Osnabrück
Ist die Erde noch zu retten? Das Wichtigste zur UN-Klimakonferenz
Fast 200 Staaten ringen bei der UN-Weltklimakonferenz COP 26 in Glasgow um die Eindämmung der Klimakrise. Steht die Erde vor dem Klimakollaps oder besteht noch Hoffnung? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Schon in den 1970er Jahren sahen Forscher den menschengemachten Klimawandel kommen: Zu viele Treibhausgase in der Luft - vor allem Kohlendioxid und Methan - sorge dafür, dass sich die Erde immer weiter aufheize und zumindest zum Teil unbewohnbar für Menschen werden könnte. Anlässlich der ersten UN-Klimakonferenz im Frühjahr 1995 warnte eine Umweltministerin dann: „Nach wissenschaftlichem Kenntnisstand werden die bestehenden Verpflichtungen das Klimaproblem nicht lösen.“
Die Umweltministerin hieß Angela Merkel. Und ihre damalige Bestandsaufnahme hat auch heute, 25 Klimagipfel später, noch Gültigkeit. Waren all die aufwändigen Klimakonferenzen der vergangenen Jahrzehnte also umsonst? Das ist die Ausgangslage zum am Sonntag beginnenden COP 26 in Glasgow:
Steht der Planet vor dem Klimakollaps oder besteht Hoffnung?
Stand jetzt sieht es nicht gut aus: Selbst wenn alle in der Vergangenheit gefassten Klimapläne umgesetzt werden, steuert die Welt bis zum Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von 2,7 Grad zu; bei den schädlichen Emissionen steht sogar ein Plus von 16 Prozentpunkten im Raum. Eine entsprechende Warnung setzte die UN-Klimaagentur im Vorfeld von COP 26 ab.
Einem Bericht der Weltorganisation für Meteorologie zufolge hat die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre im vergangenen Jahr neue Höchstwerte erreicht. Die Corona-Pandemie habe demnach keinen nachhaltigen Rückgang der Emissionen zur Folge. Der Wirtschaftsabschwung infolge der Pandemie habe zwar vorübergehend die Neuemissionen reduziert, aber keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Menge und die Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre gehabt.
Ist der „Point of no return“ schon erreicht?
Norwegische Klimaforscher sehen so genannte Kipppunkte längst überschritten. Als Hauptgründe nennen sie das immer schneller voranschreitende Schmelzen von arktischem Eis und das Auftauen des stark kohlenstoffhaltigen Permafrostbodens. Der Ausstieg aus den Treibhausgas-Emissionen hätte demnach schon zwischen 1960 und 1970 abgeschlossen sein müssen, um den weltweiten Temperaturanstieg zu stoppen.
Andere Wissenschaftler halten solche düsteren Prognosen für wenig seriös und übertrieben. Schon gar nicht dürften sie als Rechtfertigung dafür dienen, in dem Bemühen nachzulassen, die menschgemachten Treibhausgasemissionen schnellstmöglich zu senken, um die globale Erwärmung in Grenzen zu halten.
Warum geht es nicht wirklich voran?
An ehrgeizigen Zielen mangelt es nicht. Inzwischen streben China, die USA und die EU in ein paar Jahrzehnten sogar Klimaneutralität an; das heißt, die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre soll dann nicht mehr erhöht werden. Auch weite Teile der Weltwirtschaft haben sich dazu verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden.
Tatsächlich aber haben viele Staaten ihre Hausaufgaben bis dato nicht gemacht. Etliche Regierungen haben die nationalen Pläne zum Klimaschutz vernachlässigt oder verschärfen sie nur unzureichend.
Der Ausstieg aus der fossilen Energiegewinnung durch Kohle, Öl und Gas wurde ebenso verschleppt wie der klimafreundliche Umbau von Verkehr und Landwirtschaft. Daher bleibt nach Ansicht der allermeisten Experten das 2015 im Pariser Klimaabkommen von der internationalen Gemeinschaft formulierte Ziel, die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, weiter Wunschdenken.
Um das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen, müssten die globalen Emissionen bis 2030 um 55 Prozent sinken. Mit den derzeitigen nationalen Klimaschutzplänen lasse sich der Treibhausgasausstoß bis 2030 aber nur um 7,5 Prozent reduzieren, heißt es in einem Bericht des UN-Umweltprogramms (Unep) zum Glasgow-Gipfel.
Was sind die Folgen der Erderwärmung?
Die Folgen einer solchen Entwicklung wären fatal: Die Meere stiegen an, ganze Landstriche würden verschwinden, es käme zu deutlich mehr Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und Waldbränden. Extremwetterlagen, wie wir sie seit einigen Jahren weltweit und auch in Deutschland sehen, geben darauf einen Vorgeschmack.
Hunderten Millionen Menschen drohen Existenznöte. Schon heute leiden von den 35 am stärksten vom Klimawandel bedrohten Ländern 27 unter extremer Ernährungsunsicherheit. Der Klimawandel, so scheint es, programmiert vor allem in den ärmeren Regionen der Erde menschliches Elend und neue Migrationsbewegungen. Die Exekutivdirektorin der UN-Umweltagentur, Inger Andersen, warnt „Die Welt muss aufwachen und sich der drohenden Gefahr bewusst werden, der wir als Spezies gegenüberstehen“.
Bietet Atomkraft einen Ausweg aus der Klimakise?
Je schwieriger es wird, die Klimaziele zu erreichen, umso stärker rückt die Atomkraft zur Energiegewinnung wieder in den Fokus, um die CO2-Bilanz in der Energieversorgung zu verbessern. Die Kernkraft liegt beim CO2-Ausstoß pro erzeugter Kilowattstunde Strom deutlich hinter Kohle und Gas. Weltweit setzen deshalb viele Staaten auf den Ausbau der Kernenergie, in Europa sind es vor allem die Franzosen.
Unumstritten ist das nicht. Während die einen in der Kernkraft das Potential sehen, den Übergang in ein dekarbonisiertes Zeitalter wirtschaftlich zu managen, warnen andere vor den Gefahren. Zudem ist die Entsorgungsfrage für den radioaktiven Müll nach wie vor ungelöst.
Das könnte Sie auch interessieren: