Pandemie in Ostfriesland
Corona-Fälle bei Kindern bis sechs Jahren versechsfacht
Bei kleinen Kindern in Ostfriesland sind in diesem Herbst viel mehr Corona-Infektionen festgestellt worden als im vergangenen Jahr. Wie schätzt der Obmann der Kinderärzte die Entwicklung ein?
Ostfriesland - Wie hat sich das Corona-Infektionsgeschehen seit den Sommerferien in ostfriesischen Kindertagesstätten entwickelt? Im Landkreis Wittmund sind nach Informationen von Gesundheitsamts-Leiter Peter Elster zehn Ansteckungen in diesem Bereich festgestellt worden. Aus Emden berichtet Stadtrat Volker Grendel von sechs Infektionen und 23 Quarantänemaßnahmen. Die Auricher Kreisverwaltung hat in acht Kindertagesstätten Corona-Fälle registriert: „Es wurde auch für Gruppen gegebenenfalls eine Quarantäne angeordnet.“ Die Leeraner Kreisverwaltung führt keine Statistik, aus der die Infektionen in Kindertagesstätten hervorgehen würden.
Aber das Robert-Koch-Institut (RKI) führt eine Statistik, in der die Neuinfektionen erfasst sind, welche die Gesundheitsämter aus Aurich, Emden, Leer und Wittmund melden. Betrachtet man dort die Gruppe im vorschulischen Alter – also Kinder zwischen null und sechs Jahren – so lässt sich folgendes feststellen: Seit den diesjährigen Sommerferien – es geht um Kalenderwoche 35 bis 43 – sind 128 Corona-Fälle registriert worden. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 21 Fälle. Das entspricht rechnerisch einer Steigerung von knapp 510 Prozent.
Was ostfriesische Kinderärzte in ihrem Arbeitsalltag feststellen
Wie schlägt sich das bei den Kinderärzten nieder? Unsere Zeitung hat Götz Gnielka aus der Emder Praxis am Kattewall gefragt, der zudem Obmann des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte für Ostfriesland und Papenburg ist. „Bei uns in der Praxis haben wir eine relativ geringe Last mit Corona-Infektionen“, berichtet er – und das decke sich mit dem, was er von Kollegen aus anderen Praxen gehört habe. Es sei auch keine Zunahme von schweren Fällen durch die Delta-Variante des Corona-Virus feststellbar. Dass im Unterschied zum vergangenen Herbst in der Praxis viel zu tun sei, liege an Standard-Infektionen – zum Beispiel mit dem RS-Virus. Die Rede ist von Erkältungskrankheiten.
Gnielka geht davon aus, dass die gestiegenen Corona-Zahlen bei Kindern zu einem großen Teil aus der aktuellen Test-Häufigkeit resultieren. In der ersten Schulwoche nach den Herbstferien würden beispielsweise alle Schulkinder wieder täglich getestet. Zur Erinnerung: Corona-Schnelltests wurden erst im Laufe des vergangenen Herbst in Deutschland eingeführt – zunächst in Pflegeheimen, nicht an Schulen.
Was sich seit dem Herbst des vergangenen Jahres geändert hat
Der Emder Kinderarzt hat den Eindruck, dass der Umgang mit Corona-Infektionen gelassener geworden ist. Eltern von infizierten Kindern, die keine Krankheitssymptome hätten, kämen mit ihnen nicht mehr unbedingt in die Arztpraxis. Es sei denn, sie benötigen noch einen PCR-Test zur Überprüfung eines Antigen-Tests. Den Anstieg im Bereich der symptomlosen Infektionen kann Gnielka folglich nicht abschätzen.
Was hat sich außer der Test-Häufigkeit im Vergleich zum Herbst des vergangenen Jahres noch geändert? Mit der Delta-Variante beherrscht eine Virus-Mutante das Corona-Infektionsgeschehen in Deutschland, die als ansteckender gilt als die Vorgänger-Varianten. Und es gibt nicht mehr so strenge Kontaktbeschränkungen. Beides sind Faktoren, die zu einem Anstieg der Infektionen beitragen können – insbesondere in der gänzlich ungeimpften Bevölkerungsgruppe unter zwölf Jahren.
Wie entwickelt sich das Infektionsgeschehen in den Altersgruppen?
Vergleicht man den 510-prozentigen Anstieg der Corona-Infektionen bei den Null- bis Sechsjährigen mit der Entwicklung in der Altersgruppe von 20 bis 26 Jahren, so ist in letzterer – wiederum in der 35. bis 43. Kalenderwoche in Ostfriesland – „nur“ ein 180-prozentiger Anstieg zu verzeichnen und bei den 30- bis 36-Jährigen eine Zunahme der Corona-Fälle um knapp 256 Prozent.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) schrieb in seinem jüngsten Wochenbericht: „In allen Altersgruppen zwischen 5 und 19 Jahren lag die 7-Tage-Inzidenz nun bei über 170 pro 100.000 Einwohnern; bei den Zehn- bis 14-Jährigen lag sie über 200 pro 100.000 Einwohnern.“ Von der zweiten Corona-Welle, im vergangenen Winter, seien vor allem die Hochaltrigen ab 80 Jahren betroffen gewesen. In der dritten Welle, im Frühjahr, ist laut RKI „eine höhere Inzidenz insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen zu beobachten“ gewesen. „Mit dem erneuten deutlichen Anstieg der Inzidenz etwa ab der 30. Kalenderwoche 2021 zeigte sich eine weitere Verlagerung der Infektionen in jüngere Altersgruppen“, so das Institut. Seit der 41. Kalenderwoche, also der zweiten Oktoberwoche, „steigen die 7-Tage-Inzidenzen in allen Altersgruppen an“. Von der Meldewoche 41 zur Meldewoche 42 habe die Gesamtinzidenz um 48 Prozent zugenommen.