Gesundheit
Drogensucht: Wenn im Homeoffice die soziale Kontrolle fehlt
Lockdown und Leistungsdruck bescheren Suchtberatern wie Ingolf Majuntke und Andreas Klöpping in Emden neue Arbeit. Im Homeoffice greifen Alkoholkranke ungehemmter zur Flasche, berichten sie.
Emden - Das Bild ist trügerisch: Auf dem Schreibtisch des Mitarbeiters steht eine Tasse, aus dem Gefäß baumelt ein Teebeutelbändchen. Tatsächlich befindet sich im Becher hochprozentiger Schnaps. Den Schwindel bekommen die Kolleginnen und Kollegen nicht mit, denn das Büro ist verwaist. Gearbeitet wird im Homeoffice. Die Angestellten sitzen einander nur virtuell am Bildschirm gegenüber.
Was und warum
Darum geht es: Drogen, die Gesellschaft und der Umgang mit Sucht
Vor allem interessant für: jeden, der selbst oder über Angehörige, Freunde oder Bekannte mit den Folgen einer Sucht zu tun hat
Deshalb berichten wir: An diesem Mittwoch ist ein bundesweiter Aktionstag Suchberatung. Die Drobs in Leer und Emden haben uns darauf hingewiesen. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Es sind Schilderungen wie diese aus einer Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke, die Ingolf Majuntke und Andreas Klöpping hellhörig machen. Die beiden arbeiten in der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention (Drobs) in Leer beziehungsweise Emden. „Die Pandemie und Lockdowns sind für einige Suchtkranke ein echtes Drama“, sagt Majuntke, der selbst 20 Jahre lang drogenabhängig war und erst sich selbst half, um heute andere im Kampf gegen deren Sucht zu unterstützen.
Bundesweiter Aktionstag
Eine Gelegenheit für ihn ist der bundesweite Aktionstag Suchtberatung, der an diesem Mittwoch zum zweiten Mal stattfindet. Initiiert hat ihn während der Pandemie im vergangenen Jahr die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen – ein Dachverband, dem sich viele Beratungsstellen wie die von Majuntke und Klöpping angeschlossen haben. Besonderes geplant sei nichts, sagen sie. „Wir arbeiten ganz normal“, so Klöpping. Aber sie wollen den Aktionstag nutzen, um das Thema publik zu machen. Deswegen haben sie die Redaktion in ein schlichtes Besprechungszimmer an der Emder Ringstraße eingeladen. Dort hat die Drobs ihre Räume. Und dort wollen Klöpping und Majuntke die Öffentlichkeit sensibilisieren.
Sie sagen, dass die Pandemie und der Lockdown ihre Arbeit verändert habe. Es betrifft einerseits offene Angebote wie die der Teestuben, die seit Monaten geschlossen bleiben müssen. Andererseits wirken die Folgen von Corona auch im Umfeld und in den Köpfen der Menschen. Wie das Beispiel des heimlichen Trinkers im Homeoffice zeigt, haben sich manche Probleme im Verborgenen verschärft, auch, „weil an vielen Stellen die sozialen Kontrollen fehlen“, wie Majuntke feststellt. Wenn keine Kollegen das Alkoholfähnchen riechen können, fällt manchem während der Arbeitszeit der Griff zur Flasche leichter.
Plötzlich dämmert es dem Partner
Umgekehrt können Süchte in Phasen des Lockdowns gleichzeitig auch offener zutagetreten. Plötzlich dämmert es manchem Partner oder auch Kindern, wie problematisch der Konsum oder die Glücksspiel-Zockerei von Angehörigen wirklich ist. „Alle Standorte haben in dieser Zeit gemerkt, dass die Zahl der Angehörigen, die sich bei uns melden, zugenommen hat. In Leer war es dramatisch mehr als in den Vorjahren“, berichtet Andreas Klöpping.
In einer im Juni dieses Jahres veröffentlichten Studie hat sich das Bundesgesundheitsministerium mit solchen Folgen der Pandemie befasst. Die Untersuchung legt nahe, dass sich das Suchtverhalten verändert habe. Darin heißt es, dass „die Kontaktbeschränkungen sowie die psychische Belastung der pandemiebedingten Maßnahmen allgemein zu einem vermehrten Konsum führen“ können. Für belastbare Erkenntnisse oder Schlussfolgerungen zum Alkoholkonsum im Homeoffice sei es aber zu früh, sagt Petra von der Linde, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Fest stehe aber: „Das größte Problem, das wir haben, ist der Alkohol als legale Droge.“
„Heroin hat ausgedient“
Bei den illegalen Drogen beobachten Klöpping und Majuntke unabhängig von der Pandemie und ihren Folgen seit Jahren eine Verschiebung. „Heroin hat ausgedient“, sagt Majuntke. „Die Zahl der Abhängigen fällt seit Jahren oder stagniert allenfalls.“ In seinen Augen passen sich die verbotenen Substanzen den gesellschaftlichen Veränderungen an. Nach Jahren oder Jahrzehnten der Opioide als Aussteigerdrogen und später Partydrogen wie Ecstasy seien mittlerweile Kokain oder andere Substanzen verstärkt im Umlauf, „die mehr Leistung versprechen“, stellt er fest.
Wie weit verbreitet aufputschende Mittel sind, sei ihm spätestens klar geworden, als er bei einem Internetshop ein Verkaufsangebot für ein Kilogramm kristallines, also reines Koffein gesehen habe, so Majuntke. Verboten ist der Handel damit nicht. Aber: „Das kauft sich doch nur derjenige, für den Energydrinks zu wenig Wumms und Kaffee zu viel Flüssigkeit hat“, glaubt er.
Mit dem Finger in der Steckdose
Der Berater in Suchtfragen spricht von einer ungesunden Entwicklung und der Gefahr „permanent mit dem Finger in der Steckdose“ zu leben. Doping ist ihm zufolge nicht nur ein Phänomen in der Sportwelt, sondern auch und gerade im Alltag. Das betreffe Berufsgruppen wie Banker, Versicherer oder Pflegekräfte, die unter dauerhaftem Stress funktionieren wollen, aber auch Schüler und Studenten, die vor dem Lernen Ritalin schlucken. Das verschreibungspflichtige Medikament wird unter medizinischer Aufsicht zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt. Ingolf Majuntke und Andreas Klöpping berichten, dass der Missbrauch solcher Mittel unter Jugendlichen und Studierenden in Ostfriesland ein Thema ist.
Die Ansprechpartner der von den Kommunen, vom Land und von Spenden finanzierten Drobs-Einrichtungen werben dafür, dass solche Probleme offen angesprochen und benannt werden. „Frontale Aufklärung funktioniert dabei nicht“, sagt Andreas Klöpping. Stattdessen verfolgen sie einen indirekten und vorbeugenden Ansatz. „Am wirksamsten und sinnvollsten, um zumindest das Einstiegsalter nach oben zu verschieben, ist es, die Persönlichkeit schon im Grundschulalter zu stärken“, glaubt Ingolf Majuntke. Er hält deswegen nichts davon, dass zum Aktionstag an diesem Mittwoch Infostände in Städten aufgebaut werden. „Wir stellen uns ganz sicher nicht in die Fußgängerzone und sehen zu, wie die Menschen an uns vorbeigehen“, sagt er.