Berlin
Braun, Röttgen, Merz: Wer jetzt die besten Chancen auf den CDU-Vorsitz hat
Weil diesmal die Mitglieder entscheiden, kann sich im Rennen um den CDU-Vorsitz einer besonders gute Chancen ausrechnen.
An diesem Mittwoch endet die Nominierungsfrist für die Bewerber um den CDU-Vorsitz. Es gilt als sicher, dass Helge Braun, Friedrich Merz und Norbert Röttgen das Rennen unter sich ausmachen. Wer für welchen Kurs steht, wer die besten Chancen hat. Die Hintergründe:
Friedrich Merz, zum Dritten: 2018 unterlag Friedrich Merz knapp Merkels Wunschnachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer, im Januar dieses Jahres dann verlor er deutlich gegen Armin Laschet. Doch nie standen die Chancen für Friedrich Merz so gut wie jetzt, doch noch Parteichef zu werden. Seine großer Vorteil: Diesmal treffen die Mitglieder die Vorentscheidung. „Alle die Merz wollen, werden an der Mitgliederbefragung teilnehmen“, meint ein führender CDU-Politiker. Und das sind offenbar viele.
Der 66-Jährige Wirtschaftspolitiker und langjährige Merkel-Kritiker kommt bei den Mitgliedern gut an, weil er eine klare Sprache spricht und konservative Positionen vertritt.Damit wollte er zuvor auch enttäuschte frühere CDU-Wähler zurückgewinnen, die inzwischen bei der AfD ihr Kreuz machen. Den Mitgliedern, die mit ihm einen Rechtsruck der Partei befürchten, verspricht er jetzt: „Es wird mit mir keinen Rechtsruck der Union geben, sondern einen klaren Kurs.“
Jana Schimke ist Merz dankbar für Kandidatur
„Ich bin ihm sehr dankbar, dass er erneut kandidiert. Es gibt keine Alternative, die mehr Erfolg für die CDU verspricht als Friedrich Merz“, meint die stellvertretende Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der Union, Jana Schimke.
Der gern zur One-Man-Show neigende CDU-Mann hat in den vergangenen Monaten offenbar dazugelernt. Andere führende Christdemokraten erkennen an, dass er nach der Schlappe gegen Armin Laschet im Wahlkampf loyal war. Auch ihm ist offenbar klar geworden, dass er die CDU nicht im Alleingang auf Vordermann bringen kann. Er präsentierte jetzt mit dem 46-jährigen Berliner Bundestagsabgeordneten Mario Czaja als zukünftigem Generalsekretär und der 34-jährigen Christina Stumpp aus Baden-Württemberg als stellvertretender Generalsekretärin gleich zwei jüngere Köpfe. Aus #TeamMerz soll #TeamCDU werden.
Auch inhaltlich setzt Merz andere Akzente als bei seinen früheren Bewerbungen. „Beim Thema soziale Gerechtigkeit ist ist die CDU nicht gut genug aufgestellt“, sagt er jetzt und will die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme zu seinem wichtigsten Thema machen. Seine Gegner befürchten, dass es Merz bei allen Beteuerungen trotzdem nicht um die Partei geht, sondern vor allem um die eigene Karriere. Das Klein-Klein der Parteiarbeit sei eher nicht sein Ding.
Was Norbert Röttgen will: Geht es nach den sozialen Medien, wäre der 56-jährige Jurist aus Königswinter schon lange Parteichef. Doch Twitter ist nicht die CDU - und Norbert Röttgen im mitgliederstarken Landesverband Nordrhein-Westfalen nicht sonderlich beliebt.
Unvergessen ist hier sein Fauxpas von 2012, als er sich als Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf gegen Hannelore Kraft ein Rückfahrticket nach Berlin offenhielt - und die Wahl krachend verlor. Merkel warf den als „Muttis Klügsten“ bekannten Bundesumweltminister damals aus ihrem Kabinett. Doch Röttgen hat anschließend Demut gezeigt und sich als Außenpolitiker neu erfunden.
Gut in Talk-Shows, aber nicht sehr volksnah
Mit der bislang unbekannten Hamburger CDU-Abgeordneten Franziska Hoppermann will Röttgen vor allem „Stimmen in der Mitte zurückholen“. Röttgen ist USA-Freund und einer der schärfsten Kritiker von Russlands Präsident Putin. Er gilt als brillanter Redner und Denker, trittsicher in jeder Talk-Show. Volksnähe gehört eher nicht zu seinen Stärken. Die unerwartete Kandidatur von Helge Braun könnte ihn im Rennen gegen Merz wichtige Stimmen kosten.
Was Helge Braun antreibt: Die Kandidatur des 49-jährigen geschäftsführenden Kanzleramtsministers aus Hessen gilt als Versuch von Teilen der jetzigen Parteiführung, Friedrich Merz als Parteichef zu verhindern. Hinter Norbert Röttgen können sich im Anti-Merz-Lager längst nicht alle versammeln. Doch auch die Kandidatur des besonnenen Arztes aus Hessen, der unermüdlich für die Corona-Politik von Angela Merkel warb und sie erklärte, überzeugt nicht alle. Jens Spahn hatte seinen eigenen Verzicht auf eine Kandidatur für den Vorsitz in der Bundestagsfraktion damit erklärt, dass die Zeit der amtierenden Regierungsmitglieder erstmal vorüber sei. Das würde demnach auch für Braun gelten.
Der versöhnliche Typ mit liberalen Ansichten
Der sieht seine Chancen wohl darin, als versöhnlicher Typ die zerstrittene Partei befrieden zu können. In diesem Ton ist jedenfalls sein Bewerbungsbrief an die Mitglieder gehalten. Er empfiehlt sich als Moderator eines Klärungsprozesses, in dem die CDU ihre Positionen neu bestimmen soll. Braun ist bisher kaum als Parteipolitiker in Erscheinung getreten. Er vertritt liberale Positionen, wenn es etwa um den Muezzin-Ruf oder um Geschlechterfragen geht. Im Frühjahr stellte er die Aufweichung der Schuldenbremse zur Diskussion - in der CDU eine heilige Kuh - und wurde prompt zurückgepfiffen. Seine zugewandte Art könnte bei der nun anstehenden Vorstellungsrunde bei den Mitgliedern dennoch verfangen. Unterschätzen sollte man ihn nicht.