Pandemie

Praxen können Ansturm auf Impfungen kaum bewältigen

Lars Laue, Petra Herterich und Tobias Rümmele
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Von Lars Laue, Petra Herterich und Tobias Rümmele
| 17.11.2021 19:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Binnen zwei Wochen hat sich die Zahl der Impfungen in den ostfriesischen Praxen mehr als verdoppelt. Foto: Murat/DPA
Binnen zwei Wochen hat sich die Zahl der Impfungen in den ostfriesischen Praxen mehr als verdoppelt. Foto: Murat/DPA
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Immer mehr Menschen wollen eine Corona-Impfung – auch in Ostfriesland. Doch für die Ärzte in der Region werden die kommenden Wochen zur Belastungsprobe werden.

Hannover/Ostfriesland - Vor der Ausweitung der 2G-Regelungen in Niedersachsen legt die Zahl der Corona-Erstimpfungen im Land wieder etwas zu. Laut Gesundheitsministerium habe es am Dienstag 4163 Erstimpfungen gegeben – das seien etwa 1000 mehr als eine Woche zuvor. Etwa drei Viertel aller Impfungen seien allerdings bereits Auffrischungen, sogenannte Booster. Bisher sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 69,5 Prozent der Niedersachsen vollständig geimpft – etwa fünf Prozent haben zudem die Auffrischungsimpfung erhalten, vor allem Über-60-Jährige.

Dieter Krott, Geschäftsführer der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsens (KVN), sieht die Praxen für die hohe Nachfrage gut aufgestellt. „Wir sind gerüstet und bereit“, sagt er. Inzwischen sei auch der Lieferrhythmus für die Impfdosen von zwei auf eine Woche reduziert worden, was die Wartezeiten für die Patienten verkürze. Dennoch erwartet Krott, dass sich die Menschen auf Wartezeiten einstellen müssen. „Wenn jetzt der Ansturm auf die Booster-Impfung kommt, ist für die Praxen nicht alles sofort zu bewältigen“, prognostiziert Krott. Er empfiehlt, nur bei einer Praxis einen Impftermin zu vereinbaren, und nicht bei mehreren. „Wir sehen den Trend, dass gebuchte Termine oftmals nicht wahrgenommen werden“, sagt Krott.

Zahl der Impfungen hat sich verdoppelt

Auch in den Arztpraxen wird derweil eine wachsende Impfbereitschaft deutlich. Binnen zwei Wochen hat sich die Zahl der Impfungen in den ostfriesischen Praxen mehr als verdoppelt. Demnach ließen sich allein in der vergangenen Woche 9200 Menschen von niedergelassenen Ärzten in der Region impfen. Darunter waren 5900 Booster-Impfungen. „Die Nachfrage ist bereits groß. Der Schwerpunkt liegt beim Boostern – mit weiter steigender Tendenz“, so Krott.

Das Land Niedersachsen setzt derweil auf mobile Impfteams – die Anzahl soll fast verdoppelt werden. Zudem sollen die Kommunen nach den Worten von Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) „stationäre Impfstellen“ einrichten, die aber keine wirklichen Impfzentren sein werden.

Lange Schlangen vor Impfstellen

„Die Impfstellen können auch tageweise an wechselnden Standorten in verschiedenen Kommunen eingerichtet werden“, begründete die Ministerin ihr Konzept. Vor diesen Impfstellen bilden sich aber schon jetzt lange Schlangen – wie etwa am Mittwoch in Leer an der Bavinkstraße. Die Impfzentren waren in Niedersachsen Ende September geschlossen worden. Behrens hatte sich vehement gegen eine Wiedereröffnung ausgesprochen. Dass sehen viele Mediziner kritisch: „Es war ein Fehler, die Impfzentren zu schließen“, sagt etwa Dr. Harm Diddens, Urologe aus Leer. Er hat selbst im Impfzentrum in Hesel mitgearbeitet. „Gegen Covid braucht man drei Impfungen, das gilt für jeden. Der Ausdruck ,Booster‘ ist da eigentlich irreführend. In den Impfzentren haben Millionen Menschen ihre Erst- und Zweitimpfung bekommen – die dritte sollen jetzt die niedergelassen Ärzte schaffen. Wie soll das gehen?“

Der Aufwand sei wirklich hoch: „Die Organisation der Impfungen in den Praxen ist sehr aufwendig“, sagt der Facharzt. Aktuell impfen laut Kassenärztlicher Vereinigung in Niedersachsen etwa 4500 Ärzte, mehr als 14.000 könnten es theoretisch sein. Schwerpunkt-Impfpraxen sollen monatlich gut 4000 Euro als Zuschuss erhalten – ob das Ärzte lockt? „Vielleicht ist das was für Hausarztpraxen, in denen mehrere Ärzte arbeiten, dann kann sich einer ums Impfen kümmern. Ansonsten bekommt man das neben dem Praxisalltag kaum hin“, sagt Diddens. Zudem brauche man ja auch Platz, damit die Patienten nach der Impfung noch eine Viertelstunde beobachtet werden könnten.

Seiner Meinung nach kann man die vierte Corona-Welle nicht durchs Boostern brechen. „Dafür ist es zu spät“, sagt er. Jetzt helfe vor allem: Maske tragen, Abstand halten, Kontakte meiden. Für die kommende Woche hat Regierungssprecherin Anke Pörksen eine neue Corona-Verordnung angekündigt – an eine generelle Absage etwa der Weihnachtsmärkte denkt das Land momentan aber nicht.

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