Kirche

Eklat: Marcardsmoorer Gemeinde will Scheidung

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 16.11.2021 18:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Für ihn kämpfen die Marcardsmoorer: Pastor Martin Kaminski. Foto: Archiv
Für ihn kämpfen die Marcardsmoorer: Pastor Martin Kaminski. Foto: Archiv
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Die Kreuzkirchengemeinde Marcardsmoor will raus aus der Pfarrstellenteilung mit Wiesmoor und ihren alten Pastor Martin Kaminski zurück. Dafür gehen die Mitglieder den Kirchenkreis Aurich öffentlich an.

Marcardsmoor/Wiesmoor - Es kracht im Kirchenkreis Aurich, wo plötzlich die Kreuzkirchengemeinde Marcardsmoor auf offene Konfrontation mit Superintendent Tido Janssen geht und für die Unabhängigkeit ihrer Pfarrstelle im Kirchspiel Wiesmoor kämpft. Die Mitglieder gehen dafür jetzt auf die Barrikaden – um ihren alten Pastor Martin Kaminski zurückzubekommen.

Nachdem es am Reformationstag bei einer Gemeindeversammlung zum Eklat gekommen war mit schweren öffentlichen Vorwürfen gegen die Kirchenführung, ist der Kirchenkreisvorstand an diesem Montag zusammengekommen, um darüber zu beraten. Bevor man eine Entscheidung verkünden könne, stünden aber noch einige wichtige Gespräche an, sagte Superintendent Janssen am Dienstag auf Nachfrage. Mit wem ließ er offen. Zeitnah werde man das Votum verkünden. Doch was ist da los? Die Gemengelage ist kompliziert. Dies ist der Versuch einer Annäherung und Einordnung.

„Wir lieben uns. Das ist toll“

Es gibt Menschen, die passen zueinander wie die Faust aufs Auge, zwischen denen entwickelt sich eine tiefe Bindung: So war und ist es offenbar zwischen dem Pastor Martin Kaminski und der Kreuzkirchengemeinde Marcardsmoor. Im Dorf schwärmen sie vom charismatischen, unkonventionellen Seelsorger, der 2017 in die Gemeinde eintrat, der auch in sozialen Netzwerken aktiv ist, neue Wege ging, sich abhob. „Es ist unglaublich, was er bewegt und in kurzer Zeit aufgebaut hat bei uns. Er hat das Dorf gepackt, hat es geschafft, dass ganz viele wieder in die Kirche zurückgekehrt sind. Dass sogar die Jugendlichen sich für Kirche und Glauben begeistert haben. Er hat Ecken und Kanten, hat einen eigenen Kopf. Damit passt er perfekt zu unserem Dorf und unserer Gemeinde“, sagt Grete Reiners, Vorsitzende des Kirchenvorstands in Marcardsmoor. Auch Kaminski sagt: „Es ist schon so. Wir sind verliebt, nein, wir lieben uns, denn das geht schon eine ganze Weile. Das ist einfach toll.“

Nun gibt es auch Menschen, die passen bei Weitem nicht so gut zueinander, da prallen ganz unterschiedliche Wesenszüge, Lebens- und Denkweisen aufeinander. Da wird das Miteinander schwierig, und mitunter sprechen beide Seiten auch verschiedene Sprachen, was die Kommunikation erschwert. So war und ist es offenbar zwischen dem Pastor Martin Kaminski und der Friedenskirchen-Gemeinde in Wiesmoor-Mitte – und auch mit den weiteren drei Pastoren, die im Kirchspiel Wiesmoor seelsorgerisch wirken. Das besteht im Ganzen aus den Gemeinden Marcardsmoor, Ostgroßefehn, Wiesmoor-Mitte und Hinrichsfehn. In Wiesmoor hält man sich grundsätzlich mit Äußerungen zum Fall zurück. Keine schmutzige Wäsche waschen. Kaminski sagt, Streit habe es keinen gegeben – nur unterschiedliche Ideen von Gemeindearbeit. Man sei einander schon fremd geblieben, nicht nahe gekommen. Gleichwohl war der 53-jährige Pastor qua Amt für beide Seiten zuständig – auch wenn ihm nur von einer Hälfte die Herzen zuflogen. Zudem war er Teil eines Seelsorger-Teams. Und bislang ist der von außen verfügte Zuschnitt der Stelle durch den Kirchenkreis eben einer, bei dem Marcardsmoor nur die Hälfte der Rolle spielt.

Michael Schilling ist nach einem fünfmonatigen Intermezzo in Marcardsmoor und Wiesmoor nun als Pastor in Aurich-Oldendorf tätig. Foto: Archiv
Michael Schilling ist nach einem fünfmonatigen Intermezzo in Marcardsmoor und Wiesmoor nun als Pastor in Aurich-Oldendorf tätig. Foto: Archiv

Überraschender Vorstoß

Aus diesen Doppel-Strukturen und aus der schwierigen Beziehung zur Friedenskirchen-Gemeinde löste sich Kaminski im vergangenen Jahr, als er seine volle Stelle aufgab und stattdessen wenige Kilometer entfernt für den Übergang das Pfarramt in Aurich-Oldendorf mit einer halben Stelle übernahm. Im Juni dann folgte ihm Michael Schilling im vorherigen Amt. Doch die Liebe von Kaminski zu den Marcardsmoorern blieb, er sehnte sich zurück – und diese sich auch nach ihm.

