Soziales
Aus dem Nest gefallen: Pflegeeltern dringend gesucht
Nicht alle Kinder wachsen in einer intakten Familie auf. Manchmal ist es für sie besser, in eine Pflegefamilie zu wechseln. Das stellt den Landkreis Leer jedoch inzwischen vor ein Problem.
Ostfriesland - Nicht alle Kinder wachsen in einer intakten Familie auf. Viele erleben körperliche und psychische Gewalt, werden sexuell missbraucht. In anderen Fällen sind ihre Mütter und Väter gesundheitlich oder emotional nicht in der Lage, sich zu kümmern. Oft sind Alkolhol- und Drogenmissbrauch der Erwachsenen der Grund dafür, dass ein Kind woanders untergebracht werden muss – beispielsweise in einer Pflegefamilie. Davon gibt es in Ostfriesland zu wenige. Das wurde jüngst im Jugendhilfeausschuss des Landkreises Leer in einem Nebensatz erwähnt.
Was und warum
Darum geht es: Zu wenig Menschen sind bereit, sich um ein fremdes, in Not geratenes Kind zu kümmern. Doch wo sollen die Minderjährigen hin, wenn sie in ihrer Familien nicht mehr sicher sind?
Vor allem interessant für: diejenigen, denen das Schicksal benachteiligter Kinder nahe geht, die sich sozial engagieren wollen und für Politiker, die für bessere Rahmenbedingungen sorgen können.
Deshalb berichten wir: Vielerorts haben die Jugendämter Schwierigkeiten, Pflegeeltern für Kinder und Jugendliche zu finden, die nicht mehr zu Hause leben können. Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de
Im Landkreis Leer kümmern sich derzeit 300 Pflegefamilien dauerhaft oder für eine begrenzte Zeit um 370 Kinder und Jugendliche im Alter von null bis 21 Jahre. Für 25 von ihnen muss noch geklärt werden, wie es für sie weitergeht. „Sie leben im Moment in sogenannten Bereitschaftsfamilien“, sagt Kreissprecherin Franziska Bothe. Bereitschaftspflege bedeutet, ein Kind, das sich in einer Notsituation befindet, zu jeder Tages- und Nachtzeit für einen vorübergehenden Zeitraum bei sich aufzunehmen, bis seine weitere Perspektive durch das Amt für Kinder, Jugend und Familie oder durch das Familiengericht geklärt ist. Das könne die Rückführung zu den leiblichen Eltern oder zu einem Elternteil bedeuten oder die Vermittlung in eine Pflegefamilie oder Wohngruppe, so Bothe.
Viele Inobhutnahmen
Das Problem, Pflegeeltern zu finden, erklärt der Landkreis Leer unter anderem damit, dass häufig beide Elternteile berufstätig sind. Außerdem hätten viele großen Respekt vor der Aufgabe. Pflegekinder hätten durch das Erlebte besondere Bedürfnisse, ihr Verhalten sei mitunter herausfordernd. Es gebe viele Gründe, warum sie aus der Herkunftsfamilie genommen werden müssten. Das passiere unter anderem durch die Inobhutnahme. Diese erfolgen aber nicht nur bei einer Kindeswohlgefährdung, sondern auch auf eigenen Wunsch der Minderjährigen. Im Landkreis Leer habe man in diesem Jahr bereits 48 Inobhutnahmen gehabt, 2020 seien es 73 gewesen und 2019 insgesamt 82.
In Emden und Umgebung leben aktuell 118 Mädchen und Jungen in einer Pflegefamilie. Für sieben Kinder und Jugendliche wird noch eine geeignete Betreuungsstelle gesucht. „Bei uns gibt es 50 Pflegefamilien. Die meisten sind in der Stadt ansässig, 16 wohnen in den Landkreisen Aurich und Leer“, sagt Thorsten Poveleit, stellvertretender Leiter des Fachdienstes Sozialer Dienst bei der Stadt. Darüber hinaus gebe es 34 Familien, die aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Kind eine Verwandten- oder Netzwerkpflege ausführten. „Es könnten mehr sein“, so Poveleit.
Geduld und Toleranz gefragt
„Die Anforderungen an Pflegefamilien sind hoch. Die Kinder sind meistens hoch belastet, traumatisiert, schwer vernachlässigt. Wer sich um sie kümmert, braucht Geduld, muss tolerant sein, Empathie haben“, sagt Nevim Krüger. Sie ist die Vorsitzende des Vereins Pfad, des Landesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien in Niedersachsen. Aus ihrer Sicht ist es außerdem wichtig, sich ständig den Bedürfnissen des Kindes entsprechend fortzubilden. Pflegeeltern verfüllten eine sehr verantwortungsvolle und gesellschaftlich wertvolle Aufgabe.
„Leider ist in vielen Jugendämtern das Personal knapp, die öffentlichen Kassen sind leer“, kritisiert Krüger. Die Folge sei ein Mangel an Beratung und Entlastung. Zudem werde das Engagement der Pflegefamilien häufig nicht genug Wert geschätzt. „Ihr Image ist nicht besonders gut. Es gibt Leute, die werfen ihnen vor, nur Kinder aufzunehmen, um sich zu bereichern“, so die Pfad-Vorsitzende. Davon könne jedoch nicht die Rede sein. Die Höhe des Pflegegeldes, das vom Jugendamt ausgezahlt werde, richte sich nach den Empfehlungen des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge und betrage – je nach Alter des Kindes – zwischen 714 und 875 Euro monatlich. Das sei von Kommune zu Kommune allerdings unterschiedlich.
Im Landkreis Wittmund kümmern sich derzeit 87 Pflegefamilien um 129 Mädchen und Jungen. Zudem gebe es 17 Bereitschaftspflegestellen, sagt Kreissprecher Ralf Klöker. Bei ihnen seien noch fünf Plätze frei. 15 Familien hätten Kapazitäten, ein Kind dauerhaft bei sich aufzunehmen. „Glücklicherweise haben wir einige neue Pflegefamilien hinzugewonnen“, so Klöker. Weitere Interessenten könnten sich an den Pflegekinderdienst des Landkreises wenden. Zu erreichen sei der per E-Mail unter anderen an brigitte.adams@lk.wittmund.de oder linda.eden@lk.wittmund.de.