Brüssel
Klimaschutz geht anders: Von der Leyen fliegt 50 Kilometer im Privatjet
Weniger als 20 Minuten in der Luft: EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen legte im Sommer eine Kurzstrecke im Privatflieger zurück. Das passt nicht zu ihrer Vorbildrolle, sagen Kritiker.
Ursula von der Leyen, Chefin der EU-Kommission, möchte Europa zum weltweiten Vorreiter für Klimaschutz machen. Bis 2050 soll die EU CO2-neutral wirtschaften. Entgegen dieser angezielten Vorbildrolle wählt sie für Dienstreisen jedoch häufig ein Fortbewegungsmittel mit verheerender Umweltbilanz: den Privatjet.
Wie der britische „Telegraph“ analysierte, reiste die frühere CDU-Spitzenpolitikerin - seit sie Ende 2019 ins Brüsseler Amt kam - zu 18 von 34 offiziellen Terminen mit einem eigens gecharterten Flugzeug. Sogar die 50-Kilometer-Strecke von Wien nach Bratislava (Slowakei) flog sie. Damals besuchte sie mehrere europäische Hauptstädte, um die Corona-Rettungspakete abzuzeichnen. Auch die 329 Kilometer von Lissabon nach Madrid jettete die 63-Jährige, statt den Zug zu nehmen.
Ein Beamter aus der EU-Kommission sagte der Zeitung dazu, auf kommerzielle Fluglinien auszuweichen, sei mit den Terminen „nicht vereinbar“ gewesen.
„Viele Flüge, gerade in Europa, könnten leicht durch Zugfahren ersetzt werden, die eine weit verfügbare und klimafreundlichere Alternative sind“, sagt eine Greenpeace-Sprecher. Die CDU-Abgeordnete Jana Schimke sagte über von der Leyen gegenüber „Bild“: „Wenn man Wandel will, dann muss man ihn auch vorleben. Ansonsten wird man unglaubwürdig.“ Der Europäische Steuerzahlerbund verweist darauf, dass Kurzstreckenflüge viel Steuergeld und Glaubwürdigkeit kosteten.
Auch der britische Premierminister Boris Johnson steht in der Kritik. Am Dienstag hatte der konservative Politiker noch den versammelten Staats- und Regierungschefs beim COP26 in Glasgow gehörig ins Gewissen geredet, beim Kampf gegen den Klimawandel den Worten Taten folgen zu lassen.
Johnson in der Kritik: „Atemberaubende Heuchelei“
Einem Bericht des „Daily Mirror“ zufolge setzte sich Johnson daraufhin in einen Privatjet und flog zu einem Dinner in einem exklusiven Club in London, dessen Mitgliedschaft nur Männern vorbehalten ist. Er soll dort den früheren Chefredakteur des „Daily Telegraph“ und bekennenden Klimaskeptiker Charles Moore getroffen haben. „Das ist atemberaubende Heuchelei vom Premierminister“, sagte Anneliese Dodds von der oppositionellen Labour-Partei dem „Mirror“.
Ein Regierungssprecher hatte die Reisepläne Johnsons mit dem Flugzeug noch am Montag damit gerechtfertigt, der Premier müsse in der Lage sein, mit erheblichem Zeitdruck zurechtzukommen. In einer Mitteilung am Donnerstag hieß es, Johnson habe eines der CO2-effizientesten Flugzeuge seiner Größe in der Welt genutzt - mit dem nachhaltigsten Kraftstoff. Großbritannien werde alle CO2-Emmissionen, die mit dem Klimagipfel in Verbindung stünden, neutralisieren, so die Mitteilung weiter.
CO2-Emissionen: So umweltschädlich sind Privatjets
Damit passen von der Leyen und Johnson in den Trend: Privatflüge boomen. Auch, weil es in den meisten EU-Staaten keine Kerosinsteuer für sie gibt. Dabei ist die Luftverpestung von 2005 bis 2019 durch Privatjets in Europa um rund ein Drittel gestiegen, berichtet die NGO Transport & Environment. Businessjets emittieren auf die Passagiere gerechnet zehn Mal mehr CO2 als übliche Flugzeuge. Zudem sei ein Flug fünfzigmal umweltschädlicher als eine Reise mit der Bahn.
Die Experten empfehlen den europäischen Regierungen, Privatflüge unter 1000 Kilometer künftig nur noch mit grünem Treibstoff betankten Flugzeugen zuzulassen und Flüge zu verbieten, wenn ein alternatives Reisemittel in weniger als 2,5 Stunden ans Ziel führt.
mit dpa-Material