Kriminalität

Zwei Betroffene berichten: „K.-o.-Tropfen sind alles andere als ein Spaß“

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 29.10.2021 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
K.-o.-Tropfen in Diskotheken gibt es schon länger. Neu ist allerdings, dass sie nicht mehr nur in Getränke gemischt werden. Foto: Seybert/Fotolia
K.-o.-Tropfen in Diskotheken gibt es schon länger. Neu ist allerdings, dass sie nicht mehr nur in Getränke gemischt werden. Foto: Seybert/Fotolia
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Bisher kennt man das, wenn überhaupt, nur aus anderen Ländern: K.-o.-Tropfen, die per Spritze verabreicht werden. Jetzt gibt es einen solchen Fall auch in Leer. Zwei Betroffene berichten.

Leer - Für eine Gruppe junger Frauen zwischen 18 und 21 Jahren endet ein Disco-Besuch am vergangenen Wochenende traumatisch. Noch bevor der Abend für sie richtig angefangen hat. Ihnen wurden offenbar K.-o.-Tropfen gegeben. Nicht über ein Getränk, wie man das schon oft gehört hat, sondern per Injektion. Dieses Vorgehen kennt man bisher nur aus dem Ausland, beispielsweise aus Großbritannien, Holland und der Schweiz. Jetzt scheint es auch in Leer einen solchen Fall zu geben. Zwei der Betroffenen erzählen. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt, sollen hier aber nicht genannt werden.

In Leer sind mehreren jungen Frauen vor einer Diskothek K.-o.-Tropfen gespritzt worden. Foto: Zahn/dpa
In Leer sind mehreren jungen Frauen vor einer Diskothek K.-o.-Tropfen gespritzt worden. Foto: Zahn/dpa

Redaktion: Wie geht es Ihnen heute, sechs Tage nach dem Vorfall?

Betroffene 1: Mittlerweile wieder einigermaßen gut.

Betroffene 2: Gestern war der erste Tag, an dem es mir wieder ganz gut ging.

Redaktion: Körperlich und seelisch?

Betroffene 1: Körperlich und seelisch im Zusammenspiel würde ich sagen.

Redaktion: Mögen Sie erzählen, was passiert ist?

Betroffene 2: Wir wollten am Samstagabend als Mädchengruppe in die Disko gehen und haben uns vorher getroffen und schon etwas getrunken.

Redaktion: Waren Sie betrunken?

Betroffene 1: Wir waren bestimmt angetrunken, aber sicher nicht ansatzweise so sehr, dass das erklären könnte, was dann passiert ist.

Redaktion: Waren Drogen im Spiel?

Betroffene 2: Wir haben mit Drogen überhaupt nichts zu tun und auch an dem Abend nichts genommen. Im Krankenhaus ist später auch ein Drogentest gemacht worden, der bei uns allen negativ war.

Redaktion: Wie ging es weiter?

Betroffene 1: Wir sind mit dem Taxi zur Disko gefahren und nach der Ankunft, und dem Warten am Einlass beginnt bei mir der Blackout mit nur wenigen Erinnerungen. Die erste Erinnerung setzt wieder ein, als wir beide uns auf der Toilette übergeben mussten und ein anderes Mädchen aus unserer Gruppe weinend bei uns stand. Während der ganzen Zeit waren die Toiletten auch das Einzige, was wir vom Clubinneren gesehen haben.

Betroffene 2: Dann wurden wir wohl von der Security rausgetragen, weil wir nicht mehr in der Lage waren, zu laufen. Draußen haben wir zufällig den Freund von einer aus unserer Gruppe und dessen Freund getroffen. Die beiden haben sich um uns gekümmert.

Betroffene 1: Die haben versucht, uns Wasser zu geben, aber das war zwischenzeitig schwierig, weil wir nicht mal mehr sitzen konnten und immer zur Seite gefallen sind.

Betroffene 2: Wir waren komplett reaktionslos, haben anscheinend einfach nur in die Leere geguckt. Wir haben gar nichts mitbekommen und konnten gar nichts machen. Im Krankenwagen haben unsere Pupillen gar nicht reagiert.

