Osnabrück
Nach zig Wolfsangriffen: Schäfer Krogmann gibt Traumberuf auf
Immer mehr Wölfe, immer mehr tote Schafe: Schäfer Kay Krogmann aus Niedersachsen sagt, er kann nicht mehr. Deswegen steigt er jetzt aus seinem Traumberuf aus.
Kay Krogmann ist nicht der Typ, der schnell klein bei gibt. Monatelang hat der Schäfer gekämpft für seine Schafe und für sich. Aber jetzt ist Schluss. Den Kampf gegen den Wolf konnte er nicht gewinnen. Krogmann hat kapituliert. Am Sonntag hat er seine Herde noch einmal durchgezählt: exakt 624 Mutterschafe.
Die Tiere wechseln den Besitzer. Krogmann macht Schluss mit der Beweidung der Deiche bei Cuxhaven, seinem Traumjob wie er sagt. Er wurde zu seinem Albtraum: Wölfe haben gut 100 seiner Schafe in den vergangenen Monaten und Jahren gerissen. Fehlgeburten zählt Krogmann mit in seine persönliche Statistik des Grauens. Die Bilder dazu haben sich bei ihm eingebrannt. (Weiterlesen: Das Schreien der Schafe: Wie der Wolf einen Schäfer in die Knie zwingt)
Zuletzt musste er im Juli ein totes Schaf von einer Weide holen. Das Tier hatte eine tiefe Wunde am Hals. Mit weitaufgerissenen, blutunterlaufenen Augen lag es da. Im Sand neben dem Kadaver Pfotenabdrücke, die auf den Wolf als Täter hinwiesen.
Ob es wirklich ein Raubtier war oder doch ein Hund? DNA wurde nicht gefunden. Krogmann wollte sich hier nach eigener Aussage auch nicht weiter verkämpfen. Die mögliche Entschädigung für den mutmaßlichen Wolfsriss war ihm egal.
Schon damals stand sein Entschluss fest aufzuhören. Krogmann kann und will nicht mehr. „Mir fehlt die Kraft“, sagt der 41-Jährige. Er musste sich psychologische Hilfe suchen, um mit der Situation klar zu kommen.
Fast 4000 getötete Nutztiere
Krogmann ist nicht allein mit seinen Problemen, viele Schäfer sind betroffen. Fast 4000 Nutztiere sind im vergangenen Jahr von Wölfen gerissen worden. Meistens waren es Schafe. In Einzelfällen aber auch Rinder, Pferde oder Alpakas. 2019 waren es noch gut 1000 Nutztiere weniger.
Die größten Probleme verzeichnet Niedersachsen, das Heimtatbundesland von Schäfer Krogmann. Hier weiden viele Schafe entlang der Deiche. Sie sind mit Zäunen kaum zu schützen. Der Wolf findet seinen Weg zur Beute.
Die Raubtiere breiten sich dabei immer weiter in Deutschland aus. 128 Rudel meldete die zuständige Dokumentationsstelle vergangenes Jahr. Die Veröffentlichung aktueller Zahlen steht noch aus.
Aber der Blick nach Niedersachsen zeigt, was bundesweit zu erwarten ist: Hier wurden vergangenes Jahr noch 26 Rudel für das bundesweite Monitoring gemeldet. Mittlerweile zählt die Jägerschaft in Niedersachsen aber bereits 38 Rudel. Ein Rudel besteht in der Regel aus sechs bis acht Tieren.
In immer mehr Bundesländern kommt es mittlerweile zu Konflikten zwischen Tierhaltung und Raubtieren. Aber Lösungen sind nicht in Sicht. Der Abschuss von Wölfen steht unter Strafe, weil sie strenggeschützt sind. Bleibt das so? Aller Voraussicht nach. Im Sondierungspapier der künftigen möglichen Ampelregierung von SPD, Grünen und FDP kommt das Raubtier mit keinem Wort vor.
Schäfer Krogmann hat in den zurückliegenden Jahren mit vielen Politikern über seine Probleme am Deich gesprochen und für Verständnis geworben. Er fühlte sich nicht gehört und alleingelassen mit dem Wolf.
Jetzt, wo er für sich entschieden hat, aufzugeben, liegt er abends oft wach, erzählt er. Immer wieder sei da diese eine Frage im Kopf: „Hätte ich mehr kämpfen müssen?“ Krogmann hadert immer noch.
Was jetzt kommt? „Mit 41 Jahren fange ich jetzt noch einmal von vorne an.“ In einem ganz anderen Beruf, fernab vom Deich bei Cuxhaven und möglichst weit weg vom Wolf. Seine Schafe, die Herde, die er gemeinsam mit seinem Vater aufgebaut hat, wird jemand anders hüten. Ein Zurück gibt es für Krogmann nicht. „Nie wieder Schafe“, sagt der, für den Schäfer der Traumberuf war.