Kolumne: Alles Kultur

Den Ostfriesen ihr Martini

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 08.11.2021 09:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.

Dem Ami sein Halloween, dem Protestanten seinen Reformationstag, dem Katholen St. Martin und dem Ostfriesen sein Martini. Übermorgen ist es soweit: Luthers Geburtstag wird gefeiert, von Haus zu Haus, mit Gesang und Süßigkeiten, mit Kippkappkögel und Scherbellenskoppen. Wobei Letzteres, also das fratzenhafte Maskieren und Verkleiden, in den letzten Jahren weniger geworden ist. In diesem Jahr könnte es jedoch noch einmal ein Comeback feiern. Denn durch die Pandemie sind wir längst nicht durch, Masken bleiben also ratsam.

Wir sind doch einen kreativen Umgang mit allen Maßnahmen der letzten Zeit gewöhnt. Ich sehe meine Cousine noch vor mir, wie sie letztes Jahr auf der Auffahrt mit weißem Klebeband ein Einbahnstraßensystem mit Sing-, Süßigkeiten- und Schnaps-Stationen geklebt hat. Wir haben uns gefragt, ob überhaupt jemand kommen würde, um an der Tür zu singen. Und dann kamen Menschen, nicht so viele wie sonst, aber alles war richtig und gut. Natürlich habe ich die Gemütlichkeit ein wenig vermisst und die knisternde Stimmung, wenn es an der Tür klingelt.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

Ich hänge zwar auch sehr an unseren Traditionen und kann mich nicht gut auf Veränderung einlassen, doch in ganz anderem Ausmaß hören und lesen wir dazu laute Stimmen im Netz, in mancher Kirchenbank und aus bestimmten Flügeln unserer Parlamente: Alles muss so bleiben, wie es ist, das haben wir schon immer so gemacht und wir lassen uns hier keine andere Kultur überstülpen! Weder aus dem Orient und schon gar nicht aus Amerika. Wir feiern hier Luther und keine Kürbisse!

Dabei haben wir in Ostfriesland vor 300 Jahren nichts anderes gemacht, als für unser Martini existierende Brauchtumselemente zu modifizieren, um es galant auszudrücken. Katholische Martinus-Lieder wurden zu Luther-Liedern umgetextet und Heischegänge zu Laternenumzügen gemacht. Ich würde also sagen, wir entspannen uns alle mal und jeder feiere wie er mag, ohne Belehrung anderer, denn am Ende haben sich die Bräuche gegenseitig inspiriert und am Ende gibt es Süßigkeiten.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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