Interview mit Frank Baumann

„Ein wenig mehr Gelassenheit hätte ich mir für mich gewünscht“

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 21.10.2021 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Frank Baumann wird Ende des Monats seinen letzten Arbeitstag als Bürgermeister haben. Foto: Hock
Frank Baumann wird Ende des Monats seinen letzten Arbeitstag als Bürgermeister haben. Foto: Hock
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Der scheidende Bürgermeister der Krummhörn, Frank Baumann (SPD), blickt im Interview mit unserer Zeitung auf seine Amtszeit zurück. Das Amt habe ihn sehr gefordert und auch verändert.

Pewsum - Nach sechs Jahren gibt Frank Baumann sein Amt als Bürgermeister der Krummhörn an seine Nachfolgerin Hilke Looden ab. Der Sozialdemokrat lenkte seit 2014 als Nachfolger seines Parteigenossen Johann Saathoff die Geschicke der Gemeinde. Der heute 55-Jährige musste viel Kritik während seiner Amtszeit einstecken, konnte aber auch einige Erfolge verzeichnen.

Im Interview spricht Baumann mit unserer Zeitung über das gescheiterte Kulturhaus für die Krummhörn, die letzte Ratssitzung und seine Pläne für die Zukunft.

OZ: Herr Baumann, wird man Sie an Ihrem letzten Tag aus dem Büro zerren müssen oder gönnen Sie sich einen frühen Feierabend?

Baumann [schmunzelt]: Ich gönne mir einen frühen Feierabend. Man hat mir gesagt, dass es an dem Freitag nicht so spät wird. Deswegen werde ich wohl früh das Rathaus verlassen.

OZ: Wird es denn noch eine letzte Sprachnachricht von Ihnen am 29. Oktober geben?

Baumann: Selbstverständlich wird es noch eine geben.

OZ: Wenn Sie zurückblicken, was würden Sie denn als größten Erfolg Ihrer Amtszeit bezeichnen?

Baumann: Also im Grunde ist das neue Rathaus etwas, das man mit meinem Namen verbinden wird. Hinzu kommt der neue Bauhof, der für die gemeindliche Infrastruktur sehr wichtig ist. Es ging mir auch um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen vernünftige Arbeitsbedingungen zu bieten. Die Bürgerinnen und Bürger der Krummhörn können stolz auf ihr Rathaus sein. Diese beiden Infrastrukturprojekte würde ich ganz oben ansetzen. Es gibt natürlich noch andere Sachen: Das ist einmal die Flüchtlingsthematik 2015, wo ich von Anfang an gesagt habe: Wir müssen da was tun. Und ich habe viele Helferinnen und Helfer dabei gehabt, ohne diese hätten wir diese Flüchtlingskrise so nicht geschafft. Es war mir aber wichtig, für die Menschen etwas zu tun und ihnen hier auch Obdach zu geben. Und das ist gelungen, denke ich mal. Das war mir aus menschlicher Sicht wichtig.

Frage: Was würden Sie denn selber als Ihren größten Misserfolg bezeichnen?

Baumann: Der nicht erfolgte Bau des Kulturhauses hier in Pewsum. Das Kulturhaus wurde durch einen Bürgerentscheid zunichtegemacht. Das wäre, und dieser Meinung bin ich noch immer, für die Gemeinde sehr wichtig gewesen. Ich respektiere, wie es gekommen ist. Die Bürger haben darüber entschieden, aber diese Einrichtung wird uns auf viele, viele Jahre in der Gemeinde fehlen. Und die Förderquote, die wir damals bekommen hätten, die werden wir nie wieder bekommen. Ich bedaure den Ausgang des Bürgerentscheids wirklich sehr, das ist auch für mich eine persönliche Niederlage gewesen, weil ich mich da sehr stark gemacht hab. Aber gut, es war nicht so gewollt. Muss ich so respektieren, aber es war schmerzhaft für mich.

OZ: Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, was würden Sie in ihrer Amtszeit anders machen?

Baumann: Ich habe da schon drüber nachgedacht, aber so viele Sachen sind das im Rückblick gar nicht. Die Politik hat mir oft mangelnde Kommunikation vorgeworfen. Das habe ich nie ganz nachvollziehen können. Von Anfang an habe ich versucht, ausnahmslos mit allen Fraktionen den Kontakt zu halten. Bedauerlicherweise war das nicht von allen gewollt. Deswegen sind auch einige Termine mit den Mandatsträgern, die ich auch regelmäßig angeboten hatte, irgendwann ausgefallen. Es kam einfach niemand mehr. Für mich selbst: Ich hätte vielleicht einige Sachen ein bisschen mehr an mir abperlen lassen müssen. Vieles habe ich mir zu sehr zu Herzen genommen. Das hat dann 2016 auch mit zu einem Schlaganfall geführt.

