Osnabrück
Abba Voyage: Ein Zeitloch im Abba-Kosmos schließt sich
Das Warten hat ein Ende: An diesem Freitag erscheint das neue Album von Abba - ziemlich genau vierzig Jahre nach dem letzten. Aber hat sich das Warten gelohnt?
Heute schließt sich das am schmerzlichsten klaffende Loch im Zeitgefüge des Popuniversums. Vierzig Jahre nach „The Visitors“ kommt an diesem Freitag das neue Album von Abba auf den Markt. Ein epochales Ereignis, zumindest in dem Sonnensystem, das um den Fixstern „Abba“ kreist. Dort ist es so, als wäre nichts gewesen: „Abba Voyage“, so lautet der Titel des neuen Albums, macht da weiter, wo „The Visitors“ aufgehört hat. Fast, als wäre nichts gewesen.
Als wäre nichts gewesen
Sicher sind die Sounds etwas moderner geworden und die Stimmen der beiden Sängerinnen Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad reifer, tiefer, dunkler. Aber wer darüber hinweghört, hört die Band, die sich Ende 1982 in die Pause verabschiedet hat. Als wäre nichts gewesen.
Dabei hat sich die Popwelt immens weitergedreht, hat sich neue Gesetze gegeben, neue Kanäle gefunden, um die Musik an die Frau und an den Mann zu bringen: Streaming heißt heute das, was zu Abbas Zeiten mal ein Schallplattenladen war. Und sicher wird eine spannende Frage sein, wie das schwedische Quartett heute den Weg zu seinen Hörern findet: Ganz klassisch auf Tonträger, als CD oder als Vinyl-LP? Oder geht Abba den Weg allen Pops und wartet bei Spotify und Co. darauf, gestreamt zu werden?
Fest steht: Die Regeln der Streamingdienste unterläuft „Abba Voyage“ konsequent. Warum sollten sie sich auch den Konventionen des heutigen Musikmarktes unterwerfen? Eine der wichtigsten Merkmale des neuen Albums ist: Die Band ist sich treu geblieben. Sie pflegen ihren Hang zum Epischen, ihre Gabe, allein mit der Musik Geschichten zu erzählen, ihre Kreativität, ihren Sound.
Deshalb klingen die zehn Songs auf „Voyage“ wie eine Reise durch das Abba-Kosmos: Die Blockflöten in „Bumble Bee“ klingen nach „Fernando“, der Shuffle-Groove von „Just A Notion“ erinnert an „Waterloo“, und manchmal scheinen in den neuen Songs Weichen verlegt, die es erlauben, in die alten Hits einzubiegen - von „Don’t Shut Me Down“ zu „Thank You For The Music“, vom instrumentalen Zwischenspiel in „Keep An Eye On Dan“ zu „Voulez-Vous“. Alter Wein also in alten Schläuchen?
Wenn man so will: Ja. Die neuen Songs lehnen sich eng an die alten an, und wie es die Band immer kennzeichnend hat, klingt auf „Voyage“ kein Song wie der andere und doch alle unverkennbar nach Abba. Die beiden Herren des Quartetts, Benny Andersson und Björn Ulvaeus, haben sich über die vierzig Jahre ihren musikalischen Einfallsreichtum bewahrt; deshalb nehmen die Songs oft überraschende Wendungen. „I Can Be That Woman“ baut sich nach allen Regeln der Balladenkunst auf und legt im Refrain die Nachdenklichkeit zugunsten eines markanten Selbstbewusstseins ab, „Just A Notion“ kommt wie ein Boogie daher, greift aber harmonisch weit über das gängige Drei-Akkorde-Schema hinaus, und der letzte Song, „Ode To Freedom“ pflegt die lang ausgesponnene Melodie, als wäre es ein romantische Oper.
All das fügt sich aber so sanft ineinander, dass nichts die Harmonie des Abba-Kosmos gefährdet. Dafür wurde Abba in seinen großen Erfolgszeiten von den einen vergöttert, von den andern als zu glatt verdammt. Und mit „Voyage“ werden sich beide Lager trefflich bestätigt sehen: Abba 2021, das ist wie Abba 1981. Einige werden „Voyage“ hassen, wie sie Abba schon immer gehasst haben, den Fans von damals wird das Herz auf gehen - und nach einer Dreiviertelstunde bluten. Denn dann war’s das schon mit dem neuen Abba-Album: Es passt ziemlich genau auf eine Vinyl-Langspielplatte. Wie damals.