Kolumne: Intern

Verleger dürfen sich inhaltlich nicht einmischen

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 22.10.2021 09:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Joachim Braun
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Der längst fällige Rauswurf von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und dessen Umständen sorgten diese Woche für Schlagzeilen. Joachim Braun beleuchtet in seiner Kolumne noch einen anderen Aspekt.

„Der wahre Verleger muss Vater und Mutter sein, Amme und Zuchtmeister, Gläubiger und Fordernder, Duellant und Sekundant, Beichtvater und Ministrant, Heiliger und Hurenbold. Er muss das Gehirn eines Philosophen, den Blick eines Radiologen, die Sanftmut einer Krankenschwester haben“, schrieb einst der Schriftsteller Fritz J. Raddatz. Ich ergänze: Er mischt sich nie in die journalistische Arbeit ein, sondern tut alles, damit Journalisten frei und unbehindert arbeiten können. Nur so funktioniert unabhängiger Journalismus als eine der Säulen unserer Demokratie.

Zur Person

Joachim Braun (55) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeiger und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.

Was passiert, wenn ein Verleger aus der Rolle fällt, konnten wir diese Woche erleben. Dirk Ippen, einer der erfolgreichsten Zeitungsunternehmer dieses Landes, der von einer kleinen Zeitung in Hamm/Westfalen aus ein bundesweites Imperium aufbaute (Disclaimer: Ich habe bis 2011 24 Jahre für Ippen gearbeitet) und übrigens ostfriesische Wurzeln hat, untersagte einem Reporterteam die Veröffentlichung einer Enthüllungsgeschichte über den „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Die Kollegen wehrten sich mit einem Brief an Ippen, der öffentlich wurde und über Twitter viral ging.

Ippen, inzwischen 81, ist völlig zu Recht nicht nur in der Branche blamiert. Seine Rechtfertigung, dass er nichts Schlechtes über einen Mitbewerber veröffentlichen wollte, klingt ehrenwert, entschuldigt aber nicht sein Eingriffen in journalistische Unabhängigkeit. Dies ist der Sündenfall schlechthin, und damit war Ippen sogar Gegenstand eines Artikels in der „New York Times“.

Nur Journalisten, die unabhängig arbeiten, losgelöst von Interessen ihres Verlegers, politischer Parteien, Lobbyisten und natürlich auch ihrer Werbekunden, können für sich beanspruchen, glaubwürdige Berichterstattung zu machen. In der heutigen Zeit, in der die Finanzierung von Journalismus immer schwieriger wird, ist das Eis zweifellos dünner geworden - aber für meinen Verlag kann ich sagen: Die Brandmauer steht, es gibt keine Vermischung zwischen Geschäftsinteressen des Verlages und der journalistischen Arbeit. Darüber bin ich sehr froh.

Kontakt: j.braun@zgo.de

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