Osnabrück

Mit welchen Mentaltricks Jonas Deichmann den Triathlon um die Welt meisterte

Marvin Weber
|
Von Marvin Weber
| 21.10.2021 13:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Extreme Reise: Jonas Deichmann umrundete die Welt. Foto: Ravir Film
Extreme Reise: Jonas Deichmann umrundete die Welt. Foto: Ravir Film
Artikel teilen:

Jonas Deichmann hat seinen „Triathlon um die Welt“ geschafft. Ein Interview über mentale Tricks gegen den inneren Schweinehund, eine positive Lebenseinstellung und die Angst vor sibirischen Lkw-Fahrern.

Mit seinem Triathlon um die Welt ist Jonas Deichmann nicht nur in Mexiko zum Star geworden. In etwas mehr als einem Jahr umrundete er schwimmend, auf dem Rad fahrend und laufend den Globus und legte dabei insgesamt rund 27.000 Kilometer zurück. Sein „Triathlon 360 Degree“ war nicht die erste sportliche Extremleistung, die der 34-Jährige in den vergangenen Jahren gemeistert hat. Deichmann ist mittlerweile hauptberuflich Abenteurer und hält mehrere Weltrekorde im Radfahren. Im Interview erklärt der gebürtige Stuttgarter, mit welcher Einstellung er seine extremen Vorhaben angeht, warum negative Gedanken dabei nur wenig Platz haben und weshalb ihm Lkw-Fahrer in Russland mehr Angst machen als Bären in der Wildnis oder mexikanische Kartelle.

Lesen Sie auch: 

Jonas Deichmann, haben Sie das Finish Ihres Triathlons um die Welt bereits gebührend gefeiert und ist der akute Muskelkater erst einmal auskuriert?

Ja, auf jeden Fall, auch wenn ich nach meiner Ankunft hier erst einmal unzählige Medienanfragen beantworten musste. Aber ich konnte die Tage hier seitdem trotzdem gut genießen. Zur Feier nach dem Zieleinlauf gab es viele Margaritas und mein Vater war pünktlich zum Finish hier in Mexiko. In der ersten Woche habe ich ansonsten komplett die Füße hochgelegt. Jetzt laufe ich zumindest täglich einmal den 1,5 Kilometer langen Strand hier in Tulum entlang - ein lockerer Lauf, um die Beine ein wenig zu vertreten.

Komplett beendet ist der sportliche Part deines Vorhabens ja noch nicht: In den kommenden Tagen steigen Sie abschließend von Portugal aus noch einmal für vier Wochen aufs Fahrrad, um die letzten Kilometer deiner Weltumrundung bis nach München zurückzulegen. Die 4000 Kilometer sind für Sie als Radsportler reine Formsache, oder?

Ich freue mich total auf diesen letzten Abschnitt. Das wird das erste Mal auf der Tour ein klassisches Radabenteuer ohne Schneefall und andere Hindernisse. Und die Route durch Portugal, Spanien und Südfrankreich ist wunderschön. Ich kann entspannt nach Hause rollen, das ist fast wie Urlaub.

Corona, extreme Wetterbedingungen oder der innere Schweinehund: Was waren die größten Herausforderungen bei Ihrem Triathlon um die Welt?

Die mit Abstand größte Herausforderung waren die Grenzschließungen durch Corona. Das war das Einzige, das ich nicht unter Kontrolle hatte, alles andere lag in meinen Händen. Bei dem sportlichen Part wusste ich, dass ich es schaffe. Aber, ob mich gewisse Länder nun einreisen ließen, darauf hatte ich keinen Einfluss. Ansonsten hat mir auch der sibirische Winter ordentlich zu schaffen gemacht, das Wetter in Russland war zwischenzeitlich schon sehr extrem. Weitere Herausforderung war immer wieder die Logistik beim Schwimmen und beim Laufen. Dadurch, dass ich bei beiden Disziplinen nicht so große Strecken wie mit dem Rad zurücklegen konnte, hatte ich abends immer mal wieder Probleme, weil kein Supermarkt oder Restaurant in der Nähe war.

Gab es Momente und Situationen, in denen Sie kurz davor gewesen sind, das Projekt abzubrechen?

Nein, das war nie eine Option. Abbrechen ist ja keine Lösung. Man muss in schwierigen Situationen einfach flexibel bleiben und den Plan anpassen.

