Inklusion

Barrierefreiheit: Masterplan ist nur der erste Schritt

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 12.11.2021 20:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die neuen Bohlenwege und Rampen werden nicht nur von Rollstuhlfahrern, sondern auch von Radfahrerin sowie von Fußgängern mit und ohne Kinderwagen genutzt. Dazu zählten am Freitag auch Tobias und Kira Koep mit ihrem Sohn Theo, die aus Rees am Niederrhein angereist sind. Fotos: Hillebrand
Die neuen Bohlenwege und Rampen werden nicht nur von Rollstuhlfahrern, sondern auch von Radfahrerin sowie von Fußgängern mit und ohne Kinderwagen genutzt. Dazu zählten am Freitag auch Tobias und Kira Koep mit ihrem Sohn Theo, die aus Rees am Niederrhein angereist sind. Fotos: Hillebrand
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15 Maßnahmen sollen die neue Wasserkante in Norddeich barrierefreier machen. Der restliche Ort soll möglichst folgen. Darüber hinaus wird auf eine neue günstige Anbindung an den Ort gehofft.

Norddeich - Noch gut ein halbes Jahr wird es dauern, bis der neue Norddeicher Strand am 30. Juni offiziell eröffnet wird. Darauf hofft zumindest der Tourismus-Service Norden-Norddeich (Kurverwaltung), der für die Umsetzung des Masterplans Wasserkante zuständig ist. Schon seit Jahren wird an dem Projekt gearbeitet, das zuletzt mit 15 Millionen Euro veranschlagt wurde und den Küstenort durch eine Promenade, eine Dünenlandschaft und mehr attraktiver machen soll. Ein Fokus liegt dabei zudem auf der Barrierefreiheit, denn Norddeich zieht als Nordseeheilbad auch viele ältere Besucher sowie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen an. Weil das so ist, soll auch der Rest des Ortes nach und nach daran angepasst werden, hieß es am Freitag bei einem Pressegespräch im Hotel Regina Maris.

Was und warum

Darum geht es: Der Einschätzung von Kurdirektor Armin Korok zufolge kommen immer mehr Menschen mit Behinderungen nach Norddeich, um Urlaub zu machen. Der Strand wird derzeit für sie angepasst. Der ganze Urlaubsort soll nach Möglichkeit folgen.

Vor allem interessant für: Urlauber und Einheimische mit und ohne Behinderung, die gerne in Norddeich unterwegs sind

Deshalb berichten wir: Der Tourismus-Service hatte unsere Zeitung zu einem Gespräch eingeladen.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Wie Kurdirektor Armin Korok ausführte, gehören 15 behindertenfreundliche Maßnahmen zum Projekt Strandumbau. Dazu zählen rollstuhlgeeignete Rampen, Duschen, Strandkörbe, Toiletten und ein Fitnessgerät und die Möglichkeit, direkt bis ans Wasser heranzukommen. Für Menschen mit Sehbehinderungen wurden zudem überall entsprechende Markierungen angebracht. Alles in allem schätzt Korok, dass für die 15 Maßnahmen im siebenstelligen Eurobereich investiert wurde und wird. Zum einen befolge man damit die UN-Behindertenrechts-Konvention von 2008 sowie auch die Richtlinien für die Fördermittel. Aber auch unabhängig davon begrüße man die genannten Anpassungen, hieß es.

Maßnahmen nicht nur für Menschen mit Seh- oder Gehbehinderung

Zwar werde der Feinschliff noch Jahre dauern, zu dem beispielsweise das Anbringen von Schildern und Aufklebern zähle. Bislang habe man aber schon viel umgesetzt und auf eingegangene Kritik von Betroffenen reagiert. Zudem habe es nicht nur jetzt, sondern auch im Sommer eine gemeinsame Begehung mit dem städtischen Behindertenbeauftragten Günther Ulferts, mit dem Sprecher des Beirats für Senioren und Menschen mit Behinderung, Holger Korn, und mit zwei Stadtmitarbeitern gegeben, von denen der eine im Rollstuhl sitze und der andere nur schlecht sehen könne.