Redaktion: Kennen Sie von sich einen solchen Zustand?

Betroffene 1: Nein, überhaupt nicht.

Betroffene 2: Etwas Vergleichbares hatten wir alle noch nie erlebt.

Redaktion: Erinnern Sie sich an Ihre Gefühle? Hatten Sie Angst?

Betroffene 1: Auf jeden Fall haben wir panisch geweint, hat man uns erzählt. Erinnern kann ich mich daran nicht mehr.

Betroffene 2: Ich habe an nichts Bestimmtes gedacht, auch nicht, ob man mir irgendeine Substanz gegeben hat. Ich war einfach nur total fertig. Mein Helfer hat mir auch erzählt, dass mir immer abwechselnd heiß und kalt war. Und ich habe wohl unkontrolliert gezittert und gezuckt und war auch zeitweise bewusstlos.

Betroffene 1: Wir haben alles mitgemacht, was man von uns wollte, zum Beispiel den Mund aufgemacht, wenn unsere Helfer versucht haben, uns Wasser zu geben. In dem Moment war das ja gut, aber es hätte ja auch anders sein können. Wir hätten in dem Moment alles geschluckt, was man uns eingeflößt hätte. Wir konnten uns überhaupt nicht wehren. Das ist natürlich sehr beunruhigend.

Redaktion: Sie sind überzeugt, dass sie die K.-o.-Tropfen in der Schlange vor der Disko bekommen haben und zwar per Injektion.

Betroffene 2: Eine andere Möglichkeit gibt es nicht: Ein Mädchen hat vor der Disko die Gruppe verlassen, weil sie Bekannte getroffen hat. Die hatte nichts. Alle anderen sind betroffen. Wir standen ziemlich eng beieinander, so dass es leicht war, uns alle zu erreichen, und auch zeitlich würde es passen. Wir haben in den letzten Tagen ganz viel recherchiert und gelesen und wissen jetzt, dass die Wirkung nach zehn bis 15 Minuten eintritt.

Betroffene 1: Allerdings wussten wir zuerst noch gar nichts davon, dass die Droge auch per Spritze gegeben werden kann. Das haben meine Eltern von einer befreundeten Ärztin aus Den Haag gehört. Die hat erzählt, dass das in Holland immer öfter passiert. Kurz darauf haben wir einen Spiegel-Artikel gefunden, der davon berichtet, dass auch in Großbritannien Menschen per Injektion mit K.-o.-Tropfen betäubt werden. Wir haben daraufhin unsere Körper nach möglichen Einstichstellen untersucht und bei uns beiden eine gefunden. Nach unseren Recherchen in deutschen und belgischen Artikeln und nach unseren Symptomen scheint es sich um GHB zu handeln.

Betroffene 2: Ich habe meine meiner Ärztin gezeigt, die bestätigt hat, dass es wirklich eine Einstichstelle ist.

Redaktion: Ich versuche mir gerade vorzustellen, was das für ein Gefühl ist, wenn man daran denkt, was alles hätte passieren können.

Betroffene 1: Das ist auch der Gedanke, der mich mit am meisten beschäftigt. Was wäre passiert, wenn sich die falschen Leute um uns gekümmert hätten? Natürlich haben uns sehr viele Leute gesehen, weil wir von der Security nach draußen getragen wurden. In dem Moment haben wir auch viele sehr abfällige Kommentare abbekommen, wir hätten zu viel getrunken. An die können wir uns zum Glück nicht erinnern, aber es wurde uns erzählt. Aber ich glaube, dass niemand von denen genauer hingeschaut hätte, was mit uns passiert. Und sich dann vorzustellen, wir hätten vergewaltigt werden können oder Schlimmeres, ist fürchterlich. Wir konnten ja nichts mehr, wir hätten ja auch irgendwo in den Graben stolpern oder vor ein Auto fallen können. Das hätten wir ja gar nicht mitbekommen.

