Kolumne: Intern
Die Analyse: Nicht Bericht und auch nicht Kommentar
Auf die Trennung zwischen Bericht und Kommentar legen wir als Journalisten großen Wert. Wie aber verhält es sich mit der „Analyse“, einem neuen Format, das weder das eine noch das andere ist?
Zu den zivilisatorischen Errungenschaften, die uns die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gebracht hatten, gehört für uns Journalisten das angelsächsische Prinzip der strikten Trennung von Bericht (neutral) und Kommentar (Meinung). Nun ist es natürlich immer eine Frage der Perspektive, als wie neutral ein Bericht wahrgenommen wird, und natürlich gibt es absolute Neutralität auch nicht, weil jeder Journalist eine soziale Herkunft und persönliche Anschauungen hat, die von seiner Tätigkeit nicht zu trennen sind. Aber im Großen und Ganzen funktioniert das Prinzip.
Leser sehen dies indes oft anders und werfen uns zum Beispiel beim Thema Corona-Impfungen vor, das zu berichten, was Regierung und Pharmakonzerne uns vorschreiben. Das ist Quatsch, und darauf antworten wir entsprechend.
Allerdings haben wir in einem Punkt eine offene Flanke. Neuerdings schreiben wir nämlich immer wieder einordnende, meinungsbasierte Texte, die weder so neutral sind wie ein Bericht noch so kurz und prägnant wie ein Kommentar. Die nennen wir dann „Analyse“. Was eher hilflos erscheint, denn sie sehen typographisch (Überschrift, Blocksatz) in der gedruckten Zeitung so aus wie ein normaler Bericht (hier auf der Onlineseite landen diese Texte im Meinungsressort, was die Unterscheidung einfacher macht). Wie damit umgehen?
Den Stein der Weisen haben wir bisher nicht gefunden. Ich persönlich halte ein solches Format für wichtig, weil wir unser Hintergrundwissen ausspielen können, aber eben nicht für ehrlich, weil wir die strikte Trennung nicht einhalten. Wenn eine solche Analyse in der gedruckten Zeitung auf der Meinungsseite steht, ist das lässlich, weil hier die Subjektivität quasi Programm ist, aber auf einer Lokalseite sorgt eine „Analyse“ zu Recht für Irritationen bei so manchem Leser.
Darum werden wir künftig ganz bewusst im ersten Absatz eines solchen Textes darauf hinweisen, dass es sich hier um einen wertenden Text handelt, nicht um einen neutralen Bericht.
Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, überregionale Medien konsumieren, also zum Beispiel die „Bild“ oder den „Spiegel“, dann kennen Sie unser Problem gar nicht. Dort ist eigentlich jeder Text mehr oder weniger kommentierend.
Kontakt: j.braun@zgo.de
Verleger dürfen sich inhaltlich nicht einmischen
Alles dürfen wir nicht schreiben
Meine Texte will online keiner lesen