Berlin

Divi-Präsident: Echte Notsituation erfordert schärfere Maßnahmen

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 12.11.2021 15:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und Direktor der Intensivmedizin an der Uni-Klinik Aachen. Foto: Fabrizio Bensch / dpa
Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und Direktor der Intensivmedizin an der Uni-Klinik Aachen. Foto: Fabrizio Bensch / dpa
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Die vierte Corona-Welle rollt über das Land. Gernot Marx steht als Klinikdirektor und Präsident von Deutschlands Intensivmedizinern im Kampf gegen das Virus an vorderster Front.

Im Interview schildert der 55-Jährige, wie dramatisch die Lage ist, was jetzt getan werden müsste und wie groß Frust und Erschöpfung der Intensivpflege-Beschäftigten sind: „Viele können schlicht nicht mehr.“

Das Interview im Wortlaut:

Herr Professor Marx, die Zahl der Corona-Intensivpatienten schießt seit Anfang Oktober hoch. Gibt es schon wieder echte Engpässe, Verlegungen wegen zu vielen Corona-Intensivpatienten?

Die Lage ist regional sehr unterschiedlich. In Sachsen, Thüringen und Bayern ist es schon jetzt sehr, sehr angespannt. Die Charité im Ballungsraum Berlin hat schon alle planbaren OPs abgesagt. Das ist eine echte Notsituation. Wegen der Erfahrungen der vorangegangenen Wellen gehen wir fest davon aus, dass schon bald Patienten wieder aus Corona-Hotspots in Kliniken außerhalb verlegt werden müssen. Innerhalb der fünf Regionen, den so genannten „Kleeblättern“ wird zudem bereits sehr rege verlegt - aber eben noch nicht hunderte Kilometer weit entfernt von einem Kleeblatt ins nächste, wie wir das rund um Weihnachten 2020 vom Süden in den Norden machen mussten.

Laut Divi-Intensivregister gibt es eine Notfallreserve von fast 10.000 Betten…

Wir haben zwar eine bundesweite Notfallreserve. Das heißt aber auch, dass jede Klinik dann ausschließlich Notfälle, also akut lebensbedrohlich erkrankte Patienten behandeln würde - nur so können die Betten innerhalb von sieben Tagen aktiviert werden, weil wir ja Personal dafür benötigen. Und auch jetzt schon sind wir in einer kritischeren Phase, weil wir auf Grund der erschöpften und ausgebrannten Pflegekräfte, die den Job hingeworfen oder ihre Arbeitszeit reduziert haben, 4.000 Intensivbetten weniger belegen können als vor einem Jahr. Die Universitätsklinik Düsseldorf hatte schon in der vergangenen Woche kein einziges Intensivbett mehr frei. Das ist für ein so großes Krankenhaus absolut ungewöhnlich. Für alle in der Intensivmedizin Tätigen ist das gerade eine extreme Situation.

Steuern wir auf ein Triage-Szenario zu, wo nicht mehr jeder Patient behandelt werden kann?

Wir haben in Deutschland ein sehr gut ausgestattetes Gesundheitssystem. Das ist ein Segen und deswegen sehe ich die Gefahr einer Triage nicht. Dass wir von zwei Patienten nur einen behandeln können und den anderen nicht, das wird in Deutschland nicht passieren - also wirklich in dem Sinne, dass wir über Leben und Tod entscheiden müssten. Wir habe es auch auf dem Höhepunkt der zweiten Welle zu Beginn dieses Jahres mit fast 6.000 Covid-Intensivpatienten geschafft. Allerdings werden zahllose planbare Eingriffe, zum Beispiel Herz-OPs, womöglich für Monate aufgeschoben werden müssen, was viel Leid verursacht. Und wir werden wieder Personal aus anderen Klinikbereichen auf die Intensivstationen abstellen müssen, so dass sie sich dort um Covid-Patienten kümmern müssen und keine Zeit für die anderen Patienten haben.

Erleben wir wirklich eine Pandemie der Ungeimpften?

Es gibt viele Impfdurchbrüche. Das heißt aber erstmal nur, dass es viele Geimpfte gibt, die positiv auf Corona getestet werden, aber in aller Regel leichte Verläufe haben, oftmals merken sie die Infektion gar nicht. Schwere Verläufe bei vollständig Geimpften sehen wir nur bei Hochbetagten oder Immungeschwächten. Impfdurchbrüche gibt es übrigens bei jeder Impfung. Auch nach einer Masern-Impfung kann man Masern bekommen, aber auch dann deutlich abgeschwächt. Klar ist auch: Je mehr Menschen geimpft sind - bei uns inzwischen gut 56 Millionen - desto mehr Impfdurchbrüche gibt es. Wir haben aber mit Auffrischungsimpfungen ein enorm wirksames Instrument, um Impfdurchbrüche zu minimieren.

Kommenden Donnerstag wollen Bund und Länder über das weitere Vorgehen entscheiden. Zu spät?

Wir brauchen sehr zügig klare und der Lage angemessene Entscheidungen, und zwar für bundesweit einheitliche Regeln. Und wir brauchen eine klare Kommunikation der Entscheidungen und ein Ende der permanenten Streitereien, damit auch umgesetzt und eingehalten wird, was beschlossen worden ist.

Braucht es den bundesweiten „Lockdown light“ für Ungeimpfte, den jetzt auch Olaf Scholz fordert?

