Autoindustrie

Volkswagen schwimmt mit dem Strom

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 09.11.2021 17:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In Emden wird bereits fleißig gelernt: Eine Mitarbeiterin übt im Werk an einem ID.4, der nur für Trainingszwecke bereitsteht. Fotos: Alberts
In Emden wird bereits fleißig gelernt: Eine Mitarbeiterin übt im Werk an einem ID.4, der nur für Trainingszwecke bereitsteht. Fotos: Alberts
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VW setzt auf Elektromobilität – wie andere Autohersteller auch. Im Emder Werk läuft derzeit der Umbau auf Hochtouren. Doch auch die Beschäftigten müssen auf den E-Auto-Bau vorbereitet werden.

Emden - Im Emder Volkswagen-Werk läuft der Umbau für die Produktion von Elektroautos auf Hochtouren. Die neue Halle 20, wo ab Frühling kommenden Jahres das Modell ID.4 vom Band laufen soll, ist eine große Baustelle: Während an einem Ende des Neubaus bereits die Anlagen für die Fahrzeugmontage eingebaut werden, fehlen am anderen Ende zum Teil noch die Außenwände.

„Das ist ein sehr anspruchsvolles Projekt, weil wir sehr spät gestartet sind“, sagt Bernhard Eden, der die neue Halle geplant hat. Der Zeitplan ist sportlich: Im Oktober vergangenen Jahres sei mit der Pfahlgründung für die Halle begonnen worden, berichtet Eden – und nur etwa eineinhalb Jahre später soll die Serienfertigung des ID.4 beginnen. Bis dahin ist noch einiges zu tun: Rund 800 Mitarbeiter sind laut Eden derzeit tagsüber auf der Baustelle beschäftigt – und auch nachts werde gearbeitet, um den Zeitplan einhalten zu können.

Emder Werk ist auf dem Weg zur Smart Factory

VW will mit der neuen Halle 20 in Emden und dem dort gefertigten ID.4 nicht nur den E-Auto-Markt erobern – der Konzern setze zugleich auf moderne Produktionsbedingungen für die Beschäftigten und eine zunehmende Vernetzung mit anderen VW-Standorten, betonen Werksleiter Uwe Schwartz und Christian Vollmer, Vorstand für Produktion und Logistik der Marke Volkswagen. So werde es in der Halle zum Beispiel ergonomische Arbeitsplätze geben, um die Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu senken. Zudem könnten etwa die Daten aller Schweißpunkte am ID.4 in eine Cloud hochgeladen, analysiert und mit denen von anderen Produktionsstandorten verglichen werden. „In Emden machen wir einen großen Schritt in Richtung Smart Factory“, sagt Schwartz. Knapp eine Milliarde investiere der Konzern in den Umbau des Standorts.

Hier soll ab Frühjahr 2022 der ID.4 gebaut werden: Die Bauarbeiten an den Montagelinien in der neuen Halle 20 auf dem Emder Werksgelände laufen.
Hier soll ab Frühjahr 2022 der ID.4 gebaut werden: Die Bauarbeiten an den Montagelinien in der neuen Halle 20 auf dem Emder Werksgelände laufen.

In Halle 20, die gemeinsam mit der angrenzenden Halle 20B etwa 80.000 Quadratmeter umfassen wird, sollen laut Eden neben den Beschäftigten ab 2022 auch 35 Roboter in der Autoproduktion eingesetzt werden. Einige von ihnen sind bereits vor Ort und warten darauf, an ihrem neuen „Arbeitsplatz“ installiert zu werden. Man habe beim Konzept für die neue Halle auf einen vergleichsweise niedrigen Grad an Automatisierung gesetzt, sagt Projektleiter Eden – auch weil es für die Mitarbeiter eine Beschäftigungsgarantie bis 2029 gebe.

Werksleiter: „Es wird zu keinem Stellenabbau kommen“

Dieser Aussage stimmt Schwartz so jedoch nicht zu: Beim relativ geringen Grad der Automatisierung gehe es nicht darum, dafür zu sorgen, dass überhaupt Arbeit für die Beschäftigten da sei, sagt der Werksleiter. Man habe sich vielmehr „unter Investitionsgesichtspunkten“ für diesen Weg entschieden. Es gebe in Halle 20 aber auch Flächen, die für eine mögliche zusätzliche Automatisierung freigehalten würden. Für die Zukunft des Standorts Emden stellt Schwartz zugleich klar: „Es wird zu keinem Stellenabbau kommen.“ Zuletzt hatte VW-Konzernchef Herbert Diess mit Aussagen, im Stammwerk in Wolfsburg könnten im Falle eines Scheiterns der Transformation bis zu 30.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, den Unmut des Betriebsrats auf sich gezogen. Schwartz betont mit Blick auf die E-Auto-Produktion in Emden aber: „Die absolute Mitarbeiterzahl hängt auch von den dann zu produzierenden Volumen ab.“

Wenn mit der ID.4-Fertigung im Frühjahr begonnen werde, solle dies zunächst in zwei Schichten geschehen. Langfristig sei aber eine Vollauslastung des Werks mit drei Schichten geplant, sagt Schwartz. Am Standort könnten pro Jahr dann bis zu 260.000 Fahrzeuge vom Band laufen. Im vergangenen Jahr waren es laut Unternehmensangaben etwa 163.000 Autos.

