Wirtschaft
Vision Wasserstoff: Wo steht das Emder Projekt H2Nord?
Das Thema Wasserstoff elektrisiert die Märkte und weckt Hoffnungen in Emden. Mit der Gesellschaft H2Nord soll ein regionaler Kreislauf aufgebaut werden. Wie weit ist das Zukunftsprojekt?
Emden - Es ist eine schillernde Vision für Ostfriesland: Mit erneuerbarem Strom aus der Region wird Wasserstoff erzeugt, der über ein lokales Vertriebsnetz zu Verbrauchern vor Ort kommt – ein geschlossener Kreislauf. Was nach Zukunftsmusik klingt, soll in zwei Jahren Wirklichkeit sein. 2023 möchte ein Unternehmens-Konsortium um die Emder Brons-Gruppe grünen Wasserstoff aus Ostfriesland auf den Markt bringen. Die Zeit drängt. Doch die Umsetzung des Pilotprojekts gestaltet sich schwierig. „Wir brauchen Leute, die es mit uns auf die Beine stellen“, sagt Claas Mauritz Brons, der die Pläne vorantreibt.
Was und warum
Darum geht es: die Rolle von Wasserstoff für die regionale Wirtschaft
Vor allem interessant für: Unternehmer und Entscheider, die sich in Zukunftsmärkten bewegen (wollen)
Deshalb berichten wir: Im Mai ging die Emder Brons-Gruppe mit Partnern an die Öffentlichkeit, um ihre Vision vom Aufbau eines regionalen Wasserstoffmarktes vorzustellen. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen. Wir wollten wissen, wie konkret die rund 130 Millionen Euro schwere Initiative mittlerweile geworden ist. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Zu den offenen Punkten zählt die Frage, woher der Strom kommt, der für die Herstellung von Wasserstoff benötigt wird. Weil der Elektrolyse genannte Prozess große Mengen Energie benötigt, setzen Brons und seine Partner auf den Bau eigener Sonnenkollektoren. Ursprünglich sollte an der Knock ein Photovoltaik-Park mit einer Leistung von bis zu 160 Megawatt entstehen. Seit Mai wurden diese Ziele deutlich abgespeckt. Brons geht in „aktuellen Planungen“ von 90 Megawatt aus.
Entscheidung über PV-Park im Januar
Der Bau auf dem Gelände des landeseigenen Hafenbetreibers Niedersachsen-Ports stößt an naturschutzrechtliche Grenzen und steht auf wackeligen Füßen. „Es ist eine schwierig zu entwickelnde Fläche“, bestätigt Brons. Klarheit und eine Entscheidung soll im Januar ein Treffen mit der Stadt Emden als Genehmigungsbehörde bringen. Parallel verhandeln die Projektierer mit Windparkbetreibern. Sollte sich die Idee des eigenen PV-Parks an der Ems zerschlagen, muss der Strom aus diesen Quellen eingekauft werden.
Im Hintergrund laufen die Verhandlungen zum Bau von Elektrolyseuren. Neben dem Emder Hafen, wo ein bestehendes Kraftwerk des norwegischen Staatskonzerns Statkraft um eine Wasserstoff-Produktionsstätte erweitert werden soll, sind zusätzliche Standorte außerhalb Emdens im Gespräch. „Wir planen zwei, eventuell drei Elektrolyseure“, sagt Eugen Firus. Er ist Vertriebsleiter bei H2Nord, der von mehreren Partnern gegründeten Gesellschaft, die den Wasserstoff verkaufen soll. Wo die Elektrolyseure entstehen könnten, sagt er nicht.
Stadtwerke Norden zeigen Interesse
Ein Wunschstandort scheint Norden zu sein. Auf Nachfrage bestätigt Wolfgang Völz, Geschäftsführer der kommunalen Stadtwerke, entsprechende Überlegungen. „Wir wollen das Thema Wasserstoff anpacken und vorne mit dabei sein“, sagt er. Ihm läge ein Angebot von GP Joule vor. Das Energieunternehmen aus Schleswig-Holstein ist zusammen mit der Brons-Gruppe und dem Leeraner Investoren Terravent federführend bei der Umsetzung der Emder Wasserstoff-Initiative.
Die Stadtwerke sind für das Konsortium sowohl als Betreiber eines Elektrolyseurs interessant als auch als potenzieller Abnehmer von Wärme, die bei der Wasserstoff-Produktion entsteht und direkt ins Norder Netz eingespeist werden kann. Völz will keine falschen Hoffnungen wecken: „Noch ist nichts unterschrieben“, stellt er klar, „wir prüfen erst mal, was uns vorgelegt wird.“
Eine Wette auf die Zukunft
Die Zurückhaltung der Norder Stadtwerke steht stellvertretend für die Kern-Herausforderung von Brons, Firus und Co: Ihr Pilotprojekt ist eine teure Wette auf die Zukunft, es geht um Anfangsinvestitionen von rund 130 Millionen Euro. Wie viel Geld und vor allem wann sich tatsächlich mit Wasserstoff in Ostfriesland verdienen lässt, kann niemand vorhersehen.
„Es ist ein Zukunftsmarkt, den wir noch entwickeln müssen“, sagt H2Nord-Vertriebsleiter Firus. „So lange es keine Produktion gibt, beschäftigt sich niemand damit.“ So lange es keine verlässlichen Zusagen und Abnehmer gibt, ist allerdings auch der Aufbau der Produktion riskant.
Mit der Emder Score, die den Wasserstoff über ihr Tankstellennetz auf die Straße bringen will, Spediteuren wie Jakob Weets, der mit dem Treibstoff eines Tages seine Fahrzeugflotte befüllen möchte, und der Reederei AG Ems hat die H2Nord in den vergangenen Wochen drei wichtige Partner als Gesellschafter gewinnen können. Andere Wunschpartner wie die Stadtwerke Emden und Statkraft haben dagegen dankend abgelehnt. Dort zweifeln sie offenbar noch an der Vision von der Emder Wasserstoff-Offensive. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kommt ein gesellschaftsrechtliches Engagement für uns nicht infrage“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Manfred Ackermann.