Umwelt
Schadstoffe aus Delfzijl: Hoffen auf verschärfte Regelungen
Die Niedersächssiche Landesregierung sieht keine Belastung durch krebserregende Stoffe in Ostfriesland aufgrund der Produktion von Siliziumkarbid in den Niederlanden. Kritiker sehen das anders.
Delfzijl/Ostfriesland - Delfzijl und kein Ende: Nachdem die Bürgerinitiative „Saubere Luft Ostfriesland“ jüngst einen gerichtlichen Erfolg gegen die dortige Müllverbrennungsanlage errungen hat, melden sich nun die Grünen aus dem Niedersächsischen Landtag zu Wort. Dieses Mal geht es aber um Siliziumkarbidfasern.
Was und warum
Darum geht es: Die Datenlage zur Belastung von aus Delfzijl herüberwehenden Siliziumcarbidfasern in Ostfriesland ist weiter dünn.
Vor allem interessant für: Diejenigen, die sich für Umweltschutz, Schadstoffbelastungen und die Entwicklungen rund um die verschiedenen Anlagen in Delfzijl interessieren.
Deshalb berichten wir: Die Grünen-Landtagsabgeordneten Meta Janssen-Kucz und Imke Byl hatten eine Anfrage an die Landesregierung gestellt. Die Antworten liegen nun vor. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Der Hintergrund: Die Firma ESD-SiC produziert in Delfzijl in direkter Nähe zur Küste Siliziumkarbid (SiC), ein Stoff, der als krebserregend eingestuft ist. Die Herstellung an sich ist dabei nicht so das Problem, sondern die immer wieder auftretenden „Blazer“. Dabei handelt es sich um kleine Explosionen, die bei der Produktion auftreten können. Diese treten nicht geplant auf, daher bezeichnen die Grünen die „Blazer“ in ihrer Mitteilung auch als Betriebsstörung. Diese Explosionen wiederum können eine Wolke aus Siliziumkarbidfasern in die Umgebung entlassen. Und genau um diese Faser- oder Staubwolken geht es seit einigen Jahren.
Grüne sind nicht zufrieden
Wie die Landtagsabgeordneten Meta Janssen-Kucz (Borkum/Leer) und Imke Byl von den Grünen mitteilen, sei man mit den Antworten der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage nicht zufrieden. „Niedersachsen führt keine eigenen Messungen auf Siliziumkarbid durch. Bei der Gefährdungseinschätzung verlässt sich das Umweltministerium allein auf die Untersuchungen der Niederlande“, wird Meta Janssen-Kucz zitiert. Die Antwort der Landesregierung liegt unserer Zeitung vor und bereits im August hatte das zuständige Ministerium dieser Zeitung gegenüber ähnliches erklärt. Damals wie heute heißt es, dass man „nur Umweltbelastungen durch Arsen, Blei, Cadmium und Nickel“ sowie Feinstaub, Stickstoffoxide und Stickstoffdioxid, Ozon, Ammoniak und Benzol an den Messstationen in Emden und Wilhelmshaven erfasse.
Dennoch schlussfolgert die Landesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage, dass „keine Hinweise auf eine besondere Belastungssituation erkennbar“ seien. „Wenn ich nicht messe, kann ich auch keine Schlussfolgerungen ziehen“, kommentiert diese Aussage Bernd Meyerer aus dem Vorstand der Bürgerinitiative „Saubere Luft Ostfriesland“ (BI) im Gespräch mit unserer Zeitung. Schon bevor das Thema der Faserwolken in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde – Auslöser war das Video von Schülerinnen, die nach einem „Blazer“ mit Staub bedeckt waren – habe die BI versucht herauszufinden, ob es für den Ausstoß dieser Fasern überhaupt Genehmigungen gebe. Wie sich im Zuge der Diskussion herausstellte: Die Anlagen in Delfzijl betreibt ESD-SiC zwar bereits seit den 1970er Jahren. Allerdings liegt bislang keine Genehmigung für den Ausstoß von Fasern vor, die bei Explosionen mehrere hundert Meter in die Luft geschleudert und durch den Wind kilometerweit in der Umgebung verteilt werden können. Eine Studie hält einen Radius von etwa zehn Kilometern rund um Delfzijl für wahrscheinlich. Emden und Teile der Krummhörn würden damit erreicht, berichtete unsere Zeitung im Juni dieses Jahres. „Die Provinz Groningen will nun bald den Entwurf einer entsprechenden Genehmigung vorlegen“, sagt Meyerer. Die Grünen sprechen in ihrer Mitteilung von einer „Verschärfung“ der Auflagen. Auf diese hofft auch Meyerer. „Wir stellen schon fest, dass die Provinz Groningen sich stärker an europäischen Maßgaben orientiert als früher“, sagt er.
