Sylt
Von Norderney bis Rügen: Der Kampf gegen die „Versyltung“
Ein Gespenst geht um an der Küste: Überall droht „Versyltung“. Aber was ist das überhaupt? Und wie ist Lage zwischen Sylt, Norderney und Rügen?
Wer „Versyltung“ googelt, sieht nackte Panik überall. „Rügen auf dem Weg in die Versyltung“, lautet eine Schlagzeile. Aber auch andere Inseln fürchten den gefährlichen Trend: Von Norderney ist die Rede, von Föhr, auch das kleine Baltrum hat vor Jahren schon „ein Zeichen gegen ‚Versyltung‘“ gesetzt. Aber was ist das genau, das alle so fürchten?
Ein Gespenst geht um an der Küste
Weite Dünen, rauschende Wellen, feiner Sand und klare Luft: Versyltung kann ja eigentlich nichts Schlechtes sein. Ein bißchen mehr Sylt würde man so manchem Küstenort wünschen, doch so einfach ist es nicht. „Versyltung“ ist das Schreckgespenst vieler Inseln und Orte an Nord- und Ostsee.
Quadratmeterpreise von 14.000 Euro für eine Eigentumswohnung, Zweitwohnungen, die die meiste Zeit im Jahr leerstehen und gleichzeitig Einheimische, die sich die Preise vor Ort nicht mehr leisten können - das ist, grob umrissen, „Versyltung“. Während Deutschlands nördlichste Insel dieses Problem schon länger kennt, ziehen andere Inseln und Küstenorte nach: Auch auf Norderney sind die Immobilienpreise zuletzt stark angestiegen, aber auch Ostseebadeorte an der Lübecker Bucht wie Scharbeutz und Timmendorfer Strand sind mit dem Phänomen konfrontiert.
Arbeitskräfte fehlen
Dabei ist die Verdrängung einheimischer Bewohner nicht nur ein individuelles Problem: Wenn sich niemand mehr in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert oder sich aktiv am kommunalen Leben beteiligt, hat die Verdrängung Folgen für das bürgerschaftliche Engagement vor Ort. Und: Den Gastgebern fehlen schlicht die Arbeitskräfte. Irgendjemand muss den Touristen ja das Essen kochen, die Teller spülen, die Hotelwäsche waschen und die Zimmer putzen. Wenn eher schlecht bezahlte Jobs auf teuren Wohnraum treffen, wird die Fachkräftegewinnung schwierig.
Inseln wie Rügen haben das in der Corona-Pandemie nochmals deutlicher zu spüren bekommen: Hier wie auch sonst in der Gastronomie sind normalerweise viele ausländische Arbeitskräfte, etwa aus dem nahen Polen, beschäftigt. Sie durften während der Pandemie nicht einreisen, also verschärfte sich die Lage auf dem Personalmarkt.
Rügen ist nicht Sylt
Dennoch sieht Knut Schäfer, Vorsitzender des Tourismusverband Rügen e.V., seine Insel noch längst nicht auf dem Weg zur „Versyltung“: „Wir sind die größte deutsche Insel“, sagt er. „Stark frequentiert ist vor allem der Südosten, das sind aber nur 15 bis 20 Prozent der Inselfäche. Das ist der Vorteil, dass wir so groß sind.“ Die Preise für Wohnraum sind auch hier gestiegen, allerdings nicht so stark wie etwa auf den kleineren Inseln in der Nordsee.
Aber auch Schäfer räumt ein: „Tourismusakzeptanz ist eines der wichtigsten Themen für die Zukunft.“ Tourismus gehe nur mit den Einheimischen, nicht gegen sie. „Die Besucher machen Urlaub in einer Kulturlandschaft. Und diese Kulturlandschaft beinhaltet den Einwohner“, sagt Schäfer.
Verlängerte Saison
Die Infrastruktur, etwa der Straßen, komme in der Saison an ihre Grenzen. Ein wichtiges Thema nicht nur für Rügen, sondern auch andere Inseln ist daher die Verlängerung der Saison: So verteilt sich der Tourismus besser als in den wenigen vollgepackten Sommermonaten.
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Mit einer kurzen Saison hat etwa die Insel Föhr bislang zu kämpfen: Eine Umfrage auf der Insel hatte zuletzt ergeben, dass viele Einheimische den massenhaften Ansturm von Touristen kritisch sehen. Die Insel sei zu voll.
Zwei Corona-Sommer
Die Küstenorte haben vor allem unter der Corona-Pandemie gelitten. Berichte von übervollen Badeorten, überfüllten Parkplätzen und Müllbergen am Strand gingen im Sommer durch die Nachrichten. Dass das nicht der Normalzustand ist, darauf weist Dirk Erdmann, Dehoga-Vorsitzender des Bezirks Sylt, hin: „Wir können ja Corona nicht zum Maßstab nehmen.“
In den vergangenen beiden Sommern seien viele Menschen nicht wie gewohnt ins Ausland gefahren, sondern in deutsche Feriengebiete. „Wir waren quasi die Ausweichstation“, sagt Erdmann. Das sei im Übrigen nicht nur dem Norden so ergangen, sondern auch den Alpengebieten im Süden.
Dass seine Insel an der Küste mit dem Wort „Versyltung“ als Negativfolie herhalten muss, stört ihn nicht: Sylt polarisiere eben, das wisse man aus Umfragen.
Das sei schon immer so gewesen, auch das ewige Narrativ als „Insel der Reichen und Schönen“ sieht Erdmann nicht bestätigt: „Hier kommen ganz unterschiedliche Gäste her, die einfach die Natur genießen“, sagt er. Was das Image betreffe, kenne Sylt allerdings keine Graustufen: Die einen lieben sie, die anderen rümpfen die Nase. „Früher hätte mich das vielleicht geärgert, heute ist es mir wurscht.“