Sicherheit

K.-o.-Tropfen: Das sollte man wissen

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 15.11.2021 19:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wenige Milliliter reichen, um einen Menschen mit K.-o.-Tropfen gefügig zu machen. Foto: Ortgies/Archiv
Wenige Milliliter reichen, um einen Menschen mit K.-o.-Tropfen gefügig zu machen. Foto: Ortgies/Archiv
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Ostfriesinnen erstatteten Anzeige, weil ihnen K.-o.-Tropfen injiziert worden sein sollen. Die Vorgehensweise ist neu, das Problem nicht. Was sind K.-o.-Tropfen, wie wirken sie, wie weist man sie nach?

Leer - Ostfriesinnen haben Anzeige erstattet, weil sie überzeugt sind, dass ihnen bei einem Disco-Besuch K.-o.-Tropfen per Injektion verabreicht worden seien. In Großbritannien häuften sich in letzter Zeit Berichte über diese Vorgehensweise: Allein im September und Oktober registrierte die britische Polizei mehr als 200 Fälle landesweit, in denen mit Tropfen oder Spritzen Drogen oder K.-o.-Tropfen in Getränke gemischt wurden, teilt die deutsche Presseagentur mit.

Im Bereich der Polizei Leer/Emden liegt die Anzahl der Fälle, in denen K.-o.-Tropfen verabreicht wurden, in diesem Jahr im unteren einstelligen Bereich, sagt Sprecherin Frauke Bruhns. Es sei davon auszugehen, dass es ein Dunkelfeld gibt. „Einige Betroffene gehen vielleicht fälschlicherweise davon aus, lediglich zu viel Alkohol konsumiert zu haben und schämen sich für den ‚Absturz‘“ so Bruhns.

Was und warum

Darum geht es: K.-o.-Tropfen sind leider schon lange Thema. Die Opfer werden mit den Mitteln gefügig gemacht und betäubt, um sie auszurauben oder zu vergewaltigen.

Vor allem interessant für: Diejenigen, die für sich selbst oder andere wissen wollen, was es mit den Stoffen auf sich hat.

Deshalb berichten wir: Leser wandten sich mit Fragen an uns, denen wir nachgehen wollten.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Bereits 2014 startete der Arbeitskreis Jugendschützer Ostfriesland eine Kampagne, um auf die Gefahren von K.-o.-Tropfen aufmerksam zu machen. Trotz zahlreicher Infoveranstaltungen kursieren viele Fragen zu dem Thema: Wir haben sie an die Apothekerin Teuta Kamberi weitergegeben. Sie arbeitet bei der Krankenhausapotheke des Bonifatius-Hospitals Lingen, die auch das Borromäus-Hospital in Leer mit Arzneimitteln versorgt. Außerdem haben wir Erläuterungen der Polizei und des Opferhilfevereines Weißer Ring zusammengestellt.

Was sind K.-o.-Tropfen?

Mehrere Stoffe werden als sogenannte K.-o.-Tropfen genutzt. „Gamma-Hydroxybuttersäure, kurz: GHB, besser bekannt als ‚Liquid Ecstasy‘ ist das bekannteste K.-o.-Mittel“, erklärt Apothekerin Teuta Kamberi. Es sei ein potentes Narkotikum, das allerdings nur noch selten verwendet werde, und sei zur Behandlung von Narkolepsie zugelassen.

Auch Benzodiazepine, die als Schlaf- und Beruhigungsmedikamente eingesetzt werden, werden als K.-o.-Mittel missbraucht, erklärt Kamberi. „Und die verwandten Z-Substanzen“ (Schlafmittel) oder Antihistaminika, die auch schlaffördernd wirken können, ebenfalls. Außerdem Ketamin (Narkosemittel) oder Anticholinergika (Entspannung der glatten Muskulatur).

Wie wirken sie?

Der Opferhilfeverein Weißer Ring weist darauf hin, dass die Wirkung von K.-o.-Tropfen kurz nach der Einnahme einsetze und in der Regel mehrere Stunden anhalte. Die Tropfen sorgten zunächst für Wohlempfinden und Entspannung. Später folge oft ein totaler Gedächtnisverlust. Die auftretenden Symptome werden mit Kontrollverlust, schlagartigem Erinnerungsverlust, Konzentrationsstörungen und sowie mit „schlaglichtartigen“ Erinnerungen beschrieben. Der Arbeitskreis Jugendschützer Ostfriesland beschreibt die weiteren Nebenwirkungen so: „Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Atemnot, Kopfschmerz, Krampfanfälle, Muskelkrämpfe und Verwirrtheit.“

Wieso sind K.-o.-Tropfen schwierig nachzuweisen?

K.-o.-Tropfen nachzuweisen, sei schwierig, „da sich die Opfer nach einer mehr oder weniger langen Phase der Bewusstlosigkeit meist nicht an den Vorfall erinnern können und sich erst zeitlich verzögert einem Arzt oder der Polizei anvertrauen“, sagt Kamberi. „Die sehr kurze Nachweisbarkeit von K.-o.-Tropfen in Blut (etwa sechs Stunden) und Urin (acht bis zwölf Stunden) stellt für die polizeilichen Ermittlungen immer wieder ein Problem dar“, teilt auch Polizeisprecherin Bruhns mit.

In der Regel würden außerdem Substanzen genutzt, die sich nur kurz nachweisen lassen, erklärt Apothekerin Kamberi. Das Fachwort dafür lautet: Eliminationshalbwertszeit.

Wenn klar ist, dass jemand wenig getrunken habe, aber plötzlich stark alkoholisiert wirke, sollte man vorsichtig sein und dies gegenüber dem Rettungsdienst oder der Polizei äußern, so Polizeisprecherin Bruhns. „Eine klare Abgrenzung zur Alkoholvergiftung ist sowohl für die polizeilichen Ermittlungen von Vorteil als auch eine Entlastung für die Betroffenen. Diese haben dann eine Gewissheit darüber, warum der Körper eine derart starke Reaktion zeigt. Auch wenn es im ersten Moment sicherlich schockierend und beängstigend ist, haben die Betroffenen zumindest Klarheit, was mit ihnen passiert ist“, so Bruhns.

Bemerkt man die Injektion nicht direkt?

„Es handelt sich um eine kleine Spritze mit einer kleinen Kanüle. Der Schmerz ist vergleichbar mit einem Insektenstich“, teilt Tanja Henschel vom Borromäus-Hospital Leer mit. Genauso wenig wie einem Stich würde man dem kleinen Pieks Bedeutung beimessen.

Wo liegen die Gefahren bei der Injektion?

„Die direkte Gefahr bei der Injektion besteht darin, dass es sich um eine nicht sterile Spritze handeln könnte“, so Kliniksprecherin Henschel. „Daraus können Infektionen entstehen oder, wenn durch die Kleidung gestochen wird, auch Kleidungsreste in den Körper gelangen. Unter Umständen kann sich ein Abszess bilden.“

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