Mobilität
Zu wenige Neuwagen: Lange Wartezeiten und hohe Preise für Autokäufer
Die Probleme bei der Produktion treiben die Preise für Autos in die Höhe. Selbst Gebrauchtwagen sind betroffen. Eine schnelle Trendwende ist nicht in Sicht.
Ostfriesland/Berlin - Wer ein neues Auto kauft, muss immer länger darauf warten. „Je nach Fabrikat und Modell hat sich die Lieferzeit bei einem Großteil auf drei bis sechs Monate eingependelt“, sagt Marcus Weller, Marktexperte beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Bei manchen Premiummodellen müssten Kunden sogar neun Monate bis ein Jahr lang warten, bis sie den Wagen in Empfang nehmen können.
Hintergrund sind vor allem die Lieferengpässe bei wichtigen Bauteilen, darunter Halbleiter. Hersteller drosseln deshalb die Produktion. Stefan Reindl, Leiter des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft, sagt voraus: „Die Problematik langer Lieferzeiten könnte sich im Herbst bis weit ins Frühjahr 2022 verschärfen.“ Die Folge: Rabatte werden seltener, auch die Gebrauchtwagenpreise ziehen an.
Preise steigen rasant
Martin Becker, Verkaufsleiter im Autohaus Gebr. Schwarte in Emden, bestätigt die Entwicklung: „Wir haben längere Lieferzeiten als üblich.“ Wie lange ein Kunde auf ein Modell warte, hinge aber auch immer mit der gewünschten Ausstattung zusammen. „Momentan gibt es aber Fahrzeuge, bei denen ich keine Lieferzeit nennen kann“, so Becker. Zudem machten sich die fehlenden Neuwagen auf dem Gebrauchtwagensektor bemerkbar. Denn Kunden, die derzeit auf ihr neues Auto warten müssen, könnten ihr altes Fahrzeug noch nicht in Zahlung geben.
Das Ausweichen auf einen Gebrauchtwagen kann für Verbraucher derzeit teuer werden. Die Preise zogen in einigen Segmenten zuletzt noch stärker an als bei neuen Autos. Nach Angaben des ADAC kostete ein Gebrauchtwagen in Niedersachsen im September durchschnittlich 11,6 Prozent mehr als noch Anfang des Jahres. „Gerade für Autos, die im Trend liegen – etwa für E-Autos – müssen Autofahrer aktuell tiefer in die Tasche greifen“, sagt Alexandra Kruse, Sprecherin des ADAC-Regionalclubs Niedersachsen. Ein durchschnittlicher Gebrauchtwagen sei demnach heute bereits 3500 Euro teurer als noch vor einem Jahr.
Keine Entspannung in Sicht
Diesen Trend erkennt auch Lars Windmüller, Verkaufsleiter bei Janssen Automobile. Das Unternehmen betreibt mehrere Autohäuser in Ostfriesland. „Viele Marken haben aktuell Probleme, Neuwagen zu beschaffen“, sagt er. Bei manchen Elektro-Modellen werde bereits offen über Lieferzeiten von bis zu einem Jahr gesprochen. Für den Gebrauchtwagenmarkt sei insbesondere kritisch, dass wegen der aktuellen Produktionsprobleme viele Firmenwagen nicht durch neue Autos ersetzt würden. „Stattdessen werden die Leasing-Verträge verlängert und weniger gebrauchte Autos kommen auf den Markt“, so Windmüller. „Das ist ein Teufelskreis.“ Das Problem werde auch in Ostfriesland immer sichtbarer. „Die Höfe der Gebrauchtwagenhändler leeren sich“, sagt Windmüller, der nicht an eine schnelle Trendwende glaubt. „Das Thema wird uns noch begleiten“, vermutet er.
Eine Entspannung auf den Zuliefermärkten sei in den kommenden Monaten nicht in Sicht, sagt auch Stefan Bratzel, Leiter des Centers of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. „Dies könnte zu einer ruinösen Spirale in der Automobilwirtschaft führen.“ Im Oktober wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt knapp 180.000 Autos neu zugelassen – 35 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Hersteller sprechen von einer regelrechten Talfahrt.
Kurzarbeit bei den Herstellern
„Der Bestand bei den Händlern ist ziemlich reduziert“, sagt Marktexperte Weller. Fanden Kunden früher ihr Wunschmodell nicht direkt beim Händler, sei es kurzfristig aus Lagern des Herstellers lieferbar gewesen. Das sei nun schwieriger. Wer bei der Marke flexibel sei, komme aber unter Umständen schneller an seinen Neuwagen.
In der Produktion fallen aufgrund des Teilemangels Schichten aus – auch bei Volkswagen in Emden wird in den kommenden Wochen jeweils nur an drei Tagen gearbeitet. Gleichzeitig steigen die Autopreise, denn zusätzlich zur Verknappung des Angebots werden Rabatte gekürzt. Die Hersteller reservieren diejenigen Chip-Chargen, die sie bekommen können, zunächst oft für höherpreisige Modelle.
Mit Material von DPA