Darüber zu befinden ist nicht Sache von uns Intensivmedizinern, wir kümmern uns um den Schutz von Patienten und Mitarbeitern. Fest steht: Es sind mehr Impfungen nötig, die Impfkampagne muss mit Vollgas beschleunigt werden, mit allem was geht! Es fehlen ja gar nicht mehr so viele Prozente, und dann sind wir da, wo Spanier und Portugiesen schon sind. Das Ziel müssen wir so schnell wie möglich erreichen. Und wir wünschen uns maximales Tempo bei den Boosterimpfungen für unser Personal und ein strenges Testregime für alle Kliniken, um Patienten zu schützen und Impfdurchbrüche sofort zu erkennen und zu stoppen.

Müssten wir bei den Auffrischimpfungen nicht längst viel weiter sein?

Wir sollten wirklich alle Kraft darauf verwenden, ganz schnell alle Älteren und das Personal von Kliniken und Heimen zu boostern, und dann auch die breite Bevölkerung. Je schneller die Auffrischungsimpfungen kommen, umso flacher wird die Welle ausfallen. Das ist das wirkungsvollste Instrument, um das Virus auszubremsen.

Warum dann sechs Monate warten und nicht nach fünf Monaten boostern wie in Israel?

Ich bin kein Virologe. Aber mir erschiene es mit den Erfahrungen aus Israel sinnvoll, die Sechs-Monats-Spanne nicht voll auszureizen, sondern ab einem Intervall von fünf Monaten die Impfungen aufzufrischen. Entscheidend ist, dass so viele Menschen wie möglich die dritte Spritze bekommen.

Was halten Sie von den lauter werdenden Rufen nach einer Impfpflicht für Pflegekräfte?

Die DIVI ist gegen eine Impfpflicht. Wir setzen auf die angemessene individuelle Entscheidung. Im Intensivbereich ist die Impfquote von Ärzten und Pflegekräften extrem hoch.

Nochmal zurück zu den Kapazitätsengpässen: Der Staat hat den Aufbau von Intensivbetten mit Milliarden gefördert. Der Rechnungshof vermutet, das Geld ist gar nicht von allen Krankenhäusern richtig genutzt worden. Ist die drohende Überlastung mancher Häuser womöglich selbstgemacht, weil Ressourcen versickert sind?

Das kann ich als Divi-Präsident nicht beantworten. Die Aufgabe von uns Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten ist die beste Versorgung aller Intensivpatienten. Um Finanzströme kümmern wir uns nicht. Allerdings noch einmal zur Erklärung: „Das Bett“ ist nicht das physisch vorhandene Bett auf der Intensivstation. Das steht dort. Und davon wurden auch viele im Frühjahr 2020 neu angeschafft sowie alle notwendigen Geräte dazu. Aber ohne Pflegekräfte, die die Patienten in diesen Betten pflegen und die Maschinen bedienen, können Sie keinen Patienten darin behandeln. Wir weisen im Divi-Intensivregister nur Betten aus, für die es Personal gibt - weil wir wissen müssen, wie viele wir tatsächlich behandeln können. Deshalb werden es stetig weniger Betten. Wie viele tatsächliche Behandlungsplätze es in Deutschland geben würde, hätten wir genügend Personal, das wissen wir nicht.

Warum hat Corona den Pflegenotstand verschärft?

Schon vor Corona fehlten tausende Pflegekräfte. Nach 22 Monaten Pandemie sind die Leute einfach erschöpft. Die Pflegerinnen und Pfleger sind die ganze Zeit am Patienten, müssen zig Mal am Tag die Schutzkleidung an- und ausziehen, mit FFP2-Maske hart körperlich arbeiten. Wer das nicht erlebt hat, kann es sich vielleicht schwer vorstellen, aber glauben Sie mir: Das ist physisch und psychisch so unglaublich anstrengend. Und das nun schon über eine so lange Zeit und mit noch vielen harten Monaten vor uns. Viele können das schlicht nicht mehr. Manche haben kapituliert und ganz aufgehört, sehr viel mehr haben ihre Arbeitszeit verkürzt. Unter dem Strich sind deswegen 4.000 Betten weniger belegbar. Technik und Betten sind ausreichend vorhanden, was fehlt sind die Menschen.

Was tun, um die Pflegerinnen und Pfleger jetzt noch zum Durchhalten zu motivieren?

Die DIVI hat gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften schon im März konkrete Forderungen vorgelegt. Die reichen von der Kompetenzerweiterung über finanzielle bis hin zu psychologischer Unterstützung. Die Gesundheitsminister hatten das monatelang auf dem Tisch. Und passiert ist nichts. Aber wir werden uns natürlich weiter dafür stark machen.

Das muss den Frust ja noch erhöhen…

Und deswegen brauchen wir jetzt und gleich ein wirklich akutes und starkes Signal der Wertschätzung!

Welches?

Es braucht eine Art Corona-Prämie für die vierte Welle, und zwar eine kräftige, von der die Intensivpflege-Beschäftigten auch wirklich etwas haben. Wir wünschen uns, dass für die Monate mit hoher Belastung der Bruttolohn netto ausgezahlt wird. Auch Nacht- und Wochenendarbeit sollte steuerfrei gestellt werden. Das würde sofort bei den Leuten ankommen und ihnen zeigen, dass ihre Arbeit gewürdigt und belohnt wird. Damit ändert man noch nichts an den Strukturen, daran muss auch dringend gearbeitet werden, aber so eine Prämie würde einen Motivationsschub geben, da bin ich mir sicher.

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