Flensburg
Interview zum 85. Geburtstag: Wolf Biermann und sein Glaube an die Menschen
Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann, der am Montag seinen 85. Geburtstag feiert, im Interview über Religion und Freiheit und die Vorteile der Atomkraft.
Am Montag wird Wolf Biermann 85 Jahre alt. Der Dichter und Liedermacher, der in Hamburg und an der Flensburger Förde lebt, hat ein neues Buch herausgebracht: „Mensch Gott!“ (Suhrkamp). Im Gespräch erzählt er von seiner Beziehung zur Kirche, den Nutzen der Atomkraft und die Lust am Leben.
Herr Biermann, woran glauben Sie?
Mein Glaube ist noch verrückter als der Glaube an diesen oder jenen Gott und lässt sich noch weniger begründen. Ich glaube an die Menschen.
Warum?
Weil ich durch den Zufall der Geburt während der Nazizeit in einem Nest mit Kommunisten und Juden ausgebrütet wurde. Wenn mein Vater ein Pastor gewesen wäre oder ein SS-Obersturmbannführer, hätte ich vielleicht an den Führer geglaubt oder an den evangelischen Gott. So aber war der Hamburger Werftarbeiter Dagobert Biermann mein jüdischer Vater. Aber ich musste meinen Kinderglauben an den Kommunismus als Mann korrigieren.
Wann war das?
Das begann im Jahr 1953, als ich mit 16 Jahren in die DDR ging. Vier Tage nach meiner Ankunft war diese Vollversammlung in der neuen Schule. Mehrere Kinder dort sollten aus der Jungen Gemeinde - so hieß die Jugendorganisation der evangelischen Kirche - austreten. Das war wie ein Stück von Brecht, 20 junge Menschen mussten vor der versammelten Schule ihren Austritt verkünden. Jeder musste einzeln aufstehen, damit er vor aller Augen umfallen kann.
Wie haben Sie diese Situation wahrgenommen?
Ich wusste in meinem kindlichen Koordinatensystem, was menschliche Würde bedeutet und dass diese Vorführung eine niederträchtige Demütigung für diese jungen Menschen war.
Wie haben Sie reagiert?
Erst mal habe ich nur geschaut. Aber dann stand das letzte Mädchen auf, eine dünne Blonde aus der neunten Klasse, und sagte mit leiser Stimme: Ich glaube an Gott.
Eine sehr couragierte Neuntklässlerin…
Ja! Stellen Sie sich diese brutale Szene vor. Die Schüler grinsten blöde, die Lehrer blickten auf ihre frisch geputzten Schuhe.
Und Sie?
In meinen Memoiren könnten Sie es genauer nachlesen: Meine Hand ging hoch, ich war ja der Neue, der niemanden kannte. Der Direktor erteilte mir das Wort, wahrscheinlich dachte er, dass der Kommunistenknabe aus dem Westen jetzt etwas Passendes sagen würde. Aber ich rief: Dafür ist mein Vater nicht in Auschwitz gestorben, dass hier diese Schüler gedemütigt werden und bedroht.
Wie war die Reaktion?
Alle schwiegen feige, viel mehr ist erstmal gar nicht passiert. Auch ich war erschrocken über mich selbst. Aber heute verstehe ich, dass es egal ist, ob man mit oder ohne einen Gott aufwächst. Als Mensch muss man einem anderen Menschen in solcher Situation beistehen. Und dieses Mädchen zog seinen Mut aus dem Glauben, ihre Religion war das Elixier der Freiheit und Menschenwürde. Das war im Osten die erste wichtige Lektion für mich.
Sie sind als streitlustig bekannt, was Sie auch während Ihres denkwürdigen Auftritts im Bundestag bei der Feier zu 25 Jahren Mauerfall bewiesen haben, als Sie die Linke Erben der DDR-Diktatur nannten. Mancher fand das unhöflich…
Meine Höflichkeit gegenüber den Linken bestand darin, dass ich sie ernst genommen habe. Das ist das Beste, was ich diesen Leuten bieten konnte. Ich werde mir für die Erben der DDR-Diktatur doch nicht eine falsche Höflichkeit angewöhnen, wie übrigens auch nicht für die Erben der Nazidiktatur. Das sind die Maulhelden von der AfD, die jetzt so tun, als müssten sie in der Freiheit für die Freiheit kämpfen. Die sehen sich gewiß als Widerstandskämpfer. Und das komisch-tragische dabei: Die glauben wirklich daran.
Hier weiterlesen: https://www.shz.de/deutschland-welt/politik/25-jahre-mauerfall-biermann-nennt-linke-elenden-rest-id8130746.html
Damit sind wir wieder bei ihrem Glauben an das Gute im Menschen. Gilt das auch für die genannten Politiker?
Das ist eine einfache Frage, auf die es nur eine komplizierte Antwort gibt. Ich habe zum Beispiel Freunde wie Siegmar Faust, der einer der tapfersten Häftlinge in den volkseigenen Gefängnissen der DDR war. Wenn der jetzt bei der AfD gelandet ist, kann ich ihn ja nicht kaltherzlich aus meiner Menschheit ausschließen. Es ist schrecklich. Ich kann ihn also weder wegstoßen, noch umarmen.
