Tourismus

Winter am Strand: Camping mit Nervenkitzel

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 02.11.2021 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Jochen Kroll aus Mettmann steht mit seinem Wohnmobil in der ersten Reihe zum Wasser. Foto: Oltmanns
Jochen Kroll aus Mettmann steht mit seinem Wohnmobil in der ersten Reihe zum Wasser. Foto: Oltmanns
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Camping am Strand? Mitten im Winter? Auch dafür gibt es Liebhaber und Angebote. Außendeichs mit Blick auf die Sturmflut sozusagen. Bei der Deichacht ist man nicht begeistert.

Bensersiel/Wittmund - Uwe und Marion Barkholt aus Duisburg sitzen dick eingemummelt vor ihrem neuen Wohnmobil und freuen sich. „Wir wollten unbedingt direkt ans Wasser“, sagt Marion Barkholt. Da sitzen sie jetzt auch: bei Kaffee und Kuchen auf einem Stellplatz unmittelbar am Strand von Bensersiel. Ende Oktober, der kalte Wind lässt den nahen Winter deutlich ahnen. Die Barkholts stört das nicht: „Die Luft ist so gut“, sagen die beiden. Das Paar aus Duisburg steht auf einem der 32 Stellplätze des Campingplatzes Bensersiel. Ebenso wie Jochen Kroll aus Mettmann. Der schon im Sommer hier war, wie er sagt. „Proppenvoll“ sei es da gewesen. Die jetzige Leere gefalle ihm besser.

Was und warum

Darum geht es: um Campingplätze direkt am Meer und die Gefahren durch Sturmfluten

Vor allem interessant für: Camper und Touristiker

Deshalb berichten wir: In Bensersiel wird das erste Mal Wintercamping direkt am Strand angeboten.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Marion und Uwe Barkhof aus Duisburg campen am Stand von Bensersiel. Foto: Oltmanns
Marion und Uwe Barkhof aus Duisburg campen am Stand von Bensersiel. Foto: Oltmanns

Eigentlich ist hier schon alles zu. Der Bensersieler Campingplatz liegt außendeichs, also direkt am Wasser. Und das heißt: Im Winterhalbjahr muss hier stets alles abgebaut und weggeschafft werden. Aus Küstenschutzgründen: Wenn Sturmfluten kommen, darf sich nichts losreißen, wegschwimmen oder sonst wie auf den Weg machen. Der Deich könnte Schaden nehmen. Bensersiel hat allerdings eine Genehmigung des Landkreises bekommen, um seinen Stellplatz für Wohnmobilisten auch über den Winter zu betreiben. Das passiert nun zum ersten Mal.

Die Touristiker

„Wir haben überlegt, wie wir die Nebensaison beleben können“, erklärt Claudia Eilts bei einem Besuch auf dem Stellplatz. Eilts leitet die Esens-Bensersiel Tourismus GmbH und kennt natürlich die stetig wachsenden Zahlen an Wohnmobilen in Deutschland. Der Campingplatz in Bensersiel ist groß: 750 Stellplätze, plus weitere Flächen für Zelte. Allerdings kann er eben auch nur zwischen März/April und Oktober betrieben werden. Bernhard Theesfeld leitet den Campingplatz und berichtet von Gesprächen mit Gästen, die gern auch mal jenseits der Saison kommen möchten: „Viele fragen uns danach.“

Bernhard Theesfeld leitet den Campingplatz in Bensersiel, Claudia Eilts ist Geschäftsführerin der Esens-Bensersiel Tourismus GmbH. Foto: Oltmanns
Bernhard Theesfeld leitet den Campingplatz in Bensersiel, Claudia Eilts ist Geschäftsführerin der Esens-Bensersiel Tourismus GmbH. Foto: Oltmanns

Nun können sie: Am 24. Oktober wurde der Campingplatz geschlossen, am 25. der Winterstellplatz eröffnet. Die ersten acht Wohnmobile hätten da schon Schlange gestanden, sagt Eilts. Erlaubt sind tatsächlich nur Wohnmobile, keine Wohnwagen mit Vorzelten oder Ähnlichem. Denn auch das ist klar: Droht eine Sturmflut, müssen alle sehr schnell verschwinden. Ein großes Schild am Eingang weist auf eine Webseite hin, auf der die Wasserstände täglich selbst überprüft werden sollen. Gefolgt von dem Zusatz, bei einer Meldung von einem Meter über Normalnull sofort wegzufahren. Das sorge bei einigen vielleicht auch für einen gewissen Nervenkitzel, meint Eilts. Zusätzlich, sagt Theesfeld, werde der Platz zweimal am Tag kontrolliert. Ein Risiko wollen die Touristiker jedenfalls nicht eingehen.

Hinweisschild am Eingang zum Wintercampingplatz. Foto: Oltmanns
Hinweisschild am Eingang zum Wintercampingplatz. Foto: Oltmanns

Die Deichschützer

„Begeistert sind wir nicht“, sagt Meinhard Edzards, Geschäftsführer der Deichacht Esens-Harlingerland, und fügt an: „Wir haben das auch ein bisschen unter Beobachtung.“ Edzards Anliegen ist der Schutz des Deiches vor allen Widrigkeiten, Hitze, Teek, Nagetiere, auch vor gedankenlosen Urlaubern. Das Problem mit den Campingplätzen außendeichs erklärt er so: „Je mehr Gegenstände sich im Deichvorland befinden, desto größer ist die Gefahr, dass die Teile treiben und potenziell den Deich beschädigen.“ Gegenstände seien meist eckig, mit scharfen Kanten, erklärt er weiter. Wenn die bei einer Sturmflut beständig gegen den Deich getrieben würden, litten die Grasnarbe und der Bau darunter.

Auf diesen 32 Stellplätzen in Bensersiel können Camper den ganzen Winter direkt am Meer stehen. Foto: Oltmanns
Auf diesen 32 Stellplätzen in Bensersiel können Camper den ganzen Winter direkt am Meer stehen. Foto: Oltmanns

Genehmigt wurde der Winterstellplatz in Bensersiel vom Landkreis Wittmund. Auch dort herrscht deswegen keine pure Freude: „Kein Küstenschützer sieht das gern“, räumt Alfons Coordes von der Unteren Deichbehörde ein. Allerdings sei Camping aber nun mal stark im Trend. Er spricht von einem Spagat zwischen Tourismus und Küstenschutz. Man wolle nun abwarten, wie das funktioniere. Allzu große Bauchschmerzen, dass etwas passieren könnte, habe er aber auch nicht, sagt Coordes. Die Sturmflutvorhersagen seien ja sehr genau. Wie es aussieht, wenn doch etwas schief geht, hat er selbst gesehen: Die Deichschau im November 2006 habe praktisch während der Allerheiligenflut stattgefunden, berichtet er. Unter anderem seien ihnen dabei ein schwimmendes Kassenhäuschen, ein losgerissenes Schiff und ein in den Fluten treibendes Wohnmobil begegnet. Seitdem sei man mit den Regeln deutlich strenger geworden.

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