Osnabrück

Nitrat: Niedersachsen exportiert immer mehr Gülle und Gärreste

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 10.11.2021 04:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ein Landwirt bringt Gülle auf einem Acker aus. Der natürliche Dünger gilt als einer der Hauptverursacher der Nitratbelastung des Grundwassers. Niedersachsen exportiert jährlich zig Tausende Tonnen. Foto: Jens Büttner/dpa
Ein Landwirt bringt Gülle auf einem Acker aus. Der natürliche Dünger gilt als einer der Hauptverursacher der Nitratbelastung des Grundwassers. Niedersachsen exportiert jährlich zig Tausende Tonnen. Foto: Jens Büttner/dpa
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Exportiert Niedersachsen sein Nährstoffproblem? Zahlen der Landesregierung zeigen, dass immer mehr Gülle und Gärreste in andere Bundesländer oder gleich ins Ausland verbracht werden – zuletzt fast 1,9 Millionen Tonnen.

Das teilt das Umweltministerium den Grünen unter Berufung auf die sogenannten Nährstoffberichte des Landes mit. Unserer Redaktion liegt die Antwort vor. Demnach verließen im Betrachtungszeitraum 19/20 insgesamt 1,890 Millionen Tonnen das Bundesland. Hauptabnehmerland innerhalb Deutschlands war Nachbar Nordrhein-Westfalen, das immerhin gut 800.000 Tonnen aufnahm.

Doch die Transporte gingen zumindest laut Auflistung des Umweltministeriums teils deutlich weiter. 31.500 Tonnen gingen beispielsweise nach Polen. Immerhin noch gut 300 bis nach Schweden. Insgesamt ist die exportierte Menge in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Im Meldejahr 15/16 verzeichnete das Land noch 1,28 Millionen Tonnen. Das waren noch 50 Prozent Gülle oder Gärreste weniger, die in Ställen oder in Biogasanlagen anfielen.

Der Streit ums Nitrat

Sowohl Gülle und Gärreste enthalten Nährstoffe und werde deshalb im Ackerbau als Dünger eingesetzt. Gelangt aber zu viel auf die Felder, ist das schlecht für die Umwelt. In Oberflächengewässern wird beispielsweise das Algenwachstum gefördert, im Grundwasser steigt die Nitrat-Konzentration.

(Weiterlesen: „Gülle-Tourismus“: Hunderttausende Tonnen Dünger importiert)

Die EU-Kommission in Brüssel, Wächter über die Einhaltung europäischer Umweltvorgaben, wirft Deutschland schon lange vor, nicht genug für den Grundwasserschutz zu tun. Der Europäische Gerichtshof gab der Kommission recht. Die Bundesregierung verschärfte daraufhin unter anderem die Düngeverordnung, die Bundesländer wiesen sogenannte rote Gebiete aus, in denen aufgrund der hohen Nitratbelastung im Grundwasser weniger Dünger ausgebracht werden darf.

In der Landwirtschaft sind diese Maßnahmen hoch umstritten. Bauern werfen der Politik vor, dass aufgrund der neuen Vorgaben die Pflanzen auf den Äckern unterversorgt werden. Viele zweifeln zudem die Grundwassermesswerte an, kritisierten zumindest, dass an zu wenigen Punkten gemessen wird. In Mecklenburg-Vorpommern bekamen Bauern kürzlich gar vor dem Oberverwaltungsgericht Greifswald recht. Auch in Niedersachsen klagen Landwirte. Entscheidungen stehen noch aus.

Auswirkungen der strengeren Regeln sind aber auch die Exporte der Nährstoffe. Auf vielen Betrieben fällt mehr Gülle an, als Fläche für die Ausbringung vorhanden ist. Die Landwirtschaftskammer teilt auf Anfrage mit: „Die strikteren Düngevorschriften haben für ein Reihe von tierhaltenden Betrieben in Niedersachsen zunehmend die Konsequenz, dass sie einen Teil ihrer Gülle abgeben müssen, um Grenzwerte für Nährstoffmengen einhalten zu können.“ 

Grüne: Tierbestände müssen runter

 Die Grünen in Niedersachsen sehen den Gülle-Export vor diesem Hintergrund grundsätzlich kritisch. Miriam Staudte, agrarpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, spricht von „Gülletourismus“, der „im Grunde Systemdoktorei“ sei. Probleme würden nur verlagert statt gelöst. 

Staudte sagte: „Es führt kein Weg daran vorbei, die Tierbestände zu reduzieren und den tierhaltenden Betrieben echte Alternativen und besseren Verdienste bei weniger Tieren zu ermöglichen.“

Auf dem Düngermarkt indes wandelt sich die Situation derzeit: Während Tierhaltungsbetriebe überschüssige Gülle in den vergangenen Jahren nur schlecht an Ackerbaubetriebe loswurden, entwickeln sich die tierischen Hinterlassenschaften derzeit zum gefragten Dünger.

Hintergrund sind die Verwerfungen auf den Energiemärkten: Kunstdüngerhersteller haben die energieintensive Produktion angesichts gestiegener Öl- und Gaspreise zurückgefahren. Stickstoff- und Phosphatdünger sind daher nach Angaben des Landvolks Niedersachsen derzeit um mehr als 50 Prozent im Preis gestiegen.

Der organische Dünger Gülle ist daher für viele Ackerbauern die günstigere Alternative. Aus der Agrarwirtschaft heißt es, dass Viehhalter mit der Abgabe von Gülle derzeit sogar Geld verdienen könnten. In den vergangenen Jahren sei das nicht der Fall gewesen. Die Landwirtschaftskammer betont: „In Hinsicht auf die Nachhaltigkeit und auf die Förderung der Kreislaufwirtschaft ist organischer Dünger ein bedeutender Baustein.

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