Politik
Zwischen Jogginganzug und Abendkleid
Fast die Hälfte der neuen Ratsmitglieder in Aurich ist neu. Am Donnerstag steht die erste Sitzung an. Wir haben mit vier Neulingen gesprochen – und sie unter anderem gefragt, was sie anziehen.
Aurich - Wenn an diesem Donnerstag um 17 Uhr in der Auricher Stadthalle der neue Rat zu seiner ersten Sitzung zusammentritt, dann ist das für fast die Hälfte der 40 Mitglieder etwas ganz Besonderes: 18 Männer und Frauen sind neu in das Gremium gewählt worden. Mit welchen Gefühlen und Erwartungen gehen sie diese Herausforderung an? Wir haben mit vier Neulingen gesprochen.
Sarah Buss führt eine Gruppe von Unerfahrenen an. Die 39-jährige Amtsrichterin ist Vorsitzende der FDP-Fraktion, die aus drei Neulingen besteht. „Ein bisschen aufgeregt“ sei sie schon. „Das hat ja auch etwas mit Stolz und Ehre zu tun.“ Was sie überrascht und beeindruckt habe, sei die große Hilfsbereitschaft der Stadtverwaltung, die „Freundlichkeit und unendliche Geduld“, wenn gefühlt alle 30 Sekunden ein Neuling mit einer Frage auf der Matte steht.
„Wir haben wirklich viele Ansprechpartner“
Auch Ratskollegen anderer Fraktionen, die ja eigentlich Konkurrenten seien, hätten Hilfe angeboten. „Wir haben wirklich viele Ansprechpartner.“ Ansonsten habe sie sich nicht durch Seminare oder dergleichen vorbereitet. „Wir müssen uns das in der Praxis erarbeiten.“ Eines ihrer politischen Ziele sei es, Aurich für junge Menschen attraktiver zu machen. Die Frage, was sie zur ersten Ratssitzung anzieht, erheitert Buss. „Ich werde nicht im Jogginganzug kommen.“ Das kleine Schwarze werde es aber auch nicht sein, da sie im fünften Monat schwanger sei. „Irgendwas dazwischen.“
Jens Coordes wird das tragen, was er immer trägt: ein Polohemd. Der 52-jährige Kaufmann mit CDU-Parteibuch geht mit Respekt an die neue Aufgabe. „Da kommen ja doch viele Dinge auf mich zu.“ Die Beschlussvorlagen seien für ihn teils böhmische Dörfer, räumt Coordes ein. „Ich werde ein bisschen Einarbeitungszeit brauchen.“ Dabei helfe ihm vor allem sein Fraktionskollege Bodo Bargmann. „Der nimmt mich an die Hand.“
„Man wird nicht alleingelassen“
Den Neulingen werde aber auch von der Stadt viel Hilfe angeboten, sagt Coordes, etwa Seminare zum Thema Haushalt. Auch Parteien und Organisationen wie die Industrie- und Handelskammer böten so etwas an. „Man wird nicht alleingelassen.“ Aufgeregt ist Coordes vor der ersten Ratssitzung nicht. Als beratendes Mitglied im Sanierungsausschuss hat er schon etliche Sitzungen miterlebt und kennt die Atmosphäre. „Ich freue mich drauf.“ Inhaltlich liegt ihm die Belebung der Kernstadt am Herzen. „Ich entscheide nicht nach Farben“, betont Coordes. Wenn die Grünen einen guten Vorschlag machten, werde er dem zustimmen.
Udo Haßbargen ist mit 26 Jahren das jüngste Mitglied des neuen Rates. Er gehört der SPD an. „Ein bisschen aufgeregt bin ich schon“, sagt der Landwirt. „Das ist ein bisschen was anderes als eine Ortsrats- oder Ortsvereins-Sitzung.“ Durch das gemeinsame Kennenlerngrillen, zu dem der Bürgermeister im Oktober nach Sandhorst eingeladen hatte, habe er aber schon viele Kontakte geknüpft. „Das hat Spaß gemacht.“
„Ich will ich bleiben“
Der Neuling hat schon gemerkt, dass viel Arbeit auf ihn zukommt. „Oh Gott, das ist ja doch einiges“, habe er beim Anblick der Sitzungsunterlagen gedacht. Ein Ratsmandat sei fast ein Vollzeitjob. Inhaltlich interessiert sich Haßbargen für regionale Wirtschaftsthemen. Die Auricher sollten sich „in ihrer Stadt wohlfühlen und Bock haben, hier zu bleiben“. Kleiden wird sich der 26-Jährige wie immer. „Ich will ich bleiben, ich will mich nicht verstellen.“
Klara Jéhn-de Witt hat diese Absicht ebenfalls nicht. Die 70-Jährige will aber trotzdem nicht in Jeans zur Ratssitzung kommen: „Ein Kleid und ein Jackett werde ich mir schon raussuchen.“ Die erste Ratssitzung sei für sie ein herausgehobenes Ereignis in ihrem Leben. Es sei in etwa mit dem ersten Schultag zu vergleichen. Freude mische sich mit einem Hauch von Verunsicherung.
Die Grünen-Ratsfrau ist seit 1994 in der Partei, also fast von deren Geburt an, wie sie lächelnd sagt. Seit fast sechs Jahren sei sie Vorstandsmitglied im Auricher Ortsverein. Jetzt habe sie ihr erstes Ratsmandat inne. In den Gremien wolle sie sich vor allen Dingen auf die Themen Gleichstellung der Frau und Kulturförderung fokussieren.