Die Transformation muss auch in den Köpfen geschehen

Um in einigen Monaten in Emden mit dem Bau von E-Autos beginnen zu können, reicht es nicht, nur das Werk umzubauen – auch die Beschäftigten müssen dann bereit und mit der Technik des ID.4 vertraut sein. VW hat hierfür in Emden ein Trainingszentrum eingerichtet, in dem bereits Tausende Mitarbeiter unterrichtet worden seien, sagt Ingo Welke, der Leiter des Zentrums. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainings können dank Videos und VR-Brillen das Modell ID.4 kennenlernen und sich anschließend selbst an mehreren Stationen bei einzelnen Montageschritten versuchen. Auch ganze Exemplare des neuen VW-Modells stehen im Trainingszentrum zur Verfügung.

So sieht der ID.4 von unten aus: Im Trainingszentrum lernen die Beschäftigten das neue Modell von allen Seiten kennen.
So sieht der ID.4 von unten aus: Im Trainingszentrum lernen die Beschäftigten das neue Modell von allen Seiten kennen.

Eine Besonderheit ist allerdings der Escape Room: Dort könnten die Beschäftigten in Teams Aufgaben lösen und sich so spielerisch mit dem Thema E-Mobilität vertraut machen, erklärt Welke. Der erste Raum stellt so etwa ein altmodisch eingerichtetes Wohnzimmer dar – aber nicht irgendeines, wie Welke sagt, sondern das des US-Amerikaners Thomas Davenport, der 1834 das erste Patent für einen Elektromotor einreichte.

Auf alter Montagelinie wird jetzt Montage des ID.4 geprobt

Welke spricht in diesem Zusammenhang von „Gamification“ – also der Einbindung durchaus ernster Angelegenheiten in ein Spiel. Dies könne helfen, auch Ängsten der Beschäftigten angesichts des nahenden Abschieds vom Verbrennungsmotor entgegenzuwirken, sagt der Leiter des Trainingszentrums: „Wenn der Mitarbeiter sich mit E-Mobilität beschäftigt, haben wir schon einiges geschafft.“

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Ist dies erledigt, geht es mit dem Training weiter: Wo einst auf der Montagelinie 1 der Passat gefertigt wurde, stehen inzwischen aufgebockte Karosserien des ID.4, an denen die Montage im Detail geübt wird. Das alte Band sei zwar abgebaut worden – dennoch werde nun aber bereits die Taktzeit für die ID.4-Fertigung in Halle 20 erlernt, erklärt Fertigungsabschnittsleiter Timo Ihben. Denn bei dem E-Modell werde sich einiges ändern: „Was wegfällt, ist die ganze Montage des Triebsatzes. Aber es gibt auch andere Arbeitsschritte, die wir dann tun müssen.“ Die Beschäftigten, die an den Fahrzeugen trainieren, hätten sich alle freiwillig gemeldet, ergänzt Ihbens Kollege Frank Feldkamp: „Für die erste Schicht haben wir auf jeden Fall genug Leute.“ Pro Schicht würden etwa 550 benötigt.

Produktivität in der E-Auto-Produktion soll gesteigert werden

Das Vorbild für Emden bei der Transformation heißt Zwickau: Im dortigen VW-Werk wird der ID.4 bereits in Serie gebaut. Vom Trainingszentrum in Zwickau mitsamt Escape Room habe man sich inspirieren lassen, sagt Welke. Und auch der Emder Werksleiter betont, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Kollegen in Sachsen bei der Qualifizierung der Mitarbeiter sei: Der Standort sei „ein Partner, von dem wir in den vergangenen Monaten viel lernen konnten“, sagt Schwartz.

Äußern sich zum Stand der Transformation im Emder VW-Werk: Produktionsvorstand Christian Vollmer (links) und Werksleiter Uwe Schwartz.
Äußern sich zum Stand der Transformation im Emder VW-Werk: Produktionsvorstand Christian Vollmer (links) und Werksleiter Uwe Schwartz.

Reibungslos sei der Produktionsstart für den ID.4 in Zwickau aber auch nicht gelaufen: Dort brauche man für ein Fahrzeug derzeit noch etwa 30 Arbeitsstunden, sagt Vollmer – auch, weil aufgrund von Kurzarbeit die Möglichkeiten fehlen würden, damit die Abläufe optimiert werden könnten. „Damit bin ich nicht zufrieden“, sagt der Produktionsvorstand. Auf Dauer müsse das Ziel lauten, einen ID.4 innerhalb von 20 Stunden fertigzustellen. Dies wolle man ein Jahr nach dem Produktionsstart auch in Emden erreichen, sagt Schwartz: „Das Fahrzeug gibt das Potenzial her.“