Fünf Tonnen Staub in 150 Metern Höhe
Problem bleiben die fehlenden Messwerte, denn auch die Ergebnisse aus den Niederlanden ließen zu wünschen übrig. In den Niederlanden würden seit November 2020 die Luft-Messwerte regelmäßig erfasst, so dass erstmals ein Abgleich mit dem Risikogrenzwert von 300 Siliziumkarbid-Fasern pro Kubikmeter und Stunde möglich ist, so die Grünen. Die Auswertung der Messergebnisse der ersten neun Monate sei nach Angaben des Landes unauffällig. „Dabei ist jedoch zu beachten, dass in diesem Zeitraum kein einziger Blazer auftrat, wir haben also nur Glück gehabt“, so Janssen-Kucz. Laut Angabe der Landesregierung seien 2020 insgesamt nur sechs „Blazer“ bei ESD-SiC aufgetreten. Meyerer ergänzt: „Bei einem Blazer werden bis zu fünf Tonnen Staub mehr als 150 Meter hoch in die Luft geschleudert. Die Schmutzwolke wird dann mit dem Wind weitergetragen. Die niederländischen Messstationen sind nur über vier Kilometer von dem problematischen Werk verteilt. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass die Wolke in 150 Metern Höhe von einer dieser Messapparaturen erfasst wird? Diese Messanlagen können nur die diffusen Emissionen aus dem Normalbetrieb erfassen.“
Doch auch wenn Meyerer die Schlussfolgerungen der Landesregierung in Zweifel zieht, begrüßt er die Beschäftigung mit dem Thema, auch durch die Grünen. „Das signalisiert nämlich auch der Provinz Groningen, dass die deutschen Nachbarn da mittlerweile genau hinschauen.“ Dieser Druck, das betonte Meyerer auch jüngst beim Thema Müllverbrennungsanlage in Delfzijl, sei wichtig. Die BI werde auch die angestrebte Genehmigung genau analysieren. „Wir hatten auch schon im Vorfeld eine Stellungnahme eingereicht“, so Meyerer. Die BI fordere weiterhin: „Blazer müssen als Betriebsunfälle eingestuft und dementsprechend untersagt werden. In der neuen Betriebsgenehmigung müssen die jährlichen Schadstoff-Emissionen strickt gedeckelt werden. Emissionen durch etwaige Blazer sind dann vom Jahreskontingent abzuziehen. Kann der Jahresgrenzwert nicht eingehalten werden, ist der weitere Betrieb einzustellen.“
Aber nicht nur die weitere Entwicklung beim Thema Siliziumkarbid-Fasern bleibt abzuwarten. „In dieser Woche ist die Frist für die Einsprüche gegen RWE abgelaufen“, so Meyerer. RWE möchte den Anteil von Biomasse in seinem Kraftwerk in Eemshaven auf 30 Prozent erhöhen – auch hier hat die BI ihre Bedenken. Man habe Einspruch gegen die Planungen eingelegt, sagt Meyerer. „Aber wahrscheinlich wird es auch hier auf eine Klage hinauslaufen.“