Mobilität

Künftig könnte es eng an Ostfrieslands Ladesäulen werden

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 11.11.2021 15:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Tido Tebben lädt sein E-Auto hin und wieder auch in Aurich am Kreishaus auf. Foto: Ortgies
Tido Tebben lädt sein E-Auto hin und wieder auch in Aurich am Kreishaus auf. Foto: Ortgies
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Die Zahl der E-Autos steigt auch in Ostfriesland kontinuierlich. Die Ladeinfrastruktur hält damit nicht Schritt, vor allen Dingen nicht die der Schnellader. Das kann zu Problemen führen.

Aurich - Schon wieder! Tido Tebben fährt die Zornesröte ins Gesicht. Erneut passiert es ihm, dass er die E-Auto-Ladesäule am Auricher Kreishaus ansteuert - und der Platz ist schon belegt. Allerdings nicht von einem Fahrzeug mit Elektroantrieb, sondern von einem Verbrenner. „Das geht mir ziemlich auf die Nerven“, sagt der Holtroper, der seit vielen Jahren ein E-Auto nutzt. Er könne zwar auch auf seine Wallbox − eine Art eigene Ladestation − am Haus zurückgreifen, um seinen Nissan wieder betriebsbereit zu machen. Doch jetzt kam ihm die Gelegenheit gerade recht, das Fahrzeug an die öffentliche Ladesäule anzuschließen, weil er Besorgungen in Aurich zu machen hatte.

Grundsätzlich stellt sich bei einem solchen Vorfall neben der missbräuchlichen Nutzung der Ladesäulenfläche die Frage nach der Ladeinfrastruktur. Reicht die in Ostfriesland für die wachsende Zahl an angemeldeten E-Autos aus? Die Frage ist schwer zu beantworten, weil es keinen übergeordneten Koordinator gibt. Die Bundesnetzagentur führt zwar ein Verzeichnis aller Säulen in den Landkreisen, gibt aber keinen Impuls für die Aufstellung. ( https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Sachgebiete/ElektrizitaetundGas/Unternehmen_Institutionen/E-Mobilitaet/Ladesaeulenkarte/start.html)

Beim Laden ist Geduld gefragt

In Ostfriesland ist das Unternehmen EWE-Go einer der größten Anbieter von E-Ladesäulen. Mit Stand vom 28. Oktober 2021 waren das genau 79 Ladestationen. Elf davon sind Schnelllader, das heißt, dass sie eine Ladeleistung von 22 bis zu 150 Kilowatt zur Verfügung stellen. Zum Vergleich: Eine konventionelle Säule bringt es maximal auf 22 Kilowatt. Die Folge: Für einen kompletten Ladeprozess muss man in der Regel mehrere Stunden Geduld aufbringen.

„Wir haben allerdings ein Planungstool, das uns dabei hilft, den Ausbau der Ladeinfrastruktur im Hinblick auf den Bedarf zu steuern“, sagte Dietmar Bücker. Der Sprecher von EWE-Go wurde konkreter: Das Tool heiße Location Insights. Es handele sich um ein Geoinformationssystem, das mehrere Algorithmen zur Ermittlung der Ladebedarfe enthalte. Dazu gehörten beispielsweise Verkehrsfrequenzen, Schnellrestaurants, Bevölkerungs- und Wohnungsdaten sowie Zulassungsstatistiken. Darüber hinaus baue EWE Go Ladeinfrastruktur auch mit seinen Partnern aus, dazu zählten unter anderem McDonald‘s, Edeka und Kommunen.

Zu einer Station gehören mehrere Ladepunkte

Doch wie lässt sich der Bedarf für eine Region wie Ostfriesland ermitteln? Und das unabhängig von den Interessen und den Planungstools eines Konzerns. Eine Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums rechnet für eine zuverlässige Versorgung mit einem Ladepunkt je 23 Autos im ländlichen Raum, in Städten mit einem je 14 Fahrzeuge. Zu beachten ist dabei, dass zu einer Ladestation in der Regel zwei, aber auch mehrere Ladepunkte zählen können. Ein Gedankenexperiment: Was wäre erforderlich, wenn die aktuell im Landkreis Aurich gemeldeten 113.593 Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor einen elektrischen Antrieb hätten? Dafür bräuchte man 4938 Ladepunkte, also rund 2500 Ladesäulen. Derzeit gibt es im Landkreis Aurich lediglich 77.

In einer Umfrage der Unternehmensberatung Alix-Partners gaben 45 Prozent der Befragten als größte Sorge beim Kauf eines Elektroautos die fehlende Ladeinfrastruktur an. Das sei „nicht verwunderlich, da die Zahl der E-Autos deutlich schneller wächst als die der öffentlichen Ladesäulen“ , heißt es dort. Experten weisen darauf hin, dass viele Nutzer von E-Autos nicht primär auf die öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen sind, viele haben eine Wallbox in der Garage oder am Haus befestigt. Doch jeder nutzt gerne beim Einkaufen oder dem Besuch von Veranstaltungen die Möglichkeit, dem Fahrzeug Energie zuzuführen. Im Übrigen dürfen die vielen Touristen, Handelsreisenden oder Geschäftsleute nicht außer Acht gelassen werden, die in Ostfriesland unterwegs sind und ein E-Auto haben.

Blick über den Gartenzaun

Vergleicht man die Landkreise in Ostfriesland und wagt auch einen Blick über den Gartenzaun ins Emsland, fällt auf, dass es große Unterschiede bei der Qualität der Infrastruktur gibt. Der eher ländliche Landkreis Emsland (siehe Grafik) ist mit fast 200 Ladesäulen und eine Einwohnerdichte von 114 sehr viel besser aufgestellt als der Landkreis Leer, der es nicht mal auf 100 Ladesäulen bringt (Einwohnerdichte 158).

Worauf ist das zurückzuführen? Anja Rohde, Pressesprecherin des Landkreises Emsland, führt als Argument die gute Nutzung der Fördertöpfe an: „Bis Ende Mai 2021 gab es eine finanzielle Förderung von privaten, halböffentlichen und öffentlichen Ladesäulen, um die Infrastruktur zu verbessern und damit zur Verbreitung von Elektromobilität beizutragen. Der Landkreis hatte damit rund 3,5 Jahre lang als einer der ersten Landkreise den Ausbau gefördert. Er wird sukzessive öffentliche Ladesäulen an den kreiseigenen Gebäuden und Liegenschaften aufstellen und betreiben lassen.“

Eine Hoffnung gibt es allerdings für die Region: Ostfriesland soll bis Ende des übernächsten Jahres 80 neue Schnellladesäulen für Elektrofahrzeuge bekommen. Das sehen die aktuellen Planungen des Deutschlandnetzes vor, das vom Bundesverkehrsministerium vorangetrieben wird und bereits öffentlich ausgeschrieben wurde. Demnach sollen in Emden einmal zwölf und einmal acht, in Aurich zweimal acht, in Leer und Norden jeweils zwölf und in Wittmund acht sowie in Uplengen, Westoverledingen und zwischen Bunde und Weener jeweils vier Ladepunkte installiert werden.

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