Verkehr

Um die Emder Neutorstraße wird seit Jahrzehnten gerungen

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 26.10.2021 19:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Diskussion um die Verkehrsführung in der Neutorstraße in Emden reißt nicht ab. Foto: J. Doden
Die Diskussion um die Verkehrsführung in der Neutorstraße in Emden reißt nicht ab. Foto: J. Doden
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Der Blick in die jüngere Geschichte Emdens zeigt: Die Neutorstraße in der Innenstadt steht schon lange im Fokus der Verkehrspolitik. Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen früher und heute.

Emden - Auch nach dem überraschenden Ende der Einbahnstraßenregelung in der Friedrich-Ebert-Straße geht die Debatte um die künftige Verkehrsführung im Zentrum der Stadt Emden weiter. Nach wie vor läuft das ebenfalls umstrittene Experiment in der Neutorstraße. Autos dürfen den Abschnitt zwischen Agterum und Rathausplatz gegenwärtig nur in Richtung Süden und mit Tempo 30 befahren. Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang.

Was und warum

Darum geht es: Der Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt: Ähnlich heftige Diskussionen um Verkehrsführung in der Emder Innenstadt wie jetzt hat es auch früher schon gegeben.

Vor allem interessant für: Verkehrsteilnehmer in Emden und diejenigen, die sich für die Zukunft der Innenstädte interessieren.

Deshalb berichten wir: Die Diskussion um die Verkehrsexperimente reißt nicht ab. Wir haben deshalb einmal ins Archiv geguckt, wie früher um den Verkehr in der Innenstadt diskutiert wurde.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Vom 6. Dezember an soll die Einbahnstraßenregelung für Autos in umgekehrter Richtung gelten. Stimmt die Politik diesem Vorschlag der Stadtverwaltung zu, können Autos dann auch wieder von der Straße Agterum nach rechts auf die Neutorstraße abbiegen und in Richtung Rathaus weiterfahren.

Neuer Test dürfte Diskussion befeuern

Zu diesem Zeitpunkt soll auch die zurzeit gesperrte Trogstrecke der Südumgehung wieder geöffnet sein. Der neue Test mit umgekehrter Fahrtrichtung dürfte die Debatte um die von Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) angestrebte Verkehrswende im Stadtzentrum noch einmal befeuern.

Der Blick in jüngere Vergangenheit der Stadt zeigt: Die Diskussion um die Neutorstraße in diesem Abschnitt ist alles andere als neu. Das Thema ist vielmehr ein echter Dauerbrenner. Es beschäftigt Politik, Verwaltung, Einzelhandel und Bevölkerung nämlich schon fast ein halbes Jahrhundert lang, ohne dass es bislang eine bahnbrechende Lösung gab.

Das Thema ist ein Dauerbrenner

Das Problem: Die viel befahrene Achse im Stadtzentrum ist sowohl Einkaufsstraße als auch Durchgangsstraße zwischen Nord und Süd. Sie trennt die Emder Innenstadt und deren Fußgängerzonen. Nur eine Folge davon ist, dass die Fußgängerzone der Brückstraße abgehängt ist.

Ähnlich aufgeheizt wie jetzt war die Stimmung in der Stadt schon vor mehr als 40 Jahren. Schon damals rang man darum, diese Achse zu beruhigen. Die Vorzeichen waren zwar anders, im Kern ging es aber um das gleiche Ziel wie heute: Die Trennlinie zwischen dem westlichen und östlichen Teil der Innenstadt zu beseitigen.

Bürgerprotest hatte Erfolg

Hohe Wellen schlug in der zweiten Hälfte der 1970-er Jahre der Vorschlag der Stadtplaner, den Innenring um die Innenstadt auszubauen, um die Neutorstraße für den Autoverkehr zu entlasten. Die Trasse sollte entlang des Walls vom Philosophenweg zur Ringstraße führen und zehn Millionen Deutsche Mark kosten. Der Knackpunkt: Für diesen vom damaligen Stadtbaurat Helmut Rebenstorf und vom Einzelhandel favorisierten Plan hätte der Wall angetastet werden müssen.

Das löste einen Proteststurm in der Bevölkerung aus. Es gründete sich eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Erhaltet die Emder Wallanlagen“. Der Widerstand gegen die Pläne hatte schließlich Erfolg. Die Stadt ließ das Projekt fallen.

Auch Parkhaus war schon im Gespräch

Schon damals war auch der Umbau der Neutorstraße zwischen Agterum und Rathausplatz als Fußgängerzone im Gespräch. Es gab weitere erstaunliche Parallelen zur Gegenwart: Beispielsweise war bereits 1977 der Bau eines Parkhauses auf dem ehemaligen Kaufhallen-Gelände (damals noch Hertie) zwischen Pottgießerstraße und Johann-Wessels-Straße laut einem Bericht der Ostfriesen-Zeitung für Rebenstorf „keine Utopie“ mehr. Er ist es aber bis heute geblieben, obwohl es mittlerweile deutliche Anzeichen dafür gibt, dass daraus doch noch etwas werden könnte.

Das war einmal: Bis zum Sommer 2019 konnten Autos die Neutorstraße zwischen dem Rathausplatz und den Neutor-Arkaden noch in beide Richtungen befahren. Foto: M. Alberts/Archiv
Das war einmal: Bis zum Sommer 2019 konnten Autos die Neutorstraße zwischen dem Rathausplatz und den Neutor-Arkaden noch in beide Richtungen befahren. Foto: M. Alberts/Archiv

Die Verkehrsführung in der Neutorstraße ist seitdem immer ein Thema geblieben. Es war Mitte der 1990-er Jahre erneut aufgeploppt, nachdem ein Hamburger Büro im Auftrag der Stadt ein neues Gutachten zur Verkehrsleitplanung in der Innenstadt vorlegte. Dieses Papier empfahl, die Neutorstraße nicht für den Autoverkehr zu sperren, sondern stattdessen vier Straßen als Fußgängerzonen auszubauen: die Große Straße, den Alten Markt, die Straße Zwischen beiden Märkten und die Nordseite des Neuen Marktes.

Ausgang des Experiments ist offen

Das alles ist längst umgesetzt worden. Dennoch geriet die Neutorstraße in den vergangenen fünf Jahren immer wieder in den Fokus. Die Vorschläge aus der Politik reichten von einer kompletten Sperrung des Abschnitts zwischen Agterum und Rathausplatz bis hin zu einer Fahrradstraße auf dieser Strecke.

Seit mittlerweile mehr als zwei Jahren können Autofahrer diesen Teil der Neutorstraße nur aus Richtung Rathausplatz befahren. Die halbseitige Sperrung war ursprünglich mit Rücksicht auf die Baustelle der Neutor-Arkaden eingerichtet worden. Sie hätte im Sommer nach Fertigstellung des neuen Hotel-, Büro- und Einkaufskomplexes eigentlich wieder aufgehoben werden können. Die Stadt entschied sich aber anders. Auf Initiative von Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) wurde sie beibehalten und die Neutorstraße damit zu einer Experimentierfläche für eine neue Verkehrsführung in der Innenstadt - mit offenem Ausgang.

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