OZ: Inwiefern hat Sie das Amt verändert?

Baumann: Nun, das Amt hat mich sehr gefordert - und durchaus schon verändert. Ein wenig mehr Gelassenheit hätte ich mir für mich gewünscht.

OZ: Ihre Ansprache in der letzten Ratssitzung endete mit den Worten: „Einige können jetzt aufatmen, ich habe fertig.“ Wie schwer ist es Ihnen gefallen, nicht noch mehr Hühnchen zu rupfen?

Baumann: Das ist mir überhaupt nicht schwer gefallen. Ich wurde arg angegriffen, wahrscheinlich habe ich auch selbst mal ausgeteilt. Aber mit Blick auf das Ende der Amtszeit habe ich mich gefragt: Wie will ich mich denn verabschieden? Will ich hier wirklich in Not und Elend und Schutt und Asche gehen? Das will ich nicht. Das ist, glaube ich, auch deutlich geworden. Diese Amtszeit war für mich persönlich überragend. Es war eine Bereicherung für mich, das alles zu erleben, Menschen kennenzulernen, Herausforderungen zu meistern, Situationen kennenzulernen, die man so vorher nicht kannte. Es mir aber auch wichtig zu sagen: Ja, wir haben uns durchaus gerieben! Aber ich mache jetzt keine Abrechnung mit niemandem mehr. Das hilft keinem.

OZ: Was genau haben Sie denn ab November vor?

Baumann: Genau kann ich das nicht sagen. Ich habe aber eine Menge Ideen. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe mir sechs Monate genommen, in denen ich mal komplett runterfahren will. Und danach werde ich mich auf jeden Fall ehrenamtlich einbringen. In welchem Bereich, wird sich zeigen. Ich werde meine freie Zeit auf jeden Fall so einteilen, dass ich durchaus noch hauptamtlich unterwegs sein werde.

OZ: Also kein früher Ruhestand?

Baumann: Ich habe nicht vor, wieder in eine Kommunalverwaltung zu gehen, es sei denn, es gibt irgendwo ein Angebot für ein Projekt. Das kann ich mir vorstellen. Wie gesagt: Ich will auch vieles ehrenamtlich machen. Ich will viel probieren. Ich will auch mal eine Sache machen, bei der ich zu der Erkenntnis kommen darf: Nein, das ist doch nichts. Ich bin da ganz entspannt. Ich könnte eine Zeitlang durchaus Hausmann sein - aber auf Dauer suche ich nach neuen Herausforderungen – auch nach beruflichen.

OZ: Nun sitzen Sie zu Hause innerhalb dieses halben Jahres und haben vielleicht gerade etwas Nettes gekocht. Dann ruft Hilke Looden Sie an – und Sie wissen genau, sie hat eine Frage. Gehen Sie ran?

Bauman: Selbstverständlich. Frau Looden und ich haben uns diesbezüglich schon verständigt. Ich bin gerne bereit zu helfen, wenn in der Anfangszeit dieses nicht ganz einfachen Amtes Fragen auftauchen. Vielleicht ein Vierteljahr, vielleicht auch nur vier Wochen. Das hängt von der neuen Bürgermeisterin ab. Wir kennen uns sehr, sehr lange. Und wenn meine Nachfolgerin meine Hilfe braucht, wird sie sie bekommen.

OZ: Wird man sie denn künftig im Zuschauerraum von Ratssitzungen sehen?

Baumann: Ja, aber nicht immer. Die konstituierende Sitzung werde ich mir schon ansehen. Allerdings auch aus persönlichem Interesse, weil unser Sohn in den Rat gezogen ist als jüngstes Ratsmitglied und ich einfach auch gucken will, was aus ihm wird. Er hat feste Vorstellungen, klare Vorstellungen und ich habe ihm gesagt, bei der Konstituierenden bin ich mit dabei. Meine Frau im Übrigen auch.

OZ: Sie haben ja künftig auch noch ein bisschen mehr Zeit zum Radfahren – über kaputte Wirtschaftswege. Wird Ihr Pilotprojekt noch etwas werden?

Baumann: Das lässt sich nicht mehr realisieren in diesen paar Tagen, die ich jetzt noch hier bin. Das bedauere ich sehr, weil ich glaube, wir haben einen guten Plan und wir hätten auch schon beginnen können. Aber die Wirtschaftswege sind auch für Hilke Looden eine Priorität, das weiß ich. Deswegen wird sich da in den nächsten Jahren auch etwas tun. In welcher Form auch immer.

OZ: Ihr letzter Satz als Bürgermeister?

Baumann: Es war eine tolle Zeit, die ich nie bereuen werde.

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