Welche der drei Disziplinen hat Sie besonders gefordert?

Das Schwimmen war sicherlich mental am schwierigsten für mich und die unangenehmste Disziplin. Das war, auf gut Deutsch gesagt, einfach jeden Tag scheiße. Sportlich gesehen, war sicherlich das Laufen das anstrengendste. Beim täglichen Marathon hast du immer ein größeres Tief und die Belastung für die Gelenke und Beine ist deutlich extremer als beim Radfahren. Und auch der innere Schweinehund kann beim Laufen dann schon einmal ganz schön groß werden. Da fällt es nicht immer ganz so leicht, sich jeden Morgen zu sagen: Geil, und heute wieder einen Marathon laufen.

Gab es im Gegenzug auch überraschend leichte Phasen, die Sie vor dem Start anders eingeschätzt haben?

Eigentlich stelle ich mir alles immer leichter vor als es letztendlich ist. Ich denke mir vor jeder Herausforderung: Das wird schon nicht so schlimm. Wenn es dann doch mal härter wird, muss ich da eben durch. Aber, wenn ich von vornherein denke, dass es zu schwer für mich ist, brauche ich überhaupt nicht losfahren.

Wo sind Sie eher immer mal wieder an Grenzen gestoßen? Bei den täglichen sportlichen Herausforderungen oder mental, wenn man für so einen langen Zeitraum unterwegs ist?

Bei so einer langen Reise ist das Mentale auf jeden Fall immer die größere Herausforderung. 95 Prozent ist Kopfsache. Das schwierigste ist es, immer motiviert zu sein, immer fest daran zu glauben, dass du es schaffst. Gerade in dem Fall, wenn auf einmal alle Grenzen schließen, ist es nicht ganz einfach, immer an sich und das Projekt zu glauben.

Sie haben in den vergangenen knapp zwölf Monaten rund 27.000 Kilometer hinter sich gelassen. Mit welchen mentalen Tricks geht man so eine gigantische Strecke und Herausforderung an?

Ich schwimme, radele und laufe gedanklich immer nur bis zum nächsten Verpflegungsstopp. Ob das nun ein Felsen beim Schwimmen, eine Tankstelle beim Radfahren oder ein Restaurant beim Laufen ist, macht keinen Unterschied. Außerdem denke ich immer nur an den aktuellen Tag, alles andere spielt für mich keine große Rolle.

Wenn Sie nicht gerade neue sportliche Rekord aufstellen, arbeiten Sie unter anderem auch als Motivationsredner: Ist dieses Denken in möglichst kleinen Etappen auch eine „Weisheit“, die Sie den Menschen bei Ihren Vorträgen mit an die Hand geben?

Absolut. Große Ziele in kleine Happen herunterzubrechen, ist eine der größten Weisheiten, die man aus dem Extremsport weitergeben kann. Beim Laufen bin ich zum Beispiel im meinem Kopf jeden Tag 42-mal einen Kilometer gelaufen - und das dann eben 120 Tage hintereinander. Diese Denkweise kann man auf so ziemlich alles im Leben anwenden. Auch beim Abnehmen macht es Sinn, in Tagen und kleinen Schritten zu denken.

Was geben Sie dem „normalen Hobbysportler“ außerdem noch mit auf den Weg?

Dass es in allererster Linie vor allem um eine positive Grundeinstellung geht. Man muss fest daran glauben, dass man erfolgreich ist und das Ziel bereits vor Augen haben, bevor man angekommen ist. Wenn man zu viel zweifelt, muss man sein Vorhaben überhaupt nicht starten. Man weiß ja vor dem Start nicht, wie es wird. Daher sollte man erst einmal vom Best-Case ausgehen - auch wenn der natürlich nicht immer eintritt.

Konnten Sie bei deiner Weltumrundung die sicherlich immer wieder sehr beeindruckenden Landschaften auch ein wenig genießen oder sind Sie dabei so im Tunnel, dass Sie dafür überhaupt keinen Blick hatten?

Im Gegensatz zu Jan Frodeno (dreifacher und amtierender Ironman-Weltmeister, Anmerkung der Redaktion) bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii war ich bei meinem Triathlon um die Welt nicht am absoluten Limit. Ich hatte auch immer mal wieder die Zeit, um für einen schönen Ausblick kurz anzuhalten. Keine zwei Tage, aber wenn es besonders schön war, konnte ich auch einmal für eine halbe Stunde an einem Ort verweilen.

