Entsorgung

Mülldeponie war gestern – Abfall wird immer mehr zum Rohstoff

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 25.10.2021 17:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Müll? Von wegen: Ein großer Teil dieser Mengen sind Rohstoffe und werden wiederverwertet. Dieses Bild entstand in Rostock. Foto: Wüstneck/dpa
Müll? Von wegen: Ein großer Teil dieser Mengen sind Rohstoffe und werden wiederverwertet. Dieses Bild entstand in Rostock. Foto: Wüstneck/dpa
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Was für den einen Müll ist, ist für den anderen ein wertvoller Rohstoff. Einfach alles auf die Müllkippe fahren und dann ordentlich eindampfen? Das war mal. Ein Blick auf den Weg des Abfalls.

Wiefels - Mal eben zur Müllkippe fahren? Wenn Lars Bohlken dieses Wort hört, findet er das schon etwas schade. Denn einfach nur Müll – das war mal. „Viele Leute wissen leider gar nicht, was hier heute alles passiert“, sagt Bohlken. Er ist Geschäftsführer des Zweckverbands Abfallwirtschaftszentrum Friesland/Wittmund – ehemals: Müllkippe – und weiß genau, was dort alles passiert: Verwertung, Verwertung, Verwertung.

Was und warum

Darum geht es: um den Umgang mit Müll

Vor allem interessant für: alle, die Müll verursachen

Deshalb berichten wir: Umweltminister Olaf Lies (SPD) besuchte kürzlich die Deponie in Wiefels. Wir haben anschließend noch mal nachgefragt.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

„Müll ist ein Rohstoff“, sagt Bohlken. Und er wird verwertet, so gut es eben geht. Aus dem, was regelmäßig in den grauen und braunen Tonnen zur Abholung an den Straßenrand gestellt wird, entstehen Strom, Wärme, Kompost, neues Metall. Natürlich nicht zu 100 Prozent, aber immerhin doch zu etwa 50, wie Bohlken vorrechnet. Heißt: Nur etwa die Hälfte des Restmülls, der in Wiefels ankommt, landet tatsächlich auf der Deponie.

Lars Bohlken ist Geschäftsführer des Zweckverbands Abfallwirtschaftszentrum Friesland/Wittmund. Foto: Oltmanns
Lars Bohlken ist Geschäftsführer des Zweckverbands Abfallwirtschaftszentrum Friesland/Wittmund. Foto: Oltmanns

Wo der Müll hingeht

Wiefels ist eine kleine Ortschaft vor den Toren der Stadt Jever, gehört aber schon zur Gemeinde Wangerland. Für viele Bürger aus den Kreisen Wittmund und Friesland ist „Wiefels“ aber auch das Synonym für ihre Mülldeponie. 1974 wurde sie von den beiden Landkreisen gemeinsam gegründet. Mittlerweile landet aber nicht nur der Restmüll der Friesen und Wittmunder hier, sondern auch Müll aus den Städten Wilhelmshaven, Oldenburg und Delmenhorst sowie aus dem Landkreis Cloppenburg. Rund 650.000 Einwohner sind angeschlossen, fast 106. 000 Tonnen Restmüll landen hier im Jahr.

Für Müll gilt grundsätzlich: Er wird entweder verbrannt oder so behandelt, dass er weiter verwertet werden kann. Letzteres geschieht in einer sogenannten mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlage (MBA). Niedersachsenweit verteilt sich die Entsorgung von Restmüll auf vier Abfallverbrennungsanlagen und neun MBAs, so geht es aus dem Abfallwirtschaftsplan des Landes hervor. Auf der ostfriesischen Halbinsel finden sich zwei dieser MBAs, die in Wiefels und eine zweite in Großefehn. Dort landen die grauen Tonnen aus den Kreisen Aurich, Ammerland und Oldenburg. Der Kreis Leer entsorgt in einer Anlage in der Grafschaft Bentheim. Die beiden Anlagen in Großefehn und in der Grafschaft Bentheim sind deutlich kleiner als die in Wiefels.

Was aus Müll wird

Bohlken rechnet beispielhaft vor: Die ankommenden 100 Prozent Restmüll werden in Wiefels erstmal sortiert. Etwa 30 Prozent gehen dann zur thermischen Verwertung in eine Verbrennungsanlage nach Bremen, sogenanntes heizwertreiches Material, „Folien, Kunststoffe, alles was brennbar ist“, sagt der Geschäftsführer. Ein Großteil davon gehöre zwar gar nicht in den Restmüll, lande aber eben trotzdem oft dort. Bei der Verbrennung entstehe außer Strom Wärme; mit der werde in Bremen zum Beispiel die Universität geheizt. Heißt überspitzt: Was der Wittmunder in seine Tonne schmeißt, sorgt bei den Studierenden 100 Kilometer entfernt für warme Füße.

Hier wird der Müll schon mal vorsortiert. Foto: Zweckverbands Abfallwirtschaftszentrum Friesland/Wittmund
Hier wird der Müll schon mal vorsortiert. Foto: Zweckverbands Abfallwirtschaftszentrum Friesland/Wittmund

2,5 Prozent des Mülls sei Metall und werde von einem Entsorger eingeschmolzen und zu neuem Metall verarbeitet. Der große Rest, die verbliebenen 67 Prozent, würden biologisch behandelt. „Das ist grob gesagt wie eine Biogasanlage“, sagt Bohlken. Das bei der Vergärung entstehende Gas werde dann über zwei Blockheizkraftwerke in Strom umgewandelt und zu etwas mehr als der Hälfte auch selbst genutzt. Der Rest werde ins Netz eingespeist. Außerdem entstünden in einem eigenen Kompostwerk pro Jahr aus rund 32.000 Tonen organischem Abfall noch rund 20.000 Tonen Kompost. Zum Schluss landet ein Teil davon wieder beim Bürger im Garten.

Welcher Müll ist der beste?

Im Grunde ist die Mülldeponie vor den Toren Jevers also eher ein mittelständisches Verwertungs- und Energieunternehmen. Rund 60 Mitarbeiter zählt der Betrieb mittlerweile. Auch ein Grund, warum Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) der Deponie kürzlich einen Besuch abstattete. Einen offiziellen gewissermaßen, privat ist der in Friesland lebende Minister schon hier gewesen. Denn auf dem Wertstoffhof des Abfallwirtschaftszentrums können die Bürger größere Gegenstände wie alte Fernsehgeräte, Bettgestelle oder Möbel entsorgen.

Lies zeigte sich beeindruckt vom Geschehen beim Zweckverband, erklärte aber auch, dass die Menge an verbleibendem Restmüll noch geringer werden müsse. Denn irgendwann ist die Deponie eben doch voll. Nach aktuellen Planungen könnte das 2035 der Fall sein, sagt Bohlken. Vielleicht müsse man erweitern? Bei allen Fortschritten bei der Wiederverwertbarkeit ist Bohlken aber überzeugt: „Der beste Müll ist der, der gar nicht erst anfällt.“

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