Integration und Bildung
Durch Lernbegleitung: Zwei Geflüchtete schaffen Abi in Emden
Mehr als 50.000 Schülerinnen und Schüler schaffen in Deutschland jährlich nicht ihren Abschluss. Das hat dramatische Folgen. Ein Emder Projekt stemmt sich dagegen und begleitet junge Menschen.
Emden - Es ist eine erschreckende Zahl: Mehr als 52.000 Jugendliche schafften 2017 in Deutschland nicht ihren Hauptschulabschluss - Tendenz steigend. Das lässt sich einer Bildungsstudie des Deutschen Caritasverbands entnehmen. „Zuwanderung ist einer der Erklärungsfaktoren für die gestiegenen Zahlen“, heißt es dort. Für viele der zugewanderten Jugendlichen sei es schwer, gleichzeitig die Sprache zu lernen und einen Schulabschluss zu erzielen.
Was und warum
Darum geht es: Am deutschen Bildungssystem muss sich einiges ändern, denn zu viele Menschen schaffen den Schulabschluss nicht.
Vor allem interessant für: Bildungs- und Integrationsinteressierte, Emderinnen und Emder
Deshalb berichten wir: Eun-Heui Chae hatte sich bei uns gemeldet, um mitzuteilen, dass zwei der Schützlinge von „Yougend Integrate“ ihr Abi geschafft haben. Wir haben weiter nachgehakt. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Auch die schulische Vorbildung der Jugendlichen sei sehr unterschiedlich. Hinzu komme, dass insbesondere geflüchtete Kinder und Jugendliche meist nicht sofort einen Zugang zum deutschen Bildungssystem bekommen. Ohne einen Abschluss aber ist es sehr schwierig, eine Ausbildung zu beginnen. Laut der Caritas schaffen es nur rund 27 Prozent. Und ohne Ausbildung warten nur Jobs im Niedriglohnsektor - oder die Arbeitslosigkeit. „Man muss es irgendwie auf dem Papier schaffen“, sagt auch der pensionierte Emder Lehrer Walter Jacobs-Petersen. Das Berufsleben sei so kompliziert geworden, dass nichts mehr ohne Abschluss funktioniere. Jacobs-Petersen ist der neueste Lernpate bei dem Emder Projekt „Yougend Integrate“, das dem Trend entgegen steuern will.
Aus Syrien geflohen - jetzt Jurastudium
2015, als besonders viele Menschen nach Deutschland flohen, war die Idee dafür geboren, schildert die Emderin Eun-Heui Chae, die selbst als junge Frau aus Südkorea geflohen war. Was damals als Sportprojekt startete, hat sich jetzt zusätzlich zu einem Lernbegleitungsprogramm entwickelt. Derzeit zehn Lernpaten - oftmals pensionierte Lehrkräfte - begleiten Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund ehrenamtlich mit maßgeschneiderten Angeboten. Und das mit Erfolg.
Zwei ihrer ehemaligen Schützlinge haben im vergangenen Schuljahr das Abitur geschafft. Die aus Syrien geflohene Alin Bakki hat jetzt ihr Jurastudium in Göttingen begonnen, wie sie gegenüber dieser Zeitung schildert. „Es ist noch etwas schwierig von der Sprache her“, sagt sie. Aber: Ihr ehemaliger Lernpate Hans-Albin Jacob ist auch weiterhin an ihrer Seite - allerdings digital. „Er ist immer für mich da“, sagt sie. Ohne die intensive Hilfe hätte sie vermutlich nicht so schnell deutsch gelernt und damit auch nicht so den Schulstoff erlernen können. Aktuell wurde sie eingebürgert. „Ich bin jetzt offiziell deutsch“, freut sich die junge Frau.
„Es müsste viel flächendecknder gemacht werden“
Manchmal sei es schon frustrierend, dass sie nur so im Kleinen wirken könnten, sagt Eun-Heui Chae. „Es müsste viel flächendeckender gemacht werden.“ Mehr Menschen würden nach Deutschland auswandern oder fliehen. Angesichts eines immer größer werdenden Fachkräfte- und Personalmangels wäre es auch wirtschaftlich sinnvoll, die zugezogenen Kinder und Jugendlichen zielführend zu unterrichten. Hans-Albin Jacob berichtet von einem jungen Mann, der in Emden eine technische Ausbildung macht. „Rechnen kann er, aber die Sprache nicht.“ So setze er die Klausuren in den Teich, obwohl er die Antworten eigentlich locker geben könnte. Da beginnt die Arbeit von Walter Jacobs-Petersen, der zuvor in Aurich an den Berufsbildenden Schulen I gelehrt hatte. „Komplexe Sätze müssen vereinfacht und oft wiederholt werden“, erklärt er.
Die Jugendlichen wollten lernen und seien dankbar für das Angebot von „Yougend Integrate“, betont Eun-Heui Chae. Aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Polen, Bulgarien und anderen Ländern kämen die Schülerinnen und Schüler, die derzeit in Emden begleitet würden. Sie selbst unterrichte an der Oberschule in Borssum. „70 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben dort einen Migrationshintergrund“, sagt sie. Schon im Sportunterricht merke sie, dass es häufig Sprachbarrieren gebe.
Sprachförderung ist unerlässlich
Kamila Gerlec unterrichtet Deutsch als Zweitsprache an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Emden und koordiniert vieles für das Lernpaten-Projekt. So seien auch in Zeiten des Lockdowns und Homeschooling Hilfen über Videokonferenzen möglich gewesen. „Es muss eine Zuverlässigkeit gewährleistet sein, man muss immer dran bleiben“, betont sie. Jugendliche gingen sonst „verloren“. Sie habe einen „guten Überblick“ darüber, an welchen Emder Schulen es Bedarfe für das besondere Angebot gebe. Der Bildungserfolg sei von vielen Faktoren abhängig. Unerlässlich sei aber ganz sicher eine Sprachförderung. „Auch nach drei bis vier Jahren brauchen die Schülerinnen und Schüler noch Unterstützung.“ Fachsprachen zu lernen - wie etwa im Jura-Studium oder der Technik-Ausbildung - komme dann als nächste Herausforderung.
→ Wer Interesse daran hat, als Lernpatin oder Lernpate aktiv zu werden, kann sich an Sven Dübbelde von der Freiwilligenagentur in Emden wenden.