Betroffene 2: Deshalb sind wir sehr, sehr dankbar, dass sich die richtigen Leute um uns gekümmert haben. Die haben auch unsere Eltern alarmiert und zwei Rettungswagen geholt, mit denen wir ins Krankenhaus gebracht wurden. Und für die war auch klar, dass wir nicht einfach nur betrunken waren. Unsere Reaktion war einfach zu krass. Mich hat wirklich schockiert, dass bei den Drogentests im Krankenhaus gar nicht auf K.-o.-Tropfen getestet wird. Davon bin ich nämlich ausgegangen. Aber meine Mutter hat am Tag danach nachgefragt und da hieß es, das werde nicht gemacht.

Betroffene 1: Was ich richtig schlimm finde, ist, dass man sich vor einem solchen Angriff mit Spritze überhaupt nicht schützen kann. Auf dein Getränk kannst du aufpassen. Aber einen kleinen Einstich, den kriegst du gar nicht mit, selbst wenn du nüchtern bist. Und es kann dir überall passieren: in der Disko, auf dem Weihnachtsmarkt, beim Shoppen – einfach überall.

Betroffene 2: Die Täter haben gar keine Kontrolle darüber, was die Droge beim Einzelnen anrichtet. Das muss klar sein: Sie nehmen auch den Tod ihrer Opfer in Kauf.

Redaktion: Haben Sie das Gefühl, das Erlebte schnell ganz verarbeiten zu können?

Betroffene 1: Das weiß ich noch nicht. Ich bin vor einigen Tagen nachts aufgewacht und hatte einfach nur Angst. Ich habe mir eingebildet, Schritte vor meinem Fenster zu hören und musste dann bei meinen Eltern schlafen. Ich konnte nicht alleine sein. Bei mir kommt noch erschwerend hinzu, dass seit dieser Nacht mein Personalausweis verschwunden ist. Da kommt schnell der Gedanke auf, dass der oder die Täter bei mir auftauchen könnten.

Betroffene 2: Aber es kann ja auch nicht sein, dass wir nicht mehr feiern gehen können. Ich habe das Gefühl, dass es uns hilft, dass wir bei der Polizei waren und dort auch ernst genommen wurden, und auch, dass wir jetzt hier darüber sprechen, auch wenn wir uns wohl auf einige doofe Kommentare einrichten sollten. Die Polizei hat uns angeboten, uns psychologische Hilfe zu vermitteln, wenn wir Probleme haben sollten. Ich hoffe, es wird ohne gehen.

Betroffene 1: Ich finde, es ist wichtig, dass die Leute erfahren, dass es so etwas gibt. Wir müssen aufmerksamer werden und auf jeden Fall genauer hinschauen, wenn es jemandem schlecht geht. Nicht jeder, der wankt, ist einfach nur betrunken. Deshalb reicht es nicht, denjenigen mit irgendeiner Begleitung nach draußen zu schaffen.

Betroffene 2: Ich würde mir wünschen, dass in so einem Fall die Ausweise von der Betroffenen und von der Begleitung kontrolliert und fotografiert würden, bevor beide die Disko verlassen können. Ich glaube, auch die Security muss sich dringend auf die neue Situation einstellen.

Redaktion: Reden Sie mit ihren Freunden darüber, wie man sich gegenseitig schützen kann?

Betroffene 1: Ja, auf jeden Fall. Ich versuche, möglichst vielen Mädchen davon zu erzählen.

Betroffene 2: Die Jungs, denen wir das erzählt haben, sind richtig sauer. Zum einen deshalb, weil sie es schlimm finden, was mit den Mädchen gemacht wird. Aber man darf auch nicht vergessen, dass auch Männer Opfer von K.-o.-Tropfen werden und zwar schon seit Jahren. Die werden dann ausgeraubt. Ich habe auch von Fällen gehört, wo die Drogen nur zum Spaß in Getränke gemischt wurden.

Betroffene 1: Aber K.-o.-Tropfen sind alles andere als ein Spaß.

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