Klimaschutz

Torfabbau: Bund-Länder-Pläne sorgen für Unruhe

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 22.10.2021 20:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Bestehende Abbauflächen in Marcardsmoor: Rund 80 Hektar weitere Flächen sollen dort abgetorft werden. Foto: Cordsen
Bestehende Abbauflächen in Marcardsmoor: Rund 80 Hektar weitere Flächen sollen dort abgetorft werden. Foto: Cordsen
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Bund und Länder wollen die Moore besser schützen und Torfabbau verbieten. Landwirte zeigen sich verunsichert. Und was bedeutet die Absichtserklärung für aktuelle Pläne in Marcardsmoor?

Marcardsmoor/Hannover/Berlin - Bund und Länder haben sich vorgenommen, möglichst viele der verbliebenen Hochmoorflächen in Deutschland zu schützen und wiederzuvernässen. So soll der Ausstoß von Kohlendioxid aus den trockengelegten und teilweise im Abbau befindlichen Flächen verringert werden.

In einer neuen Zielvereinbarung zum Moorbodenschutz haben sie sich unter anderem darauf verständigt, dass keine neuen Abbauanträge mehr genehmigt werden sollen. Bislang ist dies nur eine Absichtserklärung. Sie trifft aber durchaus auf Aufmerksamkeit in Ostfriesland und löst dort sowohl Hoffnungen bei Gegnern des Torfabbaus aus wie auch Sorgen bei Landwirten.

Trockengelegte Flächen setzen viel CO2 frei

Mehr als 20 Prozent der insgesamt rund 200.000 Hektar landwirtschaftlich genutzten Flächen in Ostfriesland sind laut dem Landvolk Flächen, die der Mensch in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten dem Moor abgerungen und trockengelegt hat. Landesweit sind es rund acht Prozent. Während lebende Torfmoose in großem Maße CO2 binden und unter Wasser stehender Torf das gebundene Gas auch weiterhin speichert, zersetzt sich der Boden trockengelegter Moorflächen an der Luft mit der Zeit und setzt das gebundene Kohlendioxid wieder frei.

In Summe macht das nach Schätzungen des Landes immerhin elf Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes in Niedersachsen aus. Davon wiederum sei etwa ein Zehntel – also gut ein Prozent der gesamten Emissionen – auf den Abbau zurückzuführen, heißt es.

Abbau-Gegner hofft auf Nein zu aktuellen Anträgen

Edgar Weiss von der Freien Bürgerliste Wiesmoor als Gegner des Torfabbaus hofft jetzt, dass infolge des politischen Bekenntnisses gegen weiteren Torfabbau womöglich sogar die Genehmigung aktuell laufender Anträge für Flächen im Wiesmoorer Ortsteil Marcardsmoor noch verhindert werden könnte. „Es ist doch wunderbar, wenn die obere Politik zur Erkenntnis kommt, dass da gegen diesen klimapolitischen Irrsinn etwas unternommen werden muss“, und er habe durchaus auch die Hoffnung, dass dies weiteren Torfabbau in Marcardsmoor verhindern könnte.

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In einem Gebiet südlich der Zweiten Reihe sind knapp 80 Hektar Fläche zum Torfabbau beantragt – als Teil eines inzwischen ins Landesraumordnungsprogramm eingepflegten, einvernehmlich verabschiedeten Kompromisses zwischen Torfabbauern, Bevölkerung und Politik. Ursprünglich war mehr als die zehnfache Fläche vom Land als Vorranggebiet für den Abbau ausgewiesen gewesen. Dagegen hatten Marcardsmoorer viele Jahre erbittert gekämpft. Zudem beantragt die Aurich-Wiesmoor Torfvertriebs (AWT) GmbH nun noch den Abbau einer rund fünf Hektar großen Fläche, ebenfalls in dem Ortsteil – im Abbaugebiet „Düvelshorn“ am Schützenweg, östlich der Wittmunder Straße, nördlich des Ems-Jade-Kanals. Ab Freitag liegen die Antragsunterlagen im Auricher Kreishaus öffentlich aus.

„Es ist eine Arrondierung der Fläche“

AWT-Chef Frank Tamminga sagt: „„Hier geht es um eins von drei Flurstücken in einem schmalen Streifen zwischen zwei bestehenden Abbaugebieten von uns. Es ist eine Arrondierung der Fläche. Unser Ziel ist es, die gesamte Fläche im Anschluss gemeinsam wiederzuvernässen, was aus unserer Sicht naturschutzfachlich auch den meisten Sinn ergibt“.

Weiss sieht das deutlich anders und argumentiert: „Wenn es überhaupt gelingt, dass Torfmoose auf wiedervernässten Flächen gedeihen und Kohlendioxid binden, dann dauert es etwa bei einer Abbautiefe von durchschnittlich 1,70 Metern allein rund 1700 Jahre, bis wir überhaupt an den Punkt kommen, dass zusätzlich zum beim Abbau freigesetzten CO2 weiteres gebunden werden kann. Dann wären wir weit nach dem Jahr 3700. Lebende Moore wachsen im Schnitt nur etwa einen Millimeter pro Jahr – und naturschutzfachlich wäre es aus meiner Sicht viel sinnvoller, diese Flächen zumindest jetzt schon wiederzuvernässen, damit sie nicht weiter ausgasen.“

Absichtserklärung greift rechtlich nicht

Ist es denn realistisch, dass die Absichtserklärung von Bund und Ländern, keinen weiteren Torfabbau zu genehmigen, Einfluss auf die aktuell zur Genehmigung vorliegenden Anträge hat? Nikolai Neumayer, Sprecher des Kreises Aurich – der Landkreis entscheidet über den Abbau in Marcardsmoor – sagt auf Nachfrage: „Wir haben uns ja an geltendes Recht zu halten – und damit sind die aktuellen Abbauanträge konform und danach wurden sie gestellt. Absichtserklärungen wie die jetzigen Zielvereinbarungen von Bund und Ländern können für uns ja erst dann greifen, wenn sie auch in Gesetze und Verordnungen gegossen sind und gelten.“

AWT-Chef Tamminga sagt: „Wir gehen davon aus, dass die jetzige Absichtserklärung keinen Einfluss auf die aktuellen Anträge entfalten wird.“ Wie schnell die Bund-Länder-Absprache in Recht umgesetzt wird, ist offen. Die zuständigen Ministerien in Hannover baten auf Nachfrage um Verständnis darum, diese und weitere Fragen erst in der kommenden Woche zu beantworten.

Landwirte „total verunsichert“

Dies betrifft auch Antworten auf Fragen zu Sorgen von Landwirten, denn unter ihnen gibt es einige, „die jetzt total verunsichert sind und Bauchschmerzen haben“, sagt Manfred Tannen, Präsident des ostfriesischen Landvolks, „und das ist das, was mich momentan am meisten anfasst“. Die Landwirte hätten „noch keine Antwort auf die Frage, wie zukunftssicher Investitionen auf den Betrieben mit Flächen auf Moorstandorten überhaupt sind, weil die Politik zwar Absichten geäußert, den Rahmen aber noch gar nicht geklärt hat“. Auch sei noch gar nicht klar, „über welche Standorte wir überhaupt reden und welche überhaupt für eine mögliche Wiedervernässung infrage kommen könnten“.

Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) habe den Auftrag, das Kartenmaterial zu aktualisieren. „Einen Hochmoorrücken, der sich als nicht abgetorfter Überrest des Abbaus höher als die umliegenden Flächen wölbt, wird man ja nicht einfach wiedervernässen können“, so Tannen. „Wir fordern auch, dass jetzt die Flächenwerte festgestellt werden.“

Wertverlust und höhere Pachtpreise?

In den Debatten über künftige Flächenprämien der EU im Zuge der Reform der gemeinsamen Agrar-Politik zeichne sich ab, dass Landwirten auf Moorstandorten „neue Daumenschrauben angelegt werden sollen“, so Tannen. So solle die Bodenbearbeitung etwa durch Pflügen erschwert werden, wenn auf Hochmoorgrünlandstandorten nach einigen Jahren der Grasbewuchs neu angesät werden müsse. „Da versucht die Politik, uns das Wirtschaften zu vermiesen. Und das werden wir uns auf keinen Fall gefallen lassen.“ Sollten die Bauern ihr Gras nicht so wie bisher erneuern können, bedeute das einen politisch herbeigeführten Wertverlust der Flächen. Und dies treffe in Ostfriesland immerhin jeden vierten bis fünften Hektar der gesamten Nutzfläche.

Für den möglichen Fall einer Wiedervernässung von Flächen brauche es „einen Werkzeugkasten an Maßnahmen, aus denen die Landwirte freiwillig auswählen können“, so Tannen. „Und wenn es hier, wie es ja beabsichtigt ist, um die freiwillige Teilnahme geht, so wird es nur gehen, wenn die Abgabe von Flächen auch wirklich angemessen hoch finanziell vergütet wird.“ Hinzu komme: „Die Pläne zielen ja schon darauf, auch landwirtschaftlich genutzte ehemalige Moorflächen wiederzuvernässen und das entzieht der Bewirtschaftung weitere Flächen und treibt etwa die Pachtpreise durch Verknappung weiter in die Höhe“, so Tannen.

Das gleiche „einer kalten Enteignung“

Sein Amtskollege Karsten Padeken, Vorsitzender im Landvolkkreisverband Wesermarsch, wird in der Wortwahl drastischer. Eine dem Klimaschutz dienende Wiedervernässung ganzer Regionen ohne ausreichende finanzielle Umstrukturierungshilfen gleiche „einer kalten Enteignung auf dem Rücken der Menschen“.

Bund und Länder wollen die Klimaschutzmaßnahmen finanzieren. Eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums in Hannover sagte dazu, dass die Länder den Bund auf einen sehr hohen Finanzbedarf hingewiesen. Die Umsetzung werde daher maßgeblich von den bereitgestellten Finanzmitteln abhängen. Aktuell vorgesehen ist, dass der Bund bis 2025 rund 330 Millionen Euro bereitstellen soll in einem Topf aus den Ausgleichszahlungen für die Wiedervernässung von Moorböden geleistet werden sollen. Zudem sollen daraus auch Modellvorhaben sowie Projekte, die den Einsatz von Torf reduzieren helfen, gefördert werden, heißt es.