Osnabrück
1970: Als in Osnabrück „Squid Games“ stattfanden
Die südkoreanische Webserie „Squid Games“ ist gegenwärtig ein Riesenerfolg - und das global. Sie ist aber nicht ohne Vorbilder. Eines wurde sogar in Osnabrück gedreht.
Mit über 111 Millionen Abrufen gleich am Start erweist sich die südkoreanische Netflix-Serie „Squid Game“ als globales Phänomen. Kritiker und Publikum sind sich einig: Die Serie ist aufregend und innovativ. Aber es gibt auch Bedenken: Denn die Serie ist brutal, Jugendschützer sehen negative Effekte. Viele Jugendliche spielen Szenen nach, auch die in der Serie auftauchende Kostümen sind nicht nur zu Hallowen ein Verkaufsschlager. Wird hier zur Gewalt aufgerufen?
Dabei hat „Squid Game“ das Genre nicht neu erfunden. Denn die Jagd auf und das Töten von Menschen ist schon seit Jahrzehnten oft gezeigt wurden. Ein wichtiger Beitrag zur Gattung der „Menschenjagd“-Filme entstand sogar im beschaulichen Osnabrück.
(Weiterlesen: In diesen Filmen spielt Osnabrück eine Rolle)
Eines der frühesten Beispiele für diese Spielart war ein Nebenprodukt von „King Kong“ (1932). Damals drehte das Team des Monsterklassikers in den Drehpausen „Graf Zaroff - Genie des Bösen“. Darin macht ein russischer Adeliger mit Pfeil, Bogen und Bluthunden auf einen schiffbrüchigen Seemann (Joel McCrea) sowie Fay Wray Jagd.
Zur Blüte kam das Genre aber vor allem ab 1966, als der Italiener Elio Petri mit „Das zehnte Opfer“ eine Story des Amerikaners Robert Sheckley verfilmte. In naher Zukunft werden darin für eine TV-Show Menschen gejagt. Dem Sieger winken Ehre und Preisgeld. Einer der Gejagten ist dabei Marcello Mastroianni (wohnhaft in der „Fellinistraße 8 ½“) , während Bond-Girl Ursula Andress ihn „erledigen“ soll. Zu dumm nur, dass sich beide ineinander verlieben. Dabei erwies sich „Das zehnte Opfer“ mit seinen stilisierten Szenen als eine wunderbare Sixties-Pop-Art-Parodie.
In die gleiche Kerbe schlug auch „Das Millionenspiel“ (1970), ebenfalls nach einer (jedoch anderen) Kurzgeschichte Sheckleys. Darin machen mehrere Killer (darunter Dieter Hallervorden) vor laufenden TV-Kameras Jagd auf einen Kandidaten. Als Showmaster agiert hier übrigens Dieter Thomas Heck (als Dieter Thomas Heck), und es gibt sogar eingeblendete TV-Spots. Dabei wurde die WDR-Produktion von Regisseur Tom Toelle und Autor Wolfgang Menge zum großen Teil in der Halle Gartlage in Osnabrück gedreht. Die Ausstrahlung verursachte daraufhin einen Medienskandal, weil sich viele beim Sender meldeten, um sich für die Sendung zu bewerben - vor allem als „Töter“. Realität und Fiktion verschwammen für viele. Bis 2002 verschwand der Film im Giftschrank des WDR. Wenn auch eher aus juristischen Copyright-Gründen.
Erst 1982 wagte sich die französisch-jugoslawische Produktion „Kopfgeld - Preis der Angst“ von Yves Boisset mit Michel Piccoli erneut an den Stoff von Sheckley. Dabei boten die brutalistischen Betonbauten Sarajewos den perfekten futuristischen Hintergrund. Ganz zu Anfang taucht übrigens ein Speditionslaster aus Osnabrück im Bild auf. Wohl aber eher aus Zufall als als Absicht oder Hommage.
Weitere Variationen des Stoffes waren die Stephen King-Verfilmung „The Running Man“ (1987) mit Arnold Schwarzenegger, und die fünfteilige „The Purge“-Reihe (2013 - 2021), in der es jeweils eine staatlich verordnete Nacht gibt, in der alle Verbrechen ungesühnt bleiben. Die sehr erfolgreichen vier Filmteile zu „Die Tribute von Panem“ mit Jennifer Lawrence“ zeigten ebenfalls eine zukünftige Gesellschaft, in der öffentlich Menschenjagten ausgetragen werden „um den Frieden zu wahren“.
Auch zwei Klassiker des 70er-Jahre Kinos bedienten sich des Themas: in Peter Watkins’ kritischen „Strafpark“ (1971) werden Demonstranten von Polizisten durch die Wüste gejagt, und dabei von Kamerateams begleitet , und in John Boormans Kinohit „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972) werden Burt Reynolds und seine Freunde von Hinterwäldlern bedroht.
In „Die Insel der Verdammten“ (Australien 1982) indes werden Strafgefangene der Willkür ihrer Verfolger ausgesetzt. Letzterer gilt vor allem als Klassiker des Bahnhofskinos. Genau wie Roger Cormans „Frankensteins Todesrennen“ (1975). In Walter Hills Actionfilm „Die letzten Amerikaner“ (1981) werden US-Reservisten bei einer Übung derweil von Cajuns in den Sümpfen Louisianas im Guerillakampf dezimiert. Was klar als Allegorie auf den Vietnamkrieg zu lesen ist.
Doch am meisten hat „The Squid Game“ wohl mit der japanischen „Battle Royale“ (2000, Teil 2: 2003) gemein, wo sich Jugendliche auf einer Insel gegenseitig umbringen müssen, um ein von Regie-/Schauspieler-/TV-Legende Takeshi Kitano gestartetes Spiel zu gewinnen.
Ein Blick in die Filmgeschichte zeigt: „The Squid Game“ ist nicht einzig, und die beschriebenen Filme bestimmt nicht artig. Dennoch: die meisten von ihnen lohnen einen zweiten (bzw. ersten) Blick. Auch ohne „Squid Game“.