Berlin
Metaversum von Facebook: Schöne neue Welt oder neue Abzocke?
Facebook will sich offenbar umbenennen und anschließend auf die Entwicklung des Metaversums ausrichten. Doch was ist das Metaversum? Und sollten wir uns darauf freuen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was ist das Metaversum?
Beim Metaversum handelt es sich um die Vision eines für alle Nutzer identischen, öffentlichen virtuellen Raum, der sich wie ein zweite Ebene über die analoge Welt legt. Physische, erweiterte und virtuelle Realitäten werden dort zusammengeführt, sodass Menschen das Internet körperlich erleben können.
Nutzer bewegen sich im Metaversum mit einem sogenannten Avatar, einer individuellen Figur. In dieser Rolle können sie online Freunden treffen, virtuelle Veranstaltungen besuchen, interaktive Spiele spielen oder einkaufen.
Jens Förderer, Professor für Innovation und Digitalisierung an der Technischen Universität München, sagte unserer Redaktion, dass das Metaversum keine revolutionäre Erfindung darstelle, sondern auf den bestehenden Technologien aufbaue, die wir bereits benutzen.
„Matrix“ und Co.: Science-Fiction als Ursprung des Metaversums
Der Begriff Metaversum stammt vom amerikanischen Schriftsteller Neal Stephenson, der ihn erstmals im Jahr 1992 in seinem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ verwendet hat. Der Autor selbst sagt, er habe den Begriff als Marketinggag erfunden. In Hollywood-Filmen haben „Matrix“ und vor allem „Ready Player One“ das Thema aufgegriffen. In den Filmen tauchen Menschen über technische Geräte oder körperlichen Schnittstellen zu Computern in die virtuelle Welt ein.
Gibt es das Metaversum schon?
Nein. Seit Anfang der 2000er Jahre war mit der Plattform „Second Life“ eine Babyversion gestartet. Die Avatare konnten dort sogar mit einer eigenen Währung auch digitalen Eigentum anschaffen. Die derzeit beste Vorstellung davon bieten die Videospiele Fortnite und Roblox. Beide laufen auf unterschiedlichen Geräten, sodass Teilnehmer fast jederzeit und von überall dazustoßen können. Die Nutzer bewegen sich als selbst erstellte Avatare, die sie gegen Bezahlung mit spielinternen Währungen aufwerten und verändern können.
Neue Anwender gewinnt Hersteller Epic Games unter anderem durch virtuelle Auftritte von Stars. Bei virtuellen Konzerten der Sängerin Ariana Grande oder des Rappers Travis Scott tauchen die Künstler in ihnen optisch nachempfundenen Avataren auf, andere Fortnite-Spieler kommen weltweit dazu und erleben das Event gemeinsam.
Wann wird das Metaversum Realität?
Laut Jens Förderer ist das Metaversum noch immer eine Vision. Der Forscher geht zwar davon aus, dass unsere Leben in Zukunft virtueller und vielleicht auch in einem Metaversum abgebildet werden könnten. Ob das aber in 20 oder 100 Jahren der Fall ist, sei unklar, so der Forscher.
Warum ist das Metaversum jetzt ein Thema?
Das Metaversum benötigt verschiedene Treiber, die die Entwicklung tragen und voranbringen. Laut Förderer spielen vor allem vier Dinge eine Rolle:
Wer arbeitet am Metaversum?
In der Vision soll das Metaversum nicht von einem einzelnen Unternehmen aufbauen oder besessen werden. Stattdessen soll es ein öffentlicher Raum sein, in dem verschiedene Systeme miteinander harmonieren.
Mehrere US-Tech-Firmen im Silicon Valley, darunter Microsoft, Google, Epic Games und Roblox, haben das Thema auf dem Schirm. Sie alle wittern dort neue Geschäftsmöglichkeiten. Die von Tesla-Chef Elon Musk gegründete Firma Neuralink arbeitet bereits daran, Computer und menschliche Gehirne per Implantat zu vernetzen.
In diesem Video bedient ein Affe per Neuralink einen Comuter mit seinen Gedanken:
Die öffentliche Vorreiterrolle hat Facebook übernommen. Konzern-Chef Mark Zuckerberg will das Metaversum erschaffen und bezeichnete die virtuelle Welt als die „nächste Generation des Internets“. Für dieses Ziel will der Konzern in den kommenden fünf Jahren allein in der Europäischen Union 10.000 neue, hoch qualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Außerdem zeichnet sich ab, dass der Konzern sich umbenennt. Facebook soll dann eine Marke unter einer neuen Dachmarke sein, die den klaren Fokus auf das Metaversum verdeutlicht. Wie der Konzern sich das Metaversum vorstellt, ist nicht bekannt.
Kommentar: Facebook muss nur einen Namen ändern - Den des Chefs
Sollten wir uns auf der Metaversum freuen oder uns sorgen?
Forscher Jens Förderer ist überzeugt, dass eine kritische Auseinandersetzung über das Thema nötig ist, dass das Metaversum Chancen und Risiken biete. Vorteile seien unter anderem, dass die Menschen zusammenwachsen würden und räumliche Distanz weiter an Bedeutung verliere. Außerdem könne das Digitale erlebt werden, nicht nur angeklickt oder betrachtet.
Allerdings sieht der Wirtschaftsinformatiker auch die Gefahr, dass sich bereits heute bestehende Tendenzen verschärfen könnten. So verändere der Verlust von physisch-sozialen Kontakten das menschliche Verhalten. Offen sei auch, welche Regeln, Werte und Normen im Metaversum gelten, wer sie festlegen soll und was passiert, wenn Nutzer von der Plattform ausgeschlossen werden. Dazu stellt sich die Frage des Datenschutzes und der Privatsphäre.
Verschiedene Experten befürchten, dass das Metaversum zu einer neuen Stufe des Kommerzialisierung und Überwachung führen könnte, wenn die Entwicklung in der Hand weniger gewinnorientierter Konzerne liegt. Allerdings sehen sie auch Chancen, dass dort Wissen gesammelt und für immer gespeichert und nutzbar sei. Sogar das eigene Gedächtnis oder die Persönlichkeit könnte in die Cloud geladen werden, so die Vision.
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