Was hat Ihnen während des Abenteuers mehr Angst gemacht? Die sibirische Wildnis oder die hohe Kriminalität in Mexiko?

Ich hatte eigentlich vor beiden Szenarien keine Angst. Ich genieße die wilde Natur und freue mich eher, wenn ein Bär vorbeikommt. Und die Kriminalität in Mexiko war auch kein Problem. Ich habe die Kartelle dort getroffen und sie haben mich beschützt. Die wollten zwischendurch auch einmal ein Selfie mit mir machen und folgen mir nun teilweise auch auf Instagram. Außerdem hatte ich auch immer wieder eine Polizei-Eskorte, die mich begleitet und beschützt hat. Große Angst habe ich eigentlich nur vor russischen Lkw, die sind besonders gefährlich.

Eigentlich sollten Sie Ihre 120 Marathons einmal quer durch die USA führen. Aufgrund der äußerst komplizierten Einreise, bedingt durch die Coronapandemie, blieb dann nur Mexiko als Plan B. Dort wurden Sie seit den ersten Kilometern als der „deutsche Forrest Gump“ wie ein Volksheld gefeiert. Glückliche Fügung, könnte man sagen …

Das war ein richtiges Glücksgriff. Ich bin letztendlich so froh, dass es mit der Einreise in die USA nicht geklappt hat. Der Rest der Reise war nicht schlecht, aber Mexiko war definitiv mit Abstand das Highlight des Abenteuers. Dort ist jeden Tag etwas Besonderes oder teils auch Absurdes passiert. Ob ein Hund, der mich 120 Kilometer begleitet hat, ganze Polizeieinheiten mit Maschinengewehren, die neben mir marschiert sind, oder eben die Begegnungen mit den Drogenkartellen: Das sind Erlebnisse, die hat man nur einmal im Leben.

Ab und zu wurde der Trubel um Ihre Person dann jedoch auch immer mal wieder zu viel. Haben Sie sich in diesen Momenten die Einsamkeit der sibirischen Einöde zurückgewünscht?

Diese Momente gab es durchaus. Das hat teilweise Ausmaße angenommen, die in Deutschland unvorstellbar gewesen wären. Mein Lauf wurde sogar live im Fernsehen übertragen. Manchmal sind täglich mehrere Hundert Menschen mit mir gelaufen. Wenn ich eine kurze Pinkelpause gemacht habe, hatte ich gefühlt fünf Kameras im Gesicht. Einige Leute haben vor meinem Hotel auf mich gewartet. Insgesamt war eine tolle Erfahrung, aber ich bin froh, dass ich kein prominenter Schauspieler bin, der nirgendwo mehr alleine hingehen kann. Das wäre der Horror für mich.

Sie halten gleich mehrere Rekorde auf dem Rad. Welchen Platz nimmt jetzt dieser geglückte Triathlon um die Welt in Ihrer Sammlung ein?

Ganz klar den ersten Platz. Allein aufgrund der Erlebnisse und der Länge übertrifft es alles, was ich bisher gemacht habe. Ich hatte schon immer den Traum von einer Weltumrundung, den ich mir nun erfüllen konnte. Auch bezüglich der Schwierigkeit war es die bislang größte Herausforderung für mich. Als Radsportler 460 Kilometer zu schwimmen und 120 Marathons zu absolvieren, das erhöht für mich den Stellenwert des Projekts noch einmal enorm.

Ihr nächstes Projekt haben Sie bereits für das Jahr 2023 angekündigt. Können Sie andeuten, was Sie vorhaben?

Das wird auf jeden Fall wieder etwas Großes. Die Pläne dafür sind schon sehr konkret. Das Projekt wird dem Triathlon um die Welt in nichts nachstehen, ist aber natürlich noch streng geheim.

Und bis dahin legen Sie die Füße hoch und entspannen sich oder gibt es für einen Extremsportler keine Verschnaufpausen?

Im Dezember erscheint erst einmal mein Buch zum Triathlon um die Welt. Im März gibt es dann den großen Film zum Projekt. Daher bin ich ab Dezember für sechs bis sieben Monate auf Vortragsreise, Filmtournee und Buchpromotion unterwegs. Langweilig wird es also nicht.

Das Video zum Start des Projekts „Triathlon 360 Degree“:

Ähnliche Artikel