Im Sommer wurde die Wasserkante schon einmal ausgiebig auf ihre Barrierefreiheit hin getestet. Das Bild zeigt Werner Büsing (Bauplaner, von links), Zbigniew Kullas, Armin Korok, Günther Ulferts, Michael Rothermund und Holger Korn.
Im Sommer wurde die Wasserkante schon einmal ausgiebig auf ihre Barrierefreiheit hin getestet. Das Bild zeigt Werner Büsing (Bauplaner, von links), Zbigniew Kullas, Armin Korok, Günther Ulferts, Michael Rothermund und Holger Korn.

Wenn die Arbeiten am Masterplan abgeschlossen sind, soll eine Endabnahme für die Klassifizierung „Reisen für alle“ folgen. Auch danach habe man aber ein offenes Ohr für mögliche weitere Verbesserungsvorschläge aus der Bevölkerung. So wolle man auch nicht nur Menschen mit Geh- und Sehbehinderung den Besuch des Strands erleichtern, sondern auch denjenigen, die schlecht oder gar nicht hören können oder die kognitive Einschränkungen haben. Wo am Wasser aber braucht man Ton, um die Atmosphäre am Meer zu genießen? Korok kann sich beispielsweise eine Windharfe beim Rondell (Ausguck) vorstellen. Korn und Ulferts erinnern an den Dünenlehrpfad, wo es wohl auch Audioelemente geben könnte.

Hoffen auf neue günstige Busverbindung für Einheimische

Bei vielen baulichen Anpassungen müsse man allerdings Kompromisse mit der Deichacht Norden und mit der unteren Wasserbehörde eingehen. Für sie stellten zu große Eingriffe in die Natur eine Gefahr für den Hochwasserschutz dar. Das sei auch beispielsweise der Grund dafür, dass an der Wasserkante die Rampen für Rollstuhlfahrer nicht breiter sind, betont Korok. Andernfalls würde das einen zu großen Einfluss auf die Form der Deiche haben, was ihn wiederum unsicherer mache.

Laut Armin Korok ist die Wasserkante schon jetzt barrierefrei genug, damit auch sterbende Menschen im Krankenbett ans Wasser geschoben werden können, um ihnen ihren letzten Wunsch zu erfüllen.
Laut Armin Korok ist die Wasserkante schon jetzt barrierefrei genug, damit auch sterbende Menschen im Krankenbett ans Wasser geschoben werden können, um ihnen ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Ein barrierefreier oder zumindest barrierearmer Strand bringt jedoch nichts, wenn der Rest von Norddeich nicht behindertenfreundlich ist. Darum wünscht sich die Kurverwaltung, dass sich auch mehr Geschäfte, Restaurants und Unterkünfte an diese Zielgruppe anpassen. Was die Unterkünfte angeht, sei davon derzeit gerade mal eine Handvoll barrierefrei, schätzt Kurdirektor. Viele Betreiber hätten nämlich Vorbehalte und wollten aus Angst vor finanziellen Nachteilen nicht baulich anpassen. Dabei könnten sie gerade jetzt eine Marktlücke stopfen. „Das ist gut angelegtes Geld“, versichert der Kurdirektor. Eigentlich würde die Kurverwaltung auch selbst gerne stärker dafür werben, eine Arbeitsgruppe zusammen mit Leistungsanbietern gründen und regelmäßig tagen. Dafür fehle es dem Tourismus-Service aber an Personal.

Außer Touristen soll die Wasserkante aber auch Einheimische ansprechen, betont Holger Korn. Darum habe man schon mit dem Verkehrsverbund Ems Jade (VEJ) und mit Weser-Ems-Bus Gespräche über eine neue Buslinie durch die Stadt bis nach Norddeich geführt, die günstige Tarife bieten soll. Bislang gibt es lediglich den Urlauberbus, den aber nur Übernachtungsgäste für einen Euro nutzen können.

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