Verkehr
Kitesurfen auf der Kippe? Ostfriesische Inseln fürchten Pläne aus Berlin
Der Verkehr in der Nordsee wird neu geregelt. Die ostfriesischen Insel-Bürgermeister warnen vor den Folgen für den Tourismus. Auch Umweltschützer laufen Sturm – allerdings aus ganz anderen Gründen.
Ostfriesland/Berlin - Eine vom Bundesverkehrsministerium geplante Reform der Befahrensverordnung für die Nordsee sorgt für Kritik. Während die Ostfriesischen Inseln vor zu starken Einschränkungen für den Tourismus warnen, forderten Umweltschützer am Montag strengere Naturschutz-Vorschriften. Die Verordnung regelt den Verkehr im Wattenmeer. Sie bestimmt etwa, wie schnell Boote fahren dürfen und in welchen Bereichen Wassersport erlaubt ist.
In den Rathäusern der Ostfriesischen Inseln sorgt man sich vor allem um mögliche Folgen für Tourismus und Wassersport. Laut dem Entwurf des Ministeriums von Andreas Scheuer (CSU) soll künftig das Kitesurfen, bei dem die Surfer von einem Drachen gezogen werden, nicht mehr erlaubt sein. Die Verordnung sieht zwar Ausnahmen für bestimmte Bereiche vor, doch den Bürgermeistern reichen diese nicht. „Die Ostfriesischen Inseln lehnen eine Verschlechterung der Wassersportbedingungen gegenüber dem Status Quo und der geltenden Rechtsprechung grundsätzlich ab“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der sieben Insel-Bürgermeister. „Das Kitesurf-Verbot halten wir für nicht erforderlich und nicht verhältnismäßig.“
Borkumer Bürgermeister unzufrieden
Auch ein Verbot des Trockenfallenlassens stößt den Insel-Bürgermeistern sauer auf. Dies sei seit Generationen gängige Praxis zum Erleben der Natur. Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann (parteilos) betont die Bedeutung des Wassersports für die Inseln. „Kitesurfen ist bei den Borkumern sehr beliebt“, so Akkermann. Er sieht in dem Entwurf des Bundesverkehrsministeriums zudem eine Ungleichbehandlung. „Wir beobachten einen großen Unterschied zur Küste in Schleswig-Holstein. Allein vor Sankt Peter Ording ist die Zone, in der Kitesurfen erlaubt ist, größer als in ganz Ostfriesland“, so Akkermann. „Wir sind immer dafür, dass der Nationalpark erlebbar bleibt, dabei aber keinen Schaden nimmt.“
Kritik am Entwurf der Verordnung übte zuletzt auch Göran Sell, Geschäftsführer der Ostfriesische Inseln GmbH. „Wind- und Wassersport sind nicht nur wichtig für unsere Gäste, sie sichern damit zugleich Arbeitsplätze sowie die Lebensqualität der Insulanerinnen und Insulaner“, so Sell. „Wir erwarten, dass das Bundesministerium den Verordnungsentwurf dahingehend noch einmal überarbeitet.“
Naturschützer wollen schärfere Regeln
Das wünschen sich auch Umweltverbände – wenn auch aus einem völlig anderen Grund. Ihnen reichen die in der Verordnung vorgesehen Regeln nicht aus. Ein Bündnis aus 20 Verbänden kritisierte in einer gemeinsamen Erklärung die Pläne des Bundesverkehrsministeriums. Besonders problematisch sehen sie, dass der Entwurf der Verordnung zu viele Schnellfahrtstrecken ausweist und zu viele Schutzgebiete für das Kitesurfen freigibt.
Rolf Runge, Vorsitzender des BUND-Regionalverbandes in Ostfriesland, sieht in der geplanten Verordnung eine Gefahr für die Umwelt. „Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass in einem Nationalpark der Naturschutz oberste Priorität hat“, sagt Runge. Zwar verstehe er, dass die Insulaner auf Tourismus angewiesen seien, doch dieser müsse auch Grenzen haben. Problematisch seien vor allem die nach Einschätzung der Umweltverbände zu großen Zonen, in denen Kitesurfen erlaubt sein soll, und Schnellfähren, die die Inseln mit dem Festland verbinden. „In der Verordnung gibt es zwar Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber Kontrollen sind überhaupt nicht vorgesehen“, erklärt Runge. Er fürchte, dass der geschäftsführende Verkehrsminister die Verordnung in einem „Hauruck-Verfahren“ durchsetzen will, ehe er aus dem Amt scheidet. „Ein CSU-Minister aus Bayern, der vom Wattenmeer wenig Ahnung hat, will das noch schnell abhaken“, sagt Runge. Der BUND wünsche sich, dass stattdessen die künftige Bundesregierung eine Entscheidung treffe. „Wir warten schon 20 Jahre auf die neue Verordnung. Da kommt es jetzt auf ein Jahr auch nicht mehr an.“
Das Bundesverkehrsministerium kündigte für diese Woche Gespräche mit Verbänden der Schifffahrt sowie den Naturschutzorganisationen an. Anschließend wolle man das Verfahren „zeitnah zum Abschluss bringen“.