Und so war Schilling kaum als neuer Pastor ordiniert, da wollte der Kirchenvorstand in Marcardsmoor den alten wiederhaben. Er beschloss im Juli, beim Kirchenkreis zu beantragen, dass beide Pastoren ihre Stellen tauschen – und dass die Kreuzkirchengemeinde dafür aus der Pfarrstellen-Teilung im Kirchspiel gelöst wird. Sie ging im übertragenen Sinne dann zum Kirchenkreis und teilte dort mit, sie wolle sich in Sachen Pfarramt von Wiesmoor scheiden lassen. Per Brief an die Gemeindeglieder wurde das Ganze öffentlich. Die Stelle, so der Wunsch der Marcardsmoorer, soll als halbe Stelle wieder ausgeschrieben werden, gern eine weitere halbe Stelle in Wiesmoor. „In Ostgroßefehn gibt es auch keine Bindung an eine andere Pfarrstelle“, so Kaminski. Mit Kirchenkreis und Nachbargemeinden besprochen hatten die Marcardsmoorer ihren Vorstoß nicht. Der Kirchenkreis lehnte ab. So einfach wie dargestellt sei die Sache nicht, sagt Tido Janssen.

Traurig über Schillings Weggang

Das Wirken von Schilling in Marcardsmoor und Wiesmoor ist inzwischen Geschichte. Er ist nach fünf Monaten im Amt nach Aurich-Oldendorf gewechselt, hat Kaminski zum zweiten Mal beerbt und wurde am Reformationstag in Marcardsmoor verabschiedet, ehe es zum Eklat kam. Denn noch gibt es keine Entscheidung dafür, dass Kaminski zurückkommen darf, der vorerst als Springer im Kirchenkreis eingesetzt ist und eine vakante Stelle in Ihlow vertritt.

In Wiesmoor-Mitte ist man über Schillings Weggang traurig. So schreibt der Kirchenvorstand dort: „Wir bedauern sehr, dass die fruchtbare und vielversprechende Zusammenarbeit mit ihm schon nach wenigen Monaten wider besseren Wollens zum Ende kommt. Als Pfarrteam haben wir Michael Schilling sowohl als Pastor als auch als Mensch als eine große Bereicherung für unsere Arbeit und unser Miteinander erlebt. Seine Kompetenz sowie seine zugewandte, ausgeglichene Art haben wir sehr geschätzt. Aus unserer Sicht hat sich die Besetzung der gemeinsamen Pfarrstelle mit Michael Schilling sehr positiv auf die Zusammenarbeit der beiden Gemeinden Kreuzkirche Marcardsmoor und Friedenskirche Wiesmoor ausgewirkt.“ Ihn als Seelsorger zu haben, „war für uns mit vielen positiven Hoffnungen für die gemeindliche Entwicklung unserer Region verknüpft“.

„Irre, welcher Geist da jetzt weht“

Während die Wiesmoorer offenbar um einen guten Mann trauern, der ihnen durch den Vorstoß und Wechsel entgangen ist, sind die Marcardsmoorer wütend darüber, nicht allein entscheiden zu dürfen, wen sie gern zum Pastor hätten. „Die Mitarbeit in Wiesmoor zur Aufstockung der Marcardsmoorer Pfarrstelle hat aus unserer Sicht keine Zukunft“, schreibt der Kirchenvorstand auf der Internetseite der Kirche. Auf der in einem Mitschnitt im Internet veröffentlichten Gemeindeversammlung am Reformationstag sagte Annemarie Martens, langjährige Ortsvorsteherin, man sei „stark genug, auch nach Hannover zu gehen“, wo die Landeskirche sitzt – auch wenn der Kirchenkreis über die Stellenbesetzungen entscheidet.

Anwohnerin Trude Ahlfs sagte, man habe Schilling „nicht weggeekelt“. Die Zusammenarbeit mit Wiesmoor sei „seit Jahren schwierig“ gewesen. Immer wieder betonen Gemeindeglieder, man wolle Kaminski. Punkt. Anspielend auf Luther und den Reformationstag heißt es im Mitschnitt auch: „Am besten können wir unsere Meinung auch als Thesen an die Kirchentür heften.“ Gegenüber der Redaktion sagt Grete Reiners: „Wir sind Christen. Wir wollen keine Zwangspause, um Vertrauen zu Wiesmoor aufzubauen, aber auch keine Zwangsehe. Wir möchten einfach den Pastor, der zu uns passt. Dass man sich dagegen so sperrt, ist unchristlich. Unchristlicher geht’s nicht.“ Schilling habe selbst gern nach Aurich-Oldendorf gewollt. Kaminski sagt: „Es ist irre, welcher Geist da jetzt weht und mit welchem Zusammenhalt und Einsatz die Marcardsmoorer für ihre eigene Identität kämpfen.“ Er fügt an: „Das geht ja auch gegen niemanden. Man will ja weiter auch mit den weiteren Gemeinden zusammenarbeiten – nur in der Frage der Pfarrstelle selbst entscheiden und den Punkt nicht von Menschen entscheiden lassen, die die Gemeinde gar nicht kennen.“

Die Partner-Gemeinde in Wiesmoor hofft offenbar weiter auf ein Zusammenwachsen und Miteinander. Der Kirchenvorstand dort schreibt: „Auch wenn wir als Geschwister zuweilen schmerzhafte widerstrebende Entscheidungen treffen und für Gegensätzliches eintreten, halten wir als Kirchenvorstand der Friedenskirche Wiesmoor an der Verbundenheit mit unseren Nachbargemeinden fest. Wir wissen uns darin bestärkt durch die Verbundenheit unserer Gemeinden und des aktuellen Pfarrteams im Kirchspiel.“

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