Wie gehen Sie mit ihm um?
Sehr schwierig. Er ist immer ganz anderer Meinung als ich und bombardiert mich mit Pamphleten. Und ich kann natürlich nicht auf all seine Pamphlete antworten.
Erstaunlich bei jemandem wie Ihnen, der eigentlich auf alles eine Antwort hat.
Ich habe ein Gedicht für meine Frau Pamela geschrieben. Da finden Sie diese Zeilen: „Auf alles hatt’ ich die Antwort parat. Erst als ich dich traf, dämmerten mir auch endlich die tieferen Fragen ...“
Trotzdem wird Ihr Glaube an den Menschen immer wieder nachhaltig erschüttert?
Ja. Aber jeder Glaube wird fanatisch, wenn er nicht mehr erschüttert werden kann.
Dann muss es Sie doch auch erschüttern, was gerade im Land los ist: Die Ungeimpften, der Klimawandel, die Gerechtigkeitsdebatten. Sind das Anzeichen einer Spaltung?
Ich glaube, dass der Gesamtanteil von klugen Leuten und stumpfsinnigen Leuten seit jeher ziemlich stabil ist. Und die Probleme, die Sie gerade eben aufgezählt haben, werden nicht gelöst, in dem wir andere für ihre Meinungen verdammen. Ich sang 1978 in Gorleben für die Anti-Atom-Bewegung. Also bin ich aufgetreten und habe ein neues Lied gesungen, das sie partout falschrichtig missverstehen wollten.
Nämlich welches?
Ich habe in meinem Lied gepredigt, dass ich grundsätzlich für die friedliche Nutzung der Atomkraft bin.
Das kam nicht so gut an, oder?
Doch, weil ihnen die Tonart gefiel und sie beim Text wahrscheinlich nicht genau genug zugehört haben.
Würden Sie dieses Lied heute immer noch singen?
Ja, weil ich glaube, dass wir nur mit Hilfe der Atomkraft die Klimaziele erreichen können. Wohlwissend, dass ich mich da irren kann.
Machen Sie sich grundsätzlich Sorgen um die Zukunft Ihrer Kinder und Enkel?
Nein, denn ich glaube an die schöpferische Überlebenskraft des Menschen.
Und schon wieder sind wir beim Glauben.
Erstaunlich, oder? Ich habe grad ein neues Gedicht geschrieben zu dem Widerspruch von Glauben und Wissen.
Das ist aber nicht in Ihrem neuen Buch.
Nein, damit kam ich eine Woche zu spät. Aber ich habe es hier und gebe es Ihnen mit. Wenn Sie es drucken, können Ihre Leser es sich ausschneiden und ganz vorne in mein Buch kleben. Dann erst wäre es für mich komplett.
Das machen wir so. In dem Gedicht erwähnen Sie auch die Frommen. Wann waren Sie eigentlich zuletzt in einem Gotteshaus?
Das war zufällig erst vor ein paar Tagen. Dort habe ich im Stadtzentrum auf der Frankfurter Buchmesse mein neues Buch in der St. Katharinenkirche vorgestellt.
Das klingt nach einer eher funktionalen Beziehung, lösen die Kirche und ihre Rituale bei Ihnen auch Emotionen aus?
Ich habe viele Freunde, die gläubig sind. Mein bester Freund im Lande der Angeln, wo wir ja gerade miteinander sprechen, etwa: Unser Nachbar Claus Peter Petersen. Er ist Deichbauer, Landwirt und Jäger. Der glaubt an Gott und geht in die Kirche. Und wenn ich einen Menschen treffe, der so ohne alle Frömmelei fromm ist, auch ohne missionieren zu wollen, dann finde ich das nur zum Küssen. Und darf ich Ihnen noch was verraten?
Gern!
Mit dem Hirten seiner Kirche sind wir auch befreundet. Wir sitzen gern zu dritt. Sie müssen zugeben, das ist eine delikate Szenerie: Der junge Hirte, der alte Jäger und der greise Wolf.
Das klingt tatsächlich interessant. Sie schreiben in einem Gedicht: Ich Wolf bin hundemüd - mein Lieber - und krepier. Bald geht‘s mir besser: auf Brechts Wolke neben dir.
Ja, ja. Die Sehnsucht nach dem Tode ist auch eine Form der Lebensgier und alt wie die Menschheit.
Was heißt das: Tot sein aus Lebensgier?
Dass man sich nach dem Tode sehnt, kennen besonders die empfindsamsten Menschen. Deren Sehnsucht nach dem Tode ist im Grunde nur die spiegelverkehrte Sehnsucht nach einem lebendigeren Leben.
Und erwächst aus dieser gespiegelten Sehnsucht auch die Angst vor dem Tode?
Nein. Ich lebe die Lust nach Leben. Über meinen Tod werde ich mit Ihnen erst reden, wenn ich tot bin.