Gastronomie

Im Bagbander Brauhaus wird nun digital bestellt

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 25.10.2021 16:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Brauhaus-Chef René Krischer zeigt eins der 40 Tablets, die er angeschafft hat. Über den QR-Code auf dem Holzwürfel können Gäste ihre Geräte anmelden und Bestellungen abgeben. Über den Luca-App-Code können sie zudem einchecken. Foto: Cordsen
Brauhaus-Chef René Krischer zeigt eins der 40 Tablets, die er angeschafft hat. Über den QR-Code auf dem Holzwürfel können Gäste ihre Geräte anmelden und Bestellungen abgeben. Über den Luca-App-Code können sie zudem einchecken. Foto: Cordsen
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„Ostfriesenbräu“ in Bagband geht neue Wege: Als wohl erstes Restaurant in der Region bestellen Gäste im Brauhaus Bier und Essen nun per Tablet. Das Konzept könnte zukunftsweisend für die Branche sein.

Bagband - Wer sich als Gast im Brauhaus von „Ostfriesenbräu“ in Bagband niederlässt, kann dort seit Kurzem eine mögliche Zukunft der Gastronomie erleben. Nach der Begrüßung, nach einem prüfenden Blick auf Impfzertifikate oder Testergebnisse und dem obligatorischen Desinfizieren der Hände, geleiten Kellner die Gäste an ihre Tische. Sie kommen indes nicht mit gezücktem Block und Bleistift oder Kuli zurück, um Getränkewünsche zu erfragen. Stattdessen klemmen sie sich Tablet-Computer unter den Arm und verteilen diese an die Gäste. Die flachen Rechner sind zugleich Speise- und Getränkekarte sowie Bestellportal für die Gäste. „Es ist haben infolge der Corona-Lockdowns so viele fähige Leute die Gastronomie verlassen. Deshalb ist es irre schwierig geworden, gute Leute und überhaupt ausreichend Personal für den Service zu bekommen, dass wir uns etwas einfallen lassen mussten“, sagt Braumeister und Inhaber René Krischer. „Wer zu uns kommt, hat natürlich verdient, auch zeitnah seine Getränke und sein Essen zu bekommen. Und mit weniger Leuten im Service wird das nicht einfacher.“

Seit Monaten berichtet die Branche von Personalengpässen, weil gut ausgebildete Kräfte sich beruflich neu orientiert und die Gastronomie verlassen haben, nachdem ihnen in den Lockdowns massiv Einnahmen, aber auch die sichere Perspektive weggebrochen waren.

Leute müssen bei Kräften bleiben

Krischer erklärt, er habe daraufhin überlegt, „wie sich die Abläufe auch mit dem geringen Personal, das effizienter gestalten lassen – zumal die Servicekräfte ja durch die Hygienekonzepte noch zusätzliche Aufgaben erhalten haben: Sie müssen dokumentieren, welche Gäste wann wo sitzen, Daten aufnehmen, das Einchecken überprüfen, Zettel wegsortieren“. Hinzu komme: „Gerade mit weniger Mitarbeitern und insbesondere weil wir viel weniger geeignete Aushilfen finden, müssen wir ja auch drauf achten, dass die Leute nicht ausbrennen, bei Kräften bleiben, mal freimachen können, und es kommt ja immer mal vor, dass auch wer krank ausfällt.“

Krischer kam darauf, deshalb den Bestellvorgang zu digitalisieren. „Nicht, um Leute wegzurationalisieren, sondern einfach, weil wir nicht genügend finden.“ Zumal: „Weil wir in Ermangelung routinierter Servicemitarbeiter verstärkt auch auf ungelernte Kräfte setzen, ist schon zu beobachten, dass die noch mehr Zeit benötigen und noch stärker damit beschäftigt sind, den Überblick zu behalten als diejenigen, die jahrelange Erfahrung damit haben. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, aber die berechtigte Anspruchshaltung der Gäste, schnell und umfassend bedient zu werden, bleibt ja. Und auch dabei hilft unser neues Konzept.“

Gäste können schneller nachordern

40 Tablets hat er angeschafft. „Die Gäste bekommen am Tisch gezeigt, wie das Gerät funktioniert. Auf dem Tisch ist ein Würfel mit einem QR-Code, über den das Gerät angemeldet wird. Im Tablet können die Leute dann ihre Daten eintragen, sie können direkt eingeben, was sie trinken möchten – in der Regel ja Bier – und ihr Essen bestellen. Auf diese Weise muss kein Kellner, vielleicht sogar mehrfach, kommen, ob sie sich schon entschieden haben.“ Die Bestellungen, sobald abgeschickt, ploppen dann beim Service und in der Küche auf. „Gebracht werden Essen und Getränke selbstverständlich weiter persönlich“, sagt Krischer. „Das hat für die Gäste den Vorteil, dass sie auch noch direkt weitere Getränke bestellen können, wenn etwa das Bier leer ist und sie noch Durst haben – und sie nicht erst darauf warten müssen, bis ein Kellner in der Nähe ist, bei dem sie eine weitere Runde bestellen können.“

Zusätzlicher Vorteil für den Gastronomen: „Viel Umsatz geht ja oft dadurch verloren, dass Leute einfach warten müssen, bis sie nachordern können. Denen kommen wir auf diese Weise entgegen. Und es kommen ja auch oft Familien. Und die können beispielsweise ganz einfach per Knopfdruck noch ein Eis für die Kinder bestellen, wenn die anfangen zu quengeln – und müssen nicht dann noch zusätzlich warten, bis jemand kommt.“

Das Blödeln mit den Gästen fehlt

Krischers Konzept ist eins, das sich bei großen Fastfood-Ketten, etwa bei McDonald’s oder Burger King, seit Jahren etabliert hat. „Nun ist unser Anspruch natürlich ein deutlich anderer, und unsere Klientel ist eine andere. Mittfünfziger, die es rustikal lieben und gern auch ein bisschen mit dem Personal blödeln, flachsen und Späße machen. Insofern reagieren zahlreiche Gäste schon etwas sparsam und reserviert – allerdings auch verständnisvoll, wenn wir ihnen erklären, warum wir das tun und welche Vorteile das auch bringt.“

Erich Wagner (Wiesmoor), Vorsitzender des Regionalverbands Ostfriesland im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), lobt Krischers Initiative und sagt, „Das ist ein cleveres Konzept – das es meines Wissens so in Ostfriesland, zumindest aber im Landkreis Aurich, noch nicht gibt. Und es zeigt, die Gastronomie wird kreativ beim Versuch, neue Konzepte zu entwickeln, um gut durch das aktuelle Tal zu kommen.“ Die Idee werde er auch einbringen bei der nächsten Landestagung des Dehoga, wo Ideen gesammelt werden, wie die Gastronomie sich zukunftsträchtig entwickeln kann. Denn aktuell sei beobachtbar: „Wo früher fünf Kellner Gäste bedienten, sehe man aktuell „in vielen Restaurants nur noch einen, der Bestellungen aufnimmt und sich um die Gäste kümmert – und Schüler bringen dann das Essen“.

Enger Dialog mit der Politik

Weiterhin versuche man auch, sich weiterzuentwickeln, um gut ausgebildete Kräfte zurückzugewinnen. „Das ist aber unglaublich schwierig“, sagt Wagner. „Einer der Punkte ist die fehlende Sicherheit bei der beruflichen Perspektive, die durch die von der Politik verhängten Lockdowns massiv gelitten hat. Deswegen muss es jetzt unbedingt einen engen Dialog mit der Politik geben, damit wir den Leuten wieder Sicherheit bieten können.“

Und so klug und pragmatisch er Krischers Reaktion auf die Krise finde, sagt Wagner: „Ich finde die klassische Gastronomie am schönsten, wo man auch mit dem Personal ein gutes Gespräch am Tisch führen kann, wo die Kellner einem auch die Tagesempfehlungen erklären. Das ist die schönste Art.“ Aber der Schritt über Tablets sei für viele Teile der Branche vielleicht trotzdem die Zukunft. „Und es muss ja auch weitergehen. Für den Betrieb finde ich das gut.“ Auch Krischer hätte es gern weiterhin so lebendig und jovial, wie es zwischen Gästen und seinen Mitarbeitern vor der Krise zuging. „Das ist schon eine Umstellung und gerade für unser rustikales Haus auch schade, denn wir lieben ja das Miteinander. Bis wir aber wieder genügend Personal haben, dass die Kellner auch Zeit für einen ausgiebigen Plausch haben, wird es leider dauern.“

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