innenstadt?
Buken: Das Wort „Erlebnisstadt“ ist ein Begriff, der noch definiert werden muss. Was muss eine Stadt bieten, damit man einerseits den Einzelhandel stärkt, der wie erwähnt, schon heute durch den Online-Handel leidet, und anderseits alle Generationen dazu bewegt, in die Stadt zu gehen oder mit dem Fahrrad und dem ÖPNV in die Stadt zu fahren? Aus kleineren Städten wie meiner Heimatstadt Cloppenburg kenne ich aus den letzten Jahren, dass Verkehrsberuhigung und Umwandlung in Fußgängerzonen zu einer Reduzierung der Frequentierung der Innenstadt geführt hat. Die Entwicklung in den Köpfen der Einwohner ist entscheidend. Muss man wirklich alles mit dem Auto erledigen, oder verzichtet man darauf und nimmt das Fahrrad, verbindet ein Shopping oder Veranstaltungserlebnis mit einem Spaziergang? Hier sind wirklich gute Ideen gefragt, die die Menschen anlocken. Dass eine autoarme Innenstadt möglich ist zeigt das Beispiel Amsterdam, die das Parken außerhalb des Innenstadtbereiches attraktiv gemacht macht hat und gleichzeitig die Parkmöglichkeiten im Innenstadtbereich zu Gunsten von Radwegen, den Ausbau des ÖPNV und die Verdichtung von Grünanlagen reduziert hat. Wie ich den Medien entnehmen konnte, hat Emden eine Entwicklung in ähnlicher Form vor. Eine gute Idee und sicher auch die Zukunft! Wir können darauf hoffen, dass mit dem Klimawandel, der Digitalisierung und nicht zuletzt mit der Stärkung der E-Mobilität auch ein Wandel in den Köpfen stattfindet, damit die Ideen der Städte auch angenommen werden.
Frage: Viele Emder stören sich daran, dass die großen Schaufensterfronten der Neutor-Arkaden von der Drogerie Müller zugeklebt sind und das Gesamtbild des Komplexes dadurch erheblich beeinträchtigt ist. Gibt es dafür bessere Ideen?
Buken: Sicher gibt es viele Ideen, um Schaufenster zu gestalten. Am sinnvollsten sind große Glasflächen, um Einblicke zu gewähren, das Leben innerhalb des Gebäudes zu sehen und Interesse zu wecken. Ein Drogeriemarkt ist allerdings ein sehr durchdachtes und kundenoptimiertes Gebilde. Regalierungen zur besseren Übersicht und dessen flächenoptimierte Aufstellung lassen es oftmals nicht zu, in den Markt zu schauen. Rückwände von Regalen sind ebenso unattraktiv. Eine Gestaltung der Flächen mit Bildern aus der Historie der Stadt, Street-Art oder auch abstrahierte Kunst als Werbung für die Kunsthalle könnten wir uns hier vorstellen. So etwas muss man aber zunächst mit dem Pächter und dem Eigentümer abstimmen. Die Kosten für eine Bespielung der Flächen müssten auch geklärt werden.