Esen

Eine kulinarische Weltenbummlerin und ihr neues Kochbuch

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 21.10.2021 16:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Speziell gewürztes Spanferkel gehört zu den ganz besonders hoch geschätzten Festessen bei Zeremonien auf Bali. Für ihre Fotos wurde Vivi D‘Angelo 2019 auf dem Food Photo Festival in Dänemark ausgezeichnet. Foto: Vivi D‘Angelo/Südwest-Verlag
Speziell gewürztes Spanferkel gehört zu den ganz besonders hoch geschätzten Festessen bei Zeremonien auf Bali. Für ihre Fotos wurde Vivi D‘Angelo 2019 auf dem Food Photo Festival in Dänemark ausgezeichnet. Foto: Vivi D‘Angelo/Südwest-Verlag
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Die kulinarische Weltenbummlerin Antje de Vries hat ein neues Kochbuch veröffentlicht. Sie erklärt in witzigen Reisereportagen die Kultur und den besonderen Zauber des Essens auf Bali.

Bunderhammrich/Leer - Die Corona-Pandemie hat das Leben enorm vieler Menschen deutlich verändert, das von Antje de Vries aber in besonderem Maße. Seit Jahren schwirrt die Aromen-Abenteurerin beruflich um den Globus auf der Suche nach spannenden neuen Geschmacksverbindungen, ursprünglichen Rezepten und mit Ideen für kulinarische Konzepte im Gepäck. Zudem hat sie in der Regel mehrere Monate des Jahres Restaurantkonzepte mit befreundeten Kollegen auf der indonesischen Insel Bali entwickelt. „Durch Corona ging das alles dann plötzlich nicht mehr und musste auf Eis gelegt werden“, sagt die gebürtige Ostfriesin, die vor Jahren allen weltlichen Besitz verkauft hat und seitdem als Köchin und kulinarische Beraterin rastlos auf Aromareisen rund um die Welt von Job zu Job fliegt. Durch die jahrelang gewachsenen, innigen Verbindungen zu den Menschen auf Bali etwa hat sie Einblicke in die „so unglaublich besondere Kultur dort“ abseits touristischer Pfade gewinnen können, „von denen die meisten, die dort nur Yoga- oder Surfurlaub machen, gar nichts mitbekommen, was total schade ist“, sagt sie.

Gerade deshalb hat sich die in Bunderhammrich aufgewachsene 39-Jährige 2018 gemeinsam mit ihrer befreundeten Fotografin Vivi D’Angelo zu einer Reise nach Bali aufgemacht, dorthin, wo die Götter auf dem Vulkan wohnen, um von all den Besonderheiten zu erzählen, sie zu zeigen und um Rezepte zum Nachkochen mitbringen zu können. Durch die Corona-Pandemie verzögert, sind die Reise-Erlebnisse und Rezepte jetzt als Buch namens „Bali – Essen mit den Göttern“ im Südwest-Verlag erschienen. „Das, was auf Bali wirklich besonders ist, ist, wie tief der animistische Glauben an die Beseeltheit der Dinge das Leben und auch das Verhältnis zum Essen prägt“, sagt de Vries. „Da gehören Cloudpusher, also Wolkenschubser, zu regulären Dienstleistern bei Feiern, die mit dafür sorgen sollen, dass die Wolken verschwinden und Feste nicht ins Wasser fallen. Oder es gibt Halbpriester, die in der Küche darauf hinwirken sollen, dass die Maschinen nicht schlappmachen.“

Seltene Einblicke

Dank der engen Kontakte zu den Menschen vor Ort „durften wir Dinge erleben, in die sonst wenige Einblick bekommen“, sagt Antje de Vries. Und so erzählen sie und Vivi D’Angelo voll offener Neugier davon, wie zum ersten Geburtstag eines Kindes ein riesiges Schlachtfest fürs ganze Dorf gefeiert wird, wie in tiefster Nacht Scharen von Männern die Tiere zerlegen und das Fleisch würzen und warum es nach dem balinesischen Glauben wichtig ist, dass Kinder in ihrem ersten Lebensjahr den Boden nicht berühren dürfen, bevor sie dann zum ersten Geburtstag feierlich auf den Grund gesetzt werden. Schön ist auch die Schilderung einer Begräbnis-Zeremonie. Die Reste des verbrannten Sarges kokeln noch in den Flammen, als die Trauergemeinde den Ort der Einäscherung flugs verlässt, weil kleine Imbisswagen und Mopeds vorgefahren sind und Essen bringen: „Oma ist noch nicht zu Ende verbrannt, und nebenan wird schon Eis geschleckt. Und es ist irgendwie okay so.“

Selbstironisch und humorvoll schildert das Duo, das sich in den Erlebnisschilderungen abwechselt, davon, wie Antje de Vries immer wieder um Ecken verschwindet, um genussvernarrt am nächsten Straßenstand Köstlichkeiten zu naschen und sich Rezepte verraten zu lassen, denn auf Bali werden Rezepte in den seltensten Fällen niedergeschrieben. „Wir haben uns bei der Auswahl der Rezepte im Buch auch bewusst entschieden, nicht die erwartbaren immer gleichen Klassiker wie Nasi Goreng in den Fokus zu rücken, sondern die Gerichte vorgestellt, die uns bei der Reise begegnet sind und begeistert haben: die Gerichte, die die Einheimischen lieben und essen abseits der Touristenorte.“ Stattdessen gibt es scharfen Obstsalat mit Chilis und Würzpasten, Avocado-Schokoladen-Shake, Pfannküchlein, die mit nach Vanille schmeckenden Pandanblättern aromatisiert und grün gefärbt werden, Duftreis mit Kokosmilch und Kaffir-Limettenblättern, Rezepte für Frittiertes und Gegrilltes von Streetfood-Ständen oder Nasi Campur, ein Miteinander vom an Rindfleisch-Curry erinnernden Gericht Rendang, auf Zitronengrasstängeln gegrilltem Hühnerfleisch, scharfem Wasserspinat und zahlreichen weiteren Beilagen.

Hervorragende Kritiken

Nachdem die Ostfriesin mit „Abenteuer Geschmack“ einen bundesweit gefeierten Kochbuch-Erstling hingelegt hatte und mit ihrem Zweitwerk „Fermentieren“ sogar den Deutschen Kochbuchpreis in Gold gewonnen hat, sind auch für das neue Werk die ersten Kritiken durchaus überschwänglich. Schon 2019 wurde Vivi D’Angelo für ihre kunstvollen, lebensnahen Reportagefotos auf dem Internationalen Food Photo Festival im dänischen Vejle ausgezeichnet. Stevan Paul, selbst einer der erfolgreichsten Kochbuchautoren Deutschlands, zählt „Bali“ in seinem Online-Magazin „Nutriculinary“ zu den zehn besten Kochbüchern des Jahres 2021. Er schwärmt von den besonderen Gewürzmischungen, Bumbus für die Würze des Gerichts selbst, Sambals zum individuellen Abschmecken, die die balinesische Art zu kochen ausmachen und denen Antje de Vries viel Hingabe widmet.

Und er schreibt: „Der opulente Band ist mehr Reisebuch als Kochbuch, eine umsichtige Annäherung an die kulinarische Kultur der ,Insel der Götter‘, die untrennbar verbunden ist mit Zeremonien, Gemeinschaft, Familie, Riten und Religion.“ Bei „Kaisergranat“, einem der großen Kochbuch-Rezensionsportale in Deutschland, gehört „Bali“ mit 8,3 von 10 Punkten auch zu den besten des Jahres, und die Autoren loben: „Bei Reise- und Reportagekochbücher aus anderen Ländern ins Deutsche übersetzt werden, bleiben häufig das Persönliche und die Nähe auf der Strecke. Das ist hier genau andersherum. Die Rezepte und Geschichten bilden eine wunderbare Einheit und das Lesen macht bereits ab dem ersten Satz Spaß.“

Unterdessen arbeitet die Ostfriesin bereits an weiteren Kochbüchern. Zum einen ist aktuell ein Werk über „Magische Kräuterküche“ für den großen Gräfe+Unzer-Verlag in der Mache, zum anderen ein Buch, das sich der ursprünglichen, oftmals veganen Küche auf Sierra Leone nähert. Dies erscheint voraussichtlich im kommenden Jahr als Benefiz-Werk zugunsten des Vereins Pfefferminzgreen, der sich dafür einsetzt, Genitalverstümmelung bei Frauen in Afrika zu verhindern und um Aufklärungsarbeit bemüht. Darüber hinaus, „ein bisschen Reisen geht gottseidank ja wieder“, hat die Ostfriesin an verschiedensten Ecken auf der Welt Projekte am Wickel. „Und wir suchen auch noch einen internationalen Verlag für ,Bali‘, der das Buch auch auf Englisch herausbringen wird. Denn die balinesische Kultur interessiert ja nicht nur in Deutschland, und es wäre schön, wenn auch unsere Freunde dort das Buch nicht nur in der Hand halten, sondern auch verstehen könnten“, sagt